Mehr Weltanschauung als Musik – Fela Kuti

Ist Kunst – ob nun Literatur, Film, Malerei oder eben Musik – eine Waffe, mit der man das System attackieren, Revolutionen entfachen kann? Führt die Rezeption von Kunst zu gesellschaftlichen Umwälzungen, oder wird ihr Einfluss gar überschätzt, weil sie meist lediglich Stimmungen aufgreift, die unterschwellig längst schon brodeln? Solch Fragen sind es, die man sich stellen sollte, wenn man sich mit dem Wirken der Nigerianers Fela Kutis (1938-1997) auseinandersetzt. Je nach Weltanschauung wird diese Beschäftigung entweder in der Erkenntnis münden, dass er einen aufreibenden, intensiven Kampf gegen die Folgen des Kolonialismus geführt hat, oder aber zum Ergebnis kommen, dass hinter jenem musikalischen Genie wahnhaft-krude Überzeugungen lauerten. Retrospektiv lässt sich bekanntlich vieles idealisieren oder belächeln. Trotz oder sogar gerade wegen aller Widersprüchlichkeit scheint die Figur Fela Kuti auch knapp zwanzig Jahre nach dem Tod faszinierender denn je.

Wenn man verschiedenen Hommagen und Kurzbiografien Glauben schenkt, zumindest die Eckdaten mit dem Eintrag auf Wikipedia abgleicht, entsteht so das Bild eines nur bedingt einnehmenden Charakters. Man könnte ihn sogar als Populisten bezeichnen, der sich als Mann des einfachen Volkes gerierte, gegen die kulturelle Hegemonie der USA wetterte, damit einhergehend traditionelle Werte betonte. Man könnte in ihm auch einen reinen Agitator sehen, der gegen das politische Establishment Stimmung machte, dabei jedoch selbst keinen untadeligen Lebenswandel führte und in der Rückschau geradezu grotesk rückständige Ansichten vertrat. Wäre Fela Kuti ein Protagonist der Gegenwart, beispielsweise ein Politiker, würde ihn der Zeitgeist – ohne mit der Wimper zu zucken – als Rechtspopulisten abtun. Doch auch als Musiker hätte er heutzutage zumindest in Europa einen schweren Stand. Weltoffene Geister, also gerade diejenigen, die mit World Music viel anfangen können, würden seine Ausführungen zu AIDS, Homosexualität und Feminismus schockieren. Es ist jedoch viel zu kurz gegriffen, aus der vermeintlichen Aufgeklärtheit des Jahres 2015 heraus zu urteilen. Der unter anderem von Kwame Nkrumah betriebene Panafrikanismus und die schonungslose Abrechnung mit dem Kolonialismus waren keineswegs Demagogie, die darauf abzielte, fremden Mächten die Gründe für politische Instabilität in die Schuhe zu schieben. Seit der Unabhängigkeit im Jahre 1960 erlebte Kutis Heimat Nigeria einige Militärputsche, der sein Werk prägende Zorn des Musikers gegen unterdrückende, korrupte Eliten war also keinesfalls nebulöse Verschwörungstheorie, sondern beruhte auf tagtäglichem Erleben. Und natürlich ist die Betonung auf alte Traditionen nicht reaktionäres Heile-Welt-Getue, vielmehr Ringen um eine eigene, lange unterdrückte Identität. Fela Kuti mag kein Heiliger gewesen sein, als Revolutionär und unbequemer Geist erfreute er sich jedoch nicht zufällig großer Popularität. Man muss um seine privilegierten Herkunft und sein Studium in London wissen, damit man ihn als Kind einer Zeit der Umbrüche verstehen kann. Während viele afrikanische Staaten noch um Demokratie und Selbstverständnis rangen, sorgte Hippies und Bürgerrechtsbewegung für einen die ganze westliche Welt erfassenden gesellschaftlichen Aufbruch in die Moderne. All dies und noch mehr gilt es wenigstens stichworthaft zu verinnerlichen, wenn man sich der Erfolgsgeschichte des Afrobeat nähern möchte.

„Afrobeat is a combination of traditional Ghana music, jazz, highlife, funk, and chanted vocals,[1] fused with percussion and vocal styles, popularised in Africa in the 1970s.“, so definiert die englischsprachige Wikipedia jenen Stil, der untrennbar mit dem Namen Fela Kuti verbunden ist. Der Afrobeat steht fraglos auch für gesellschaftspolitische Wirkung, so unterhaltsam wie mitreißend seine Rhythmen ausfallen, so sehr sind sie mit in Pidgin Englisch dargereichten Botschaften verknüpft. Er spiegelte bewegte Zeiten, indem er viele Einflüsse und Stile zu einem aufrührerischen Sound zusammenführte. Dieser Sound ist tatsächlich Waffe, weil er funktioniert, wenn man sich mit der aufwieglerischer Botschaft identifiziert. Afrobeat ist mehr Weltanschauung als Musik. Und wie bei jeder kraftvollen Ideologie treten die persönlichen Unzulänglichkeiten ihres Schöpfers hinter die visionäre Kernaussage und Wirkkraft zurück.

