Neuanfang nach Unpässlichkeit – Mist

Der November ist der wohl tristeste Monat des Jahres. Die Pracht des Herbstes geht in ein dumpfes, kaltes Grau über. Und auch wenn sich dieser Herbst bislang noch mit Schönheit schmückt, die üblen Tage sind nur eine Frage der Zeit. Erst mit dem vorweihnachtlichen Lichtermeer wird dieser Blues dann wieder abgeschüttelt. Bis dahin jedoch trifft es sich gut, dass ich heute eine sacht aufheiterte Platte vorstellen will. Indie-Pop mit Singer-Songwriter-Charme beschert uns Mist, ein Projekt des Niederländers Rick Treffers. Das im tiefsten November erscheinende The Loop of Love punktet mit selten um Harmonien verlegenen, manchmal in den seligen Sechzigern schwelgenden Liedern voll eingängiger Lieblichkeit. Sogar Twee-Pop blitzt hervor. Die Chose mag bisweilen ins Easy Listening abgleiten, in der Summe mangelt es freilich nicht an gemütserwärmenden Songs, die ich dem werten Leser nicht nur – aber vor allem – für die unwirtlichsten Novembermomente ans Herