Eine Frage der Treue – Editors

Man kennt das ja aus Beziehungen. Der anfänglich tolle Prinz entpuppt sich schon bald als Frosch. Oder der heiße Feger wird rasch zur nörgeligen Alten, die man am liebsten auf den Mond schießen möchte. Dann wieder gibt es Verbindungen, die über die Zeit allmählich gewinnen. Wenn klammheimlich aus Freundschaft echte, wahre Liebe wird. Was für zwischenmenschliche Beziehungen gilt, kann auch auf das Verhältnis des Musikfans zu Bands und Musikern angewendet werden. Ich habe die Editors nie schlecht gefunden, aber mit der Zeit haben sich die Mannen um Tom Smith zu echten Lieblingen gemausert. Ich würde sogar so weit gehen, dass das neue Album In Dream eine der Platten des Jahres 2015 ist, die ich noch viele Jahre gerne und oft hören werde. Solch einen wohlüberlegten Treueschwur gibt man in schnelllebigen Zeiten wie diesen eher selten, zumindest ich nicht.

Bei den Editors ging es seit ihrem fraglos gelobten Debüt The Back Room (2005) in der Kritikergunst deutlich nach unten. Und auch Fans der ersten Stunde verloren spätestens bei The Weight of Your Love (2013) die Geduld. Als jemand, der die Band besser denn je findet, kommt man sich geradezu bescheuert vor. Denn wo alle längst neuere, coolere Act mit Rosen bedenken, steht man mit diesen abgehalfterten Helden von früher fast alleine da. Der Rest stürzt sich auf jüngere Semester. Das will mir nicht einleuchten, denn am Appeal von In Dreams ist nicht zu rütteln. Ein paar Beispiele gefällig? Salvation ist ein opulenter, pathetischer Track, der das dramatisch-orchestrale Element anfangs noch mit Synthie-Herzschlag im Zaum hält, ehe er am Höhepunkt des Refrains voll Aberwitz die Arme zur Hymne ausbreitet („Salvation/ Swimming with the swarm of electric stars/ Salvation/ Deliverance is ours by the light of the stars„). Vor solch symphonischen Sound muss man bewundernd in die Knie gehen. Oder nehmen wir No Harm mit seinen minimalistisch im Kreis wandelnden Keyboard-Akkorden. Durch dieses gedämpfte Wuseln dringt Smiths Gesang. Mal kühl, fast stoisch, dann wieder ins empfindsame Falsett wechselnd. Besonders edel, fraglos erhebend fällt Ocean of Night aus. Das beginnt bei Smiths wunderbarem Bariton, geht über atmosphärische Lyrics („This is a slow dance/ This is the chance to transform/ Pause for the silence/ Inhabit the calm of the storm/ This is your ocean/ An ocean of night„) bis hin zu einem gerade euphorisch in den Vordergrund tänzelnden Piano. Grandios! Über Life Is A Fear lasse ich auch nichts kommen. Zum Tanz aufgelegter, in der Strophe dunkler, im Refrain sehr energetischer Synthie-Pop samt der famoser Textzeile „Life is a fear of falling through all the cracks„. Überragend, meine ich! Auch The Law möchte ich nicht ungelobt lassen. Dieses Duett mit Rachel Goswell ist wie Katz und Maus. Smiths Passagen werden mit einem Hämmern und eiskalten Synthies unterlegt, Goswell sirupiger Vortrag dagegen ätherisch-shoegazig unterfüttert. Stark! Natürlich gibt es auch gewöhnungsbedürftigte Songs, etwa Our Love, das so wirkt, als hätte sich da eine Prise Pet Shop Boys reingeschummelt. Oder das spätestens beim zweiten Hördurchlauf zündende All The Kings, das wie eine Mixtur aus Eurythmics und Adamskis Hit Killer anmutet. Auch wenn es angesichts der Vielfalt dieser Platte seltsam klingt: Aber das wohl emotionalste Stück ist ausgerechnet das reduzierte, ganz und völlig auf einen wimmernden Smith zugeschnittene, unheimlich ergreifende At All Cost. Man erkennt nämlich eine tolle Band auch daran, dass ein Lied bloß mit Gesang und Lyrics zu überzeugen versteht.

Mir ist es ein Rätsel. Ein völliges sogar. Was haben die Editors verbrochen, dass ihre jüngste Platte selbst in ihrer englischen Heimat nur noch für Platz 5 in den Charts reichte und sich zumindest bisher nur 3 Wochen in den Charts hielt? In Dream verdient keinen Liebesentzug, eher schon jede Menge Treueschwüre. Dieses Album ist eine Frage der Treue. Wer solch Tugend besitzt, wird belohnt. Und – Hand aufs Herz – in Beziehungen ist es auch nicht anders!

InDream_Album©Rahi Rezvani

In Dream ist am 02.10.2015 auf PIAS erschienen.

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