Wo zum Teufel steckt Ian Glover? – Dave Gahan & Soulsavers

Vielleicht vermute ich einen Krimi, wo gar keiner ist. Aber vorsorglich sollte man den Gärtner ersuchen, die Stadt nicht zu verlassen. Rekapitulieren wir zunächst die Fakten! Das englische Produzentenduo Soulsavers macht seit über 10 Jahren fabelhafte Alben, für It’s Not How Far You Fall, It’s The Way You Land (2007) und Broken (2009) konnte man mit  Mark Lanegan einen echten Charismatiker für die Zusammenarbeit gewinnen, bei The Light The Dead See von 2012 trat mit Dave Gahan sogar die Ikone von Depeche Mode ans Mikro. Wo auf vergangenen Platten Gäste die Soulsavers gesanglich verstärkten und auch Lyrics beisteuerten, scheint beim neuesten Streich Angels & Ghosts vieles anders. Das fängt bereits damit an, dass es kein reines Soulsavers-Album mehr ist, stattdessen firmiert es als Dave Gahan & Soulsavers. Die Ergebenheit geht sogar noch weiter. Die Soulsavers sind eigentlich beim Label V2 beheimatet, welches mittlerweile zu [PIAS] Cooperative gehört. Für Angels & Ghosts sind die Soulsavers jedoch zu Columbia gewechselt,  was natürlich auch mit Dave Gahan zu tun hat. Insgesamt verstärkt sich der Eindruck, dass Gahan den Zampano gibt, dem das Projekt Soulsavers nun auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist. Zugegeben, einem Gahan hörig zu sein, ist wohl nicht die schlechteste Idee. Aber wer steckt eigentlich hinter dem Projekt Soulsavers? Bislang galt die auch in Wikipedia gemeißelte Wahrheit, dass sich dahinter das Duo Rich Machin and Ian Glover verbirgt. Wenn man sich jedoch die Pressetexte so durchliest, wird mit jedem Album weniger von Ian Glover gesprochen. Bei Angels & Ghosts findet sich weder in den Credits des Albums noch auf dem Waschzettel eine Silbe über Ian Glover. Es ist immerzu von Rich Machin beziehungsweise den Soulsavers die Rede. Auch auf den offiziellen Promofotos sieht man nur Gahan und Machin. Und beide schauen eher ungemütlich drein. Haben sie gar etwas zu verheimlichen? Hat schon jemand Herrn Machins Garten umgegraben? Wo zum Teufel ist Ian Glover?

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Photo Credit: SonyMusic

Bevor wir jedoch sämtliche Detektive der britischen Insel mobilisieren, wollen wir vorher pflichtschuldigst noch der Platte ein Ohr leihen. Denn Angels & Ghosts ist Beweis einer fraglos fruchtbaren Zusammenarbeit. Von Gospel und Blues beeinflusste Pop-Grandezza vermengt sich mit Eskapismus, Altherrenweisheit und Erlösungsfantasien. Gleich zu Beginn wird mit Shine Bluesrock gepflegt, Gahan gibt den Heilsversprecher („Our Lord above shines down his love, it shines on you„). Wenn Ikonen ein gewisses Alter erreicht haben, bleiben zwei Möglichkeiten. Entweder den Dirty Old Man oder aber die geläuterte Seele zu geben. Gahan entscheidet sich für letztere Option. Beim folgenden You Owe Me greift erstmals The Hollywood Strings & Horn Ensemble unter der Leitung von Daniele Luppi zu den Instrumenten. Ich könnte mir keinen krisenfesteren Job vorstellen, als Mitglied dieses Orchesters zu sein. Streicher und Bläser haben in Hollywood schließlich stets Hochkonjuktur. Doch ich schweife ab. Zwei Drittel der Platte sind erhebender bis düsterer Edel-Pop, der Gahans souveränen stimmlichen Vortrag in Szene setzt und wunderbar ausstaffiert. Tempted tanzt jedoch allerdings nochmals aus der Reihe, fällt gitarrenlastig und orgelig aus, schwingt sich zu einem imbrünstigen „Angel of mine“ hoch. All Of This And Nothing zählt zu den bedrohlichsten Stücken des Albums, wie speziell die Strophe „River’s wide, too wide to see/ There’s a storm outside my window/ Moving close to me/ Move in from the dark“ unterstreicht. Es mag kein Zufall sein, dass dieses Lied als Single auserkoren wurde. Weil es in einigem sehr an Depeche Mode erinnert! Balladesk, mit Piano und Streichern fällt die fast biedermeierne Liebeserklärung One Thing aus. Diese Nummer wird eher früher denn später im Soundtrack eines Hollywood-Films auftauchen, da gehe ich jede Wette ein. Beim wiederum herber instrumentierten Don’t Cry kommen gut abgehangene Altherrenratschlägen hervor, unter anderem beim Refrain „Ah, it’s the same old feeling, you don’t have to lie/ Yeah, it don’t mean nothing, I’m gonna tell you why/ Don’t cry now, don’t cry/ Don’t you cry girl, it’ll be alright„. Gefühliger erschallt Lately. „Sail with me, we can hide away/ Let’s stay together, leave this world behind“ ist schwülstiger Eskapismus – und vielleicht deshalb das einzige eher schwächere Stück des Albums. Dezenten Pathos dagegen offeriert das abschiedsträchtige, gospelige The Last Time. Wer bislang keine Argumente für die Zusammenarbeit von Rich Machin und Dave Gahan gefunden hat, müsste eigentlich spätestens jetzt fündig werden. Diese klassisch reuige, sogar räudige Büßerballade ist ein echtes Highlight, lediglich getoppt vom erlösungstrunkenen My Sun („I feel your sorrow, I feel your pain/ Behind the darkest clouds the sun always shines again„). Ich kann die Freude darüber kaum verhehlen, dass ein feines Album zum Ende hin unvermittelt nochmals an Größe und Tiefe gewinnt!

Doch genug vom starken Angels & Ghosts! Zurück zum eingangs geäußerten Verdacht. Hätte ich ein Nachbarehepaar namens Müller und würde ich in letzter Zeit nur noch Herrn Müller sehen, wie er den Müll wegbringt oder die Wäsche im Garten aufhängt, müsste ich mich dann nicht zwangsläufig fragen, was mit Frau Müller wohl geschehen ist? Deshalb nochmals die Frage: Wo zum Teufel steckt Ian Glover? Dave Gahan & Soulsavers werden mich auch mit einer tollen Platte nicht von Nachforschungen abbringen. Ein winziges Hindernis existiert allerdings. Ich könnte nicht einmal ein Phantombild anfertigen. Ist Ian Glover also bloß künstlerische Chimäre? Hinweise dazu werden erbeten!

Dave Gahan & Soulsavers Albumcover ©SonyMusic

Angels & Ghosts ist am 23.10.2015 auf Columbia erschienen.

Links:

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Dave Gahans offizielle Homepage

SomeVapourTrails

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