Der Grund für diese Zeilen ist kein willkürlicher. Seit ein paar Jahren schon wird endlich versucht, das Schaffen Fela Kutis umfangreich wiederzuveröffentlichen. Dazu gehört auch, dass den Platten Vinyl-Ausgaben spendiert werden. Ende Oktober waren Roforofo Fight (1972), Alagbon Close (1974), Everything Scatter (1975), Na Poi (1976), Fear Not For Man (1977) und Beasts Of No Nation (1989) an der Reihe. Sehen wir uns drei ein wenig näher an. Fangen wir mit dem Stück Fear Not For Man an, das mit einem gurgelnden Schrei und den Worten „Brothers and sisters, the father of pan-africanism, Doctor Kwame Nkrumah, says to all black people all over the world: ‚The secret of life is to have no fear.‘ We all have to understand that.“ einleitet. Den Liner Notes ist zu entnehmen, dass diese Aufnahme in selbst für Fela Kutis Verhältnisse turbulenten Zeiten entstand. Seine provokant als Kalakuta Republic benannte Kommune wurde im Februar 1977 von 1000 Soldaten der Regierung angegriffen und Kuti, seine Mutter sowie weitere Bewohner brutal misshandelt. Anschließend wurde das Anwesen in Brand gesetzt, Tonstudio, musikalisches Equipment sowie Mastertapes gingen in Flammen auf. Man sollte sich solch Lebensumstände mit Haut und Haar vergegenwärtigen, um die kämpferische Wucht und den ungebremsten Lebenswillen eines trotz allem Unbill famos groovigen Stücks würdigen zu können. Der Reiz von Everything Scatter wiederum ist in den Liner Notes von Chris May vorzüglich beschrieben: „By the time Everything Scatter was recorded, Fela had put all Afrobeat’s key elements in place: the signature rhythms he had developed with drummer Tony Allen; edgy, jousting tenor and rhythm guitars; call and response vocals, fat horn arrangements and extended, jazz-based horn and keyboard solos; politically confrontational lyrics; and, crucially, the Broken English Fela adopted to take his message beyond Youruba speakers.“. Vielleicht muss man den letzten Satz nochmals betonen. Eben weil Kuti nicht einfach nur in seiner Sprache Yoruba sang, vermochte er viel mehr Menschen zu erreichen. Dass ein Track wie Everything Scatter dazu noch mit süffigen Bläser-Fanfaren und der Interaktion zwischen Gesang und Chor punktet, ist das i-Tüpfelchen auf einer unwiderstehlichen, intensiven Jam-Nummer. Allein schon das Cover des Spätwerks Beast Of No Nation verrät die Brisanz der Platte. P. W. Botha als Präsident des Apartheidsstaates Südafrika, Margaret Thatcher als Premierministerin Großbritanniens und schließlich US-Präsident Ronald Reagan werden als gehörnte Zombie-Vampire mit blutenden Mündern verspottet. Das Stück wurde nach einem Gefängnisaufenthalt Mitte der Achtziger geschrieben, wirkt im Vergleich zu den zwei vorher erwähnten Stücken im instrumentalen Teil improvisierter, jazziger, die zweite Hälfte mit seinen Call-and-Response-Passagen zeigen den Meister in wütender Hochform.

Aufwiegler und Visionäre sind in aller Regel nicht dazu bestimmt, einen beschaulichen Lebensabend zu verbringen und sich auf ihr Altenteil zurückzuziehen. Revolutionären haftet die Aura des bedingungslos Tragischen an. Dies galt auch für Fela Kuti. Er, der AIDS als Krankheit des weisen Mannes („white man’s disease“) abgetan hatte, starb mit nur 58 Jahren an den Folgen der Infektion. Er hinterließ ein Erbe, dessen musikalische Verve und soziale Sprengkraft auch heute noch ins Auge sticht. Nicht wegen manch wirrer These – etwa seinem ausgeprägten Hang zur Polygamie – sollte man Kuti im Gedächtnis behalten, vielmehr seinem Genie und seiner Rebellion Tribut zollen. Denn jener Kampf gegen Dikatur und Unterdrückung und der nimmermüde Einsatz für den Panafrikanismus können auch das Afrika des Jahres 2015 noch inspirieren. Und sogar uns Europäern die Verschränkung von Musik und gesellschaftspolitischen Haltungen neu lehren!

Fela-Kuti-Vinyl-Wiederveröffentlichungen-Oktober-2015

Roforofo Fight, Alagbon Close, Everything Scatter, Na Poi, Fear Not For Man und Beasts Of No Nation sind am 16.10.2015 auf Knitting Factory Records erschienen.

Filmtipp:

12.11.2015 Hamburg – Augen Blicke Afrika (Afrikanisches Filmfestival) – Dokumentarfilm Finding Fela

Links:

Offizielle Webseite

The big Fela (Würdigung des Guardian)

SomeVapourTrails

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