Es ist, was es ist: Synthie-Pop! – Metric

Eigentlich wollte ich die folgenden Zeilen unter das Motto „Quo vadis, Metric?“ stellen, mich ausgiebig wundern, warum eine Indie-Rock-Band mit tollen Nummern wie Help I’m Alive tatsächlich so sehr in Synthie-Pop abgleiten konnte. Die kanadische Formation rund um Sängerin Emily Haines setzt mit Pagans in Vegas konsequent das fort, was beim vorherigen Werk Synthetica (2012) vielleicht noch als musikalisches Intermezzo abgetan werden konnte. Die neue Platte hat zweifelsohne einige schmissige Synthie-Hymnen im Talon, zugleich finden sich darauf jedoch auch ein Track wie Other Side, der eher nach einem Abklatsch von Erasure tönt, auch weil Haines das Mikrofon weitergibt. Das ist in Anbetracht ihres unglaublichen Charismas eigentlich ein Frevel! Pagans in Vegas ist nicht ohne Makel, in den Augenblicken, wo der Funken überspringt, haben Metric aber noch immer die ganz großen, hitverdächtigen Refrains parat.

Bevor wir uns die Highlights der Platte ansehen, möchte ich das kleine Dilemma von Pagans in Vegans am Track Fortunes festpinnen. Der käsige Keyboard-Einsatz in den Strophen wirkt nicht besonders einnehmend, die stimmlose Wisperei von Haines haut auch nicht vom Hocker. Doch just in dem Moment, wo man das Lied abschreiben möchte, zaubern Metric eine Synthie-Pop-Rock-Herrlichkeit hervor, die für alles, absolut alles entschädigt. Metric zählen dann zu den Indie-Bands mit ohrwürmigstem Potential. The Shade schenkt sich jeden Vorlauf, entzückt sofort. Und weckt Assoziationen mit den derzeit nicht unpopulären Chvrches. Der fiepende Glitter des Songs und die hungrige Euphorie des Textes („With eternal love, the stars above/ All there is and ever was/ I want it all, I want it all„) lassen Konfetti auf den Hörer regnen. Was man diesem Lied zugutehalten darf, ist zweifellos diese kräftige Fiebrigkeit, mit der Haines losschmettert. Synthie-Pop konzentriert sich zu oft auf Stil oder gar ironische Brechung, bei Metric schimmert die dringliche Emotion der Achtziger durch. Das gilt nicht bloß für The Shade, auch Celebrate macht dabei eine gute Figur. „Who wants to celebrate/ And who’s just fine to sit and wait?“ versteht sich angesichts des Songs eher als rhetorische Frage. Dem hibbeligen Beat und Plastik-Keyboard der Strophe begegnet der Refrain mit Bombast. Das ist neben einem Hochgefühl die zweite Komponente, die Metrics Hinwendung zum Synthie-Pop überaus akzeptabel macht: Bombast! Im Umkehrschluss bedeutet dies jedoch auch, dass es keine sonderlich gute Idee ist, wenn Cascades Haines‘ Gesang mit Chrom legiert und den Sound zu einer kruden Mischung aus Computerspieleffekten und schwülem French-Pop mixt. Ansprechender fällt For Kicks aus, welches seinen Reiz aus der Spannung zwischen geradezu girliehaftem, aufgeweckten Electro-Pop und waviger Attitüde in den Strophen bezieht. Wenn man von den evidenten Anleihen bei Depeche Mode absieht, darf auch Too Bad, So Sad zu den starken Songs von Pagans in Vegas gezählt werden. Speziell dann, wenn es die Nummer auf die Tanzfläche zieht! Haines und ihre desperate, gleich einem vor dem Ausbruch stehenden Vulkan wirkende Persona („Get me out of this state I’m in/ When I spiral down, it’s a violent spin/ Got something I can’t hide/ Still alive, it’s an overwhelming drive„) bestechen einmal mehr! Mit Blind Valentine zieht gegen Ende hin noch ein wenig Indie-Rock-Flair mit standesgemäßer Hookline auf. Natürlich sehnt man diese Zeiten ein bisschen zurück. Denn in diesem Genre kommt die Dynamik und Strahlkraft der Frontfrau schlicht am besten zum Tragen.

Man kann an Pagans in Vegas natürlich all das bemäkeln, was es eben nicht ist. Oder aber man fokussiert sich auf das, was es sein will. Nämlich ein Synthie-Pop-Album mit starken, überwältigenden Melodien! Und diesem Anspruch wird die Scheibe fraglos gerecht. Denn auch wenn Metric ihre jetzige Phase bereits mit dem für 2016 avisierten nächsten Album überwinden und somit zu ihren Wurzeln zurückkehren, The Shade oder Celebrate werden dennoch auf keiner künftigen Best-of-Platte fehlen dürfen. Demnächst sind Haines und Konsorten auch in Deutschland auf Tour. Es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn neben all dem Synthie-Pop nicht auch die gute alte Zeit heraufbeschworen wird. Seien wir ehrlich, Hand aufs Herz: Help I’m Alive forever!

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Pagans in Vegas ist am 18.09.2015 auf MMI erschienen.

Konzerttermine:

17.10.2015 München – Theaterfabrik
19.10.2015 Hamburg – Große Freiheit 36
21.10.2015 Berlin – Huxleys
22.10.2015 Frankfurt – Batschkapp
23.10.2015 Köln – Die Kantine

Links:

Offizielle Homepage

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