Beklemmung auch bei Sonnenschein – Vlimmer

Vielleicht gibt es ja für jede Musik einen ganz bestimmten Ort, an dem sie gehört werden sollte. Ein folkig-erhabenes Plädoyer für ein Zurück-zur-Natur könnte sich etwa als Kulisse einen plätschernden Gletscherbach verdienen, ein Industrial-Abgesang dagegen wäre auf einer Brache in einem aufgegebenen Industriekomplex gut angesiedelt. Wo also dürfte man Vlimmer, ein Projekt des im Berliner Speckgürtel beheimateten Musikers Alexander Leonard Donat, verorten? Da sich die EPs I und II als Mischung aus Krautrock, Wave und Shoegaze entpuppen, würde mir spontan der Berliner Untergrund in den Sinn kommen. Steigen wir also hinab in die Kanalisation und Schächte, in all die Katakomben und Kloaken dieser Stadt. Denn die dunkle, hoffnungsarme, einsame Enge der EP wird dieser Szenerie durchaus gerecht.

Ein Charakteristikum der beiden EPs ist fraglos der fahle, verschwommene Gesang, der oft vor Lethargie und Weltabgewandtheit trieft. Er bildet das Fundament, auf dem die Musik ruht. Doch sehen wir uns das Werk ein bisschen näher an. Schon der Opener Schimmer mit seinen gebetshaften Vocals klingt wie aus einer Gruft oder einem Gewölbe tönend. Sofort findet man sich in diesen unterirdischen Gemäuern wieder, wo Unheimliches im Dunkel dräut. Ein Drumcomputer plätschert monoton dahin, während sich die übrigen Instrumente zu einem Gothic-Nebel verdichten. Gespenstisch flirrt alles, Lichtjahre von jedem Tageslicht entfernt, auch bei Zeitrand. In solch verhalltem, geheimnisprallen Krautwave lauert Schauer auf Schauer, nichts ist, wie es scheint. Man fühlt sich an die großen Monströsitäten aus Literatur und Film erinnert, die tief unter der Erde ihr Dasein fristen. Diese Welt aus lauter Schatten siecht am Boden der Abgründe dahin, komatös und doch bedrohlich. In der entmenschlichten Umgebung verkommt die Stimme zu einem gleichförmigen Krächzen, das durch Synthie-Schwaden gedämpft wird (Verankerung). Gleich einer Dampflok wuchtet sich Kanzer durch das Labyrinth aus Röhren und Tunnel. Ein Gewitter aus verzerrten Gitarren kriecht dabei die Mauern entlang. Jede Geisterbahn scheint dagegen Pipifax! Erst mit dem shoegazigen Geigerzahl, der letzten Nummer der ersten EP, wird der Albtraum durch einen Lichtstrahl aus einem weit oben angebrachten Kanalgitter gebannt. Die helle Nuance setzt sich zunächst auf EP II fort. Auch Zeitriss erschallt aus einem Lo-Fi-Knast untertags, findet dabei zur Menschlichkeit zurück, wenngleich Verwunschenheit und Einsamkeit nach wie vor präsent sind. Mit Konstrukt wendet sich Vlimmer jedoch wieder dem Schauermärchen zu. Ein brummiges Rasseln durchfährt das Stück, winselnder Post-Punk trifft hier auf Industrial-Flair. Noch morbider, im Verfall schleichend schleppt sich Stillstand dahin. Hier suggeriert der Titel mehr Sehnsucht als Fluch. Der Untergrund gerät ganz und völlig zum Gefängnis, dem nicht zu entkommen ist. Mit dem Showdown Verschiebung kommt eher unvermutet nochmals Karacho in die Bude. „Ein stark verzerrter Post-Punk-Shoegazer mit einem wahren Donnergrollen an Gitarrenschichten und Synth-Fuzz.“ beschreibt der Pressetext dies völlig zutreffend. In seiner Überspitzung, in der starken Verzerrung entwickelt es sich zum eindringlichsten Track der EPs. Verschiebung birgt die aus allen Poren zischende Erfüllung des Karmas, welches gleich einem Damoklesschwert von Anfang an über der Chose schwebt.

Wenn es einen passenden Ort gibt, an dem man die Düsternis von Vlimmer vollauf genießen kann, dann muss das ohne Zweifel ein von Humanität abgeschiedener, dreckiger, finsterer Platz sein.  Ein Raum, an dem die klaustrophobische Seele in aller Einsamkeit die Wände hinauf klettern kann, an dem jegliche Existenz surreal und leer erscheint. Ein schlichter Keller mit pochenden Heizungsrohren tut es jedoch nicht, er würde dem apathischen Wahn in keinster Weise Rechnung tragen. Wofür aber die EPs I und II als Soundtrack taugen, ist meiner Erfahrung nach eine Fahrt mit der Berliner U-Bahn. Hier scheinen Tristesse und Seelenlosigkeit zu Hause! Doch für welchen Ort man sich auch entscheidet, Vlimmer wird ihn in geisterhaften Dämmer tauchen. Wer gehaltvollem Grusel zugetan ist, vermag diesen Klängen beklemmende Dimensionen abzuringen.  Sogar bei Sonnenschein!

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EP I & EP II erscheinen am 06.11.2015 auf Blackjack Illuminist.

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