Schlaglicht 33: Phaedra

James Bond meets Twin Peaks. Elfe trifft auf Nachtclubsängerin. Oder: Björk goes Opera! So ungefähr möchte ich Phaedra, das Projekt der in Oslo beheimateten Sängerin Ingvlid Langgård, beschreiben. Das vor Kurzem erschienene Album Blackwinged Night vereint sinistre Eleganz mit exzentrischer Folklore. Als Hörer ist man zwischen Anbetung und Irritation hin- und hergerissen. Ein größeres Kompliment könnte man einer Platte kaum machen. Die Faszination noch besser auf den Punkt hat die werte Kollegin Eva-Maria vom Polarblog gebracht, wenn sie Phaedra als „Macbeths Hexe im Feen-Gewand“ bezeichnet. Damit verweist sie auf eine archaische Dunkelheit, die das Album zweifelsohne umfängt. Langgård ist ein atmosphärisch originäres Werk gelungen, dessen fraglos interessantes Songwriting von orchestraler Instrumentation und einer überragenden, facettenreichen Stimme gestützt wird. Nehmen wir doch etwa Too Much Sugar, welches wie eine Synthie-Tribal-Inkarnation eines Bond-Titelsongs anmutet. Oder Lightbeam, das dem durchaus populären, keltisch-nordischer Mythologie frönenden Folklore-Genre eine sehr seltene künstlerische Tiefe verleiht. Die Vielfalt von Blackwinged Night zeigt sich in der Folge beim von R&B und Art-Pop geprägten The Void. Episch wird das fast 11 Minuten dauernde Mend Me inszeniert, bei dem Langgård mit divaresker Souveränität intensive Minidramen und mit perfekt dosiertem Pathos dargebrachte Sehnsucht durchlebt. In seiner Struktur ist es mehr Liederzyklus als einzelnes Lied. Der im letzten Drittel einsetzende Synthie-Schauer samt Gewehrsalven-Beat hat mit dem Film-noir-Chic der ersten Minuten nicht sehr viel gemein, von der rituellen Percussion im Mittelteil oder der zwischenzeitlich aufblitzenden orchestralen Kakophonie ganz zu schweigen.

Ich schätze Platten, die eine eigene, schwer zu fassende Vision besitzen. Die auf vielfältige Art und Weise mit singulärer Ästhetik aufwarten. Phaedra strahlt auf Blackwinged Night hintergründige Präsenz aus, entwirft Impressionen, die dem Hörer in dieser Form noch nicht vertraut sind. Das Album entlockt ganz ohne billige Effekte großes Staunen. Weil es anders ist, weil es schillernd düster ist, weil es von großer kreativer Kraft getragen ist. Entdecken lohnt!

blackwingednight

Blackwinged Night ist am 18.09.2015 auf Rune Grammofon/Cargo Records erschienen.

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Ein Gedanke zu „Schlaglicht 33: Phaedra

  1. Lieber Christoph, freut mich sehr, dass Phaedra gefällt! Ist in der Tat eine der besten Entdeckungen der letzten Wochen. Aus unerfindlichen Gründen kommt im Moment jede Menge sehr guter Musik aus Norwegen. Habe grade noch eine tolle Kapelle aus Trondheim entdeckt. Bald mehr im Polarblog! 🙂

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