Fight dragons and spells, survive through the storm – JP Hoe

Heute möchte ich dem werten Leser eine Platte vorstellen, die sich in den letzten Wochen zu einem meiner absoluten Lieblingsalben des Jahres 2015 gemausert hat. Ich will mich sogar zu der Aussage versteigen, dass in einer besseren Welt Menschen in Scharen zusammenkommen, sich an den Händen fassen und die Folk-Pop-Rock-Hymnen des im kanadischen Winnipeg beheimateten Singer-Songwriter JP Hoe singen würden. Das im Oktober hierzulande erschienene Album Hideaway hat für mich im positivsten Sinne Mainstream-Appeal. Es offenbart einen Sänger mit einer kräftigen, lebendigen Stimme, der Schicksale nicht nur besingt, vielmehr mit der richtigen Dosis lebt. Hideaway ist auf eingängige Weise ergreifend, ohne es mit Drama oder Pathos je zu übertreiben. Die Melodien der Platte zünden die gerade in den Refrains üppige Instrumentierung lenkt die Emotion stets in die richtigen Bahnen. Das Album macht es Hörern eigentlich leicht, es durch und durch zu mögen.

Schauen wir uns eine Handvoll Songs kurz näher an. Spätestens dann sollte deutlich werden, warum ich von der Scheibe so angetan bin. Beim Opener Beautifully Crazy etwa ist der Titel bereits Programm. Er beschreibt Menschen mit all ihren Marotten. Etwa das alte Mädchen von gegenüber, das behauptet Elvis gekannt zu haben und sich darum jedes Jahr seit seinem Tode eine Träne tätowieren hat lassen. Oder diesen schrägen Jesus, der den Leuten die Seelenrettung an einer Bushaltestelle anbietet. Gegen ein wenig Kleingeld natürlich. Solch skurrile Figuren kommen durchaus vertraut vor. JP Hoe sieht in ihnen jedoch keine verlorenen Seelen, die man retten müsste („All of these people/ So beautifully crazy/ Don’t have to carry the weight of the world/ All of these people that you think need saving/ It hit me right between the eyes/ We’re all beautifully crazy„). Andersartigkeit als Normalität ist ein durchaus zeitgeistiges Anliegen, das freilich bei dieser Nummer mit Leben erfüllt wird. Auch Save You (Here I Am Waiting) erzählt eine dieser Geschichten, in die man sich mühelos hineinversetzen kann. Unzertrennliche Jugendfreundschaften, die sich im Lauf der Zeit auseinanderleben, passieren. Einfach so. Wenn allerdings einer der Lebenswege in die Irre führt, sollte der alte Freund zur Stelle sein. Solch Botschaft mögen intellektuelle Musikfans als zu trivial empfinden. Aber vielleicht sind Warmherzigkeit und Hilfsbereitschaft gar nicht trivial, vielmehr der intellektuelle Habitus mancher Hörer nur blanker Zynismus. Der Track besticht mit einem kompakten Sound, der von Gitarre und Schlagzeug getragen und mit Streichern, Piano und Trompete gekonnt veredelt wird. Die folkig-nachdenklichen Momente entwickeln sich im Refrain zu intensivem Folk-Pop. Nicht minder eindringlich gerät Danger, dessen sehr dramatische Zeilen „Step with me now/ Don’t go adrift/ Stay close, so we can start to face/ The broken bridge that lies ahead/ And save ourselves again“ den hindernisreichen Weg in eine gemeinsame Zukunft wagen. Das Thema Flucht als einschneidender Aufbruch und Neuanfang taucht immer wieder auf, so auch beim selbsterklärenden Titel Run Away From Me: „Take all that you have/ And throw it over your shoulder/ You got miles to stretch/ No use now looking over„. Aber ich will mich nicht ausschließlich auf die Lyrics fokussieren. Die in eine Interaktion mit dem Gesang tretenden Streicher von My Silhouette gefallen mir ebenfalls gut. Der zwischen Americana und Pop angesiedelte Song fällt textlich weniger bemerkenswert aus, ist allerdings pfifig arrangiert. Yeah Yeah Yeah bringt Western-Pop mit Sixties-Harmonien. Eine hochgradig gefällige Nummer, die man schlicht lieben muss! Und noch ein Lied darf nicht unerwähnt bleiben. We Try zeigt JP Hoe mit seinem in der Regel markanten Organ dabei, wie er hoch ins Falsett klettert. Dazu irrlichtert fast schelmisch ein Instrument im Hintergrund, bei dem ich mir ehrlich gestanden nicht sicher bin, ob das nun eine Art Glockenspiel ist oder doch ein Keyboard. Inhaltlich gilt abermals der Vorsatz, sich nicht unterkriegen zu lassen, zu kämpfen. Schicksalen von der Schippe zu springen! Solch keinesfalls naiver Optimismus, der manchen Widrigkeiten trotzt, kommt völlig ohne Patentrezepte zum Glück aus. Außer dem beim schunkeligen Folkstück Like I Did Back Then geäußerten Rat „Fight dragons and spells, survive through the storm“ natürlich.

Dem Kanadier JP Hoe ist ein einnehmendes Stück Musik gelungen. Ein Album, dass die Laune hebt, allerdings nie Luftschlösser baut. Hideaway verfügt über Bodenständigkeit, die die Lieder glaubwürdig macht. Authentizität ist ein abgedroschenes Wort, welches man sparsam verwenden sollte. In hier vorliegenden Fall scheint die Verwendung jedoch angebracht. Man muss aus den Lyrics nicht erst unter Mühen eine Botschaft herauspulen. Wie sich JP Hoe die Kehle aus dem Hals singt, bringt einen zusätzlichen Pluspunkt. Der werte Herr besitzt eine aufmunternde Art, die ungekünstelt und sympathisch wirkt. Auch darum mein Fazit: 2015 war sicher kein schlechtes Jahr in puncto Singer-Songwriter. Wer in dieser Hinsicht aber noch auf das eine schmissige und zugleich Herz wärmende Album wartet, wird bei Hideaway sicher fündig. Denn nochmals! Dieses Album macht es Hörern unglaublich leicht, es mit Haut und Haar zu mögen.

jp_hoe_hideaway

Hideaway ist am 16.10.2015 auf MapleMusic Recordings erschienen.

Links:

Offizielle Homepage

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