Ein Ringen um Orientierung – Kalle Mattson

Das Format EP wird ja oft ein wenig despektierlich behandelt. Im besten Fall beinhaltet es eine Handvoll Tracks, die entweder die Wartezeit zum nächsten Album überbrücken sollen oder aber thematisch nicht recht zur anstehenden Platte passen und deshalb als EP das Licht der Welt erblicken. Am lautersten wirkt das Format, wenn aufstrebende Musiker EPs als Lernprozess auf dem Weg hin zum Debütalbum verstehen. 2015 hat schon die eine oder andere wunderbare EP gesehen, das Konzept in meinen Augen sogar rehabilitiert. Dazu zählt fraglos auch das sechs Tracks umfassende Werk Avalanche des kanadischen Singer-Songwriters Kalle Mattson. Vor anderthalb Jahren hat er mit Someday, The Moon Will Be Gold eine großartige Platte vorgelegt, die ich mit viel Lob bedacht habe. Er weiß also, wie ein Album geht, und hat sich dennoch für die komprimierte Form entschieden.

Dabei ist Avalanche nur teilweise ein Versuchsballon für einen neuen Sound, an seinen Talenten rüttelt Mattson nicht. Den Titeltrack Avalanche etwa kann man getrost als Pop bezeichnen, der sich von Dylan den unorthoxen Gesang und von Springsteen die melodische Wucht holt. Wie sehr Mattson Vorbildern huldigt, verrät der zum Song gehörige Clip, in welchem Mattson kultige Albencover nachstellt, sich mit viel Charme in sie hineininszeniert. Der Kanadier hat genug Zutrauen ins eigene Können, um in die Fußstapfen von Legenden treten zu wollen. Und zugleich den Mut sich in den Texten zu Orientierungslosigkeit zu bekennen. Die Lyrics zeigen eine Schwebe, die die Narben der Jugend verheilen lassen möchte, jedoch nicht wirklich weiß, was die Zukunft zu bieten hat. Der Aufbruch trotz Zweifel gerät zur Kernbotschaft der EP, bereits zu Beginn sind die Worte „Now I live my life with a confident doubt“ wegweisend. Avalanche ist zwar der beste Track dieses Werks, aber auch der Rest verdient Beachtung. Lost Love besticht im Refrain als keyboardiger Tralala-Pop mit Pfiff. Wenn ich im Falle von Mattson von Pop spreche und zugleich einen Rocktitanen wie The Boss als Referenz heranziehe, dann ist das kein Widerspruch, denn auch Springsteen hat mit Hungry Heart eingängigen Pop gemacht. Mit Left Behind taucht das zweite Steckenpferd des jungen Kanadiers auf, der Folk nämlich. Der reduzierte Folk weicht bei der Nummer allmählich einer sachten Popballade. Und die Lyrics signalisieren den Neuanfang nach schwerer Zeit, haben allerlei Träume und Hoffnungen im Kopf („Lover I can feel your heartbeat in the night/ Well I’ve dreamed of us in diamonds, drunk & running blind/ & I will make some money then I’ll make you my bride„). Left Behind präsentiert sich dank nachdenklichem Temperament als Gegenentwurf zur Verve des Titeltracks. Beachtlich fällt in der Folge  A Long Time Ago aus, weil es das Motiv der EP nochmals prägnant verdichtet. Die Zeilen „Younger dreams are nowhere now“ und „Maybe baby we were born to run alone“ bringen das Coming-of-Age-Thema auf den Punkt. Und wieder fällt auf, dass sich Mattson vom Gitarrensound stärker hin zum Keyboard orientiert. Dieser neue Akzent steht ihm gut zu Gesicht, wie das überaus radiotaugliche New Romantics unterstreicht. So ganz will er jedoch nicht vom Folk lassen. Baby Blue ist in der Vermittlung von trauriger Zärtlichkeit starkes Singer-Songwritertum: „Lord I must confess that I long to pretend/ Long to come back anew & to be born again/ But tomorrow never comes never fast enough„.

Avalanche zeigt Kalle Mattson ein wenig zwischen den Stühlen. Er ist ein Mittzwanziger mit vielen Talenten. Er kann den erzählerischen, sogar mit Beklemmung dargereichten Folk ebenso wie melodische Üppigkeit, die mit Gitarren in Richtung Rock tendiert oder aber mit Keyboard unerhört poppig anmutet. Er beherrscht Ballade und Karacho, die einzige Konstante bleibt sein eigentümlicher, ab und an fast schiefer Gesang, der für zusätzlichen Charakter sorgt. Das textliche Motiv der Platte, das Ringen um Orientierung, darf auch für Mattsons Reise als Musiker gelten. Und vielleicht ist das der eigentliche Sinn von Avalanche, in überschaubarem Rahmen den eigenen Weg zu ertüfteln. Ich jedenfalls bin auf seine nächsten Schritte sehr gespannt!

avalanche_ep

Avalanche ist am 02.10.2015 auf Trickser erschienen.

Konzerttermine:

19.11.2015 Hannover – Feinkost Lampe
22.11.2015 Münster – Pension Schmidt
23.11.2015 Hamburg – Molotow
25.11.2015 Berlin – Monarch
26.11.2015 Karlsruhe – KOHI
27.11.2015 Freiburg – The Great Räng Teng Teng
28.11.2015 Nyon (CH) – La Parenthèse
30.11.2015 Bern (CH) – Café Kairo
01.12.2015 Wien (AT) – B72
03.12.2015 Dresden – Ostpol
04.12.2015 Saarbrücken – Sparte 4
05.12.2015 Köln – Die Wohngemeinschaft

Links:

Offizielle Homepage

Kalle Mattson auf Facebook

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