Neuer Sound, alte Liebe – Yppah

Joe Corrales Jr. werkelt seit 10 Jahren unter dem Namen Yppah, hat in der Vergangenheit bereits drei wunderbare Platten veröffentlicht, die jeden Fan von Electronica entzücken müssen. You Are Beautiful At All Times von 2006 war ein Gedicht, mein persönlicher Favorit ist das träumerische Longtime. Danach folgte mit They Know What Ghost Know (2009), bei dem es mir die fröhlich-lärmige Kirmesverklärung A Parking Lot Carnival ganz besonders angetan hat. 2012 kam Eighty One, das in Zusammenarbeit mit Anomie Belle entstand und mit Three Portraits einen der tollsten Songs des Jahres hervorbrachte. Ich möchte mich an dieser Stelle als uneingeschränkter Fan Yppahs zu erkennen geben. Und auch das soeben erschienene Werk Tiny Pause zementiert diesen Status ein bisschen mehr. Obwohl es nicht Herrn Corrales‘ beste Scheibe ist.

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Photo Credit: Damian Apunte

War ich nach dem ersten Hördurchlauf noch ein wenig darüber irritiert, dass eingängige Harmonien fehlten, brachte ein Blick auf den Begleittext zu Tiny Pause Erleuchtung. Denn dort steht zu lesen: „Lag der Schwerpunkt früher auf Software basierten Produktionen und Liveinstrumentierung, liegt dieser nun bei modularen Synthesizern und Samplern.“. Es sind gar nicht mal zurückhaltende Melodien, die dieses Album ungewohnt klingen lassen, vielmehr hat Yppah seine Arbeitsweise auf den Kopf gestellt. Der Schalk und die Euphorie der Instrumente ist abhanden gekommen, stattdessen präferiert Herr Corrales Jr. einen synthetischeren Sound. Seine Tracks wuseln weniger, wirken aufgeräumter. Gegen solch Zugang spricht nichts – außer der Umstand, dass damit ein wenig Wiedererkennungswert flöten geht. Wenn man sich mit dieser Neuorientierung abfindet oder aber die vorherigen Platten nicht kennt, vermag Tiny Pause oftmals zu erfreuen. Occasional Magic etwa ist nachdenklich gehalten und wird durch ein gepitchtes Sample in engelsgleiche Unwirklichkeit gehoben. Neighbourhood scheint in seiner Rhythmik, Owl Beach III in der gesamten Haptik dem bisherigen Sound von Yppah am ähnlichsten. Letzteres hätte in seiner Unbeschwertheit auch gut auf They Know What Ghost Know gepasst. Der bisweilen wenig räumige Sound von Tiny Pause klingt bei dieser Nummer nicht trotz, sondern auch wegen offensichtlicher Synthie-Flächen wesentlich ausgestalteter. Bushmills ist einmal mehr Budenzauber vom Feinsten. Und für Tiny Pause ein wenig uncharakteristisch, weil es noch die alten Tugenden kultiviert. Besagtes Stück hatte Yppah bereits vor über einem Jahr auf Bandcamp als kostenloses Download verfügbar gemacht. Kurioser, ab und an quasi gleich einem verhinderten Halloween-Track mutet dank gespenstischen Untertons Spider Hands an. In welche Richtung der neue Zugang Yppahs gehen könnte, wird erst beim finalen Coastal Cities greifbar. Der von diversen Motiven dominierte Track vermag ein landschaftliches Ambiente einzufangen, stimmige Bilder zu vermitteln. Das Soundtrackhafte bei Coastal Cities ist definitiv ein möglicher Entwicklungspfad.

Ich will mit all den Einschränkungen und Vergleichen zu vorherigen Alben Tiny Pause niemandem madig machen. Es überzeugt mich sehr wohl, es lässt mich halt nicht Track für Track in schiere Begeisterung verfallen. Wer mit Yppahs Wirken bislang nicht vertraut ist, wird den neuesten Streich eventuell sogar als Offenbarung erleben. Es kommt eben auf die Erwartungshaltung an. Und jene ist bei mir als eingefleischten Fan riesengroß. Aber wo eigentlich steht in Stein gemeißelt, dass sich ein Musiker mit jedem Album steigern muss? Wohin die Reise von Herrn Joe Corrales Jr. auch geht, er gehört zu den Auserwählten, denen ich stets und gerne folgen werde. Nicht etwa trotz, vielmehr auch wegen Tiny Pause.

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Tiny Pause ist am 16.10.2015 auf Counter Records erschienen.

Links:

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