Im Wechsel von Drehbuch & Regie – Mikael Delta

Das Handwerk eines Soundtracks besteht wohl darin, Musik an Bilder anzuschmiegen, dadurch die Wirkkraft von Situationen zu verstärken. Starke Bilder mit kalkulierter Musik zu unterfüttern, ist keine besondere Kunst. Im Gedächtnis bleiben daher meist nur jene Soundtracks, bei denen Musik mehr als nur Staffage ist. Noch spannender freilich geraten instrumentale Klänge, die selbst Szenerien vor dem geistigen Auge erstehen lassen. Über genau diese Qualität verfügt Life Is Now, ein Album des griechischen Komponisten Mikael Delta. Gedankenverlorene Ambient-Electronica sowie klassisch aufgelegtes Piano und Cello kreieren eine die Fantasie befeuernde Atmosphäre. Imagination ist ein hohes Gut, welches wir jedoch ab und an vernachlässigen. Sich – von der eigenen Vorstellungskraft beflügelt – einfach treiben zu lassen, birgt Erfüllung – wie dieses Werk beweist!

Mikael Delta

Life Is Now animiert das Kopfkino, führt mit jedem Stück in neue Gefilde. Mal fühlt man sich in einen Ozean versetzt und hört Delphinen bei ihrem klickernden Schnattern zu (Never Had This Feeling Before), dann wieder sieht man den Schneeflocken beim geschmeidigen Tanz hinab auf ein winterliches Berlin zu (Snowing In Berlin). Es ist ein Geben und Nehmen. Manch Tracks befüllt man selbst mit Inhalten, bei anderen hilft dagegen der Titel auf die Sprünge, lenkt die Stimmung in gewisse Bahnen. Jenes Kopfkino bereichert dieses Album, wie umgekehrt auch die Platte das Kopfkino ungemein bereichert. Rising Cities malt ein nachdenkliches Piano über Verkehrslärm, im Verlauf kommen Streicher hinzu. In dieser minimalistisch-entrückten Meditation scheint die Stadt in ein edles wie geheimnisumwittertes Schwarz-Weiß getaucht. Ein bisschen anders verhält es sich mit Late Night People, das mit unruhigem Beat durch die Clubs der Stadt tingelt. Die klassischen Instrumente hintertreiben hier das Lounge-Flair, lassen den Hörer nicht Teil der vergnügungssüchtigen Meute werden, sondern beobachtend durch eine erschöpfte Welt schweifen. Neben solch atmosphärischen Vorgaben gibt es natürlich auch einen famosen Track wie With My Whole Being, der in seiner allmählich zu Post-Rock anschwellenden Dynamik und Dramatik mehr Story als Stimmungsbild vermittelt. Derart wird Adrenalin durchs Hirn gepumpt, in seiner animierenden Fülle erinnert mich das Stück speziell in der zweiten Hälfte an die von mir hochverehrten Australier Dirty Three. Nicht minder wunderbar fällt How Easy Is To Fly, das so sehr schwebt, wie es zugleich mit den Beinen strampelt. Es ist dieser gefühlte Widerspruch, der die Nummer mit einer ganz eigenen Spannung belegt. Es wirkt wie ein Dauerlauf in Stop-Motion-Technik, wenn Sekundenbruchteile unter den Tisch fallen und Bewegungen abgehackt wirken. Ein Stück möchte ich keinesfalls unerwähnt wissen, nämlich Turned Into Light, das althergebrachte Schwermut mit dem Fiepen und der Unruhe der Moderne kombiniert. Daraus resultiert ein morbider Zauber, ein wenig Erik Satie, ein wenig Dystopie. Auch dazu lässt sich gut im Gedanken schweifen.

Life Is Now erfüllt genau die Ansprüche, die ich an Instrumentalmusik stelle. Es verknüpft die Fantasie des Komponisten mit meiner eigenen Vorstellungsgabe. Die Resonanz, auf die es bei mir stößt, spielt sich nicht in der Magengrube, in den Beinen oder im von Streichern geschwängerten Herzen ab. Vielmehr klingt so der Soundtrack zu dem, was mir mein Hirn alles an Fantasie erlaubt. Oft gibt Mikael Delta das Ambiente vor, oft übersetze ich Beats oder Akkorde in Bilder, lasse meinen ureignen Eindrücke vorm geistigen Auge flimmern. So entsteht ein Film, bei dem sich Komponist und Hörer bei Drehbuch und Regie abwechseln. Diese Interaktion wird ein Hollywoodsoundtrack nie leisten können. Ich bin begeistert!

lifeisnow_cover

Life Is Now ist am 30.10.2015 auf Inner Ear erschienen.

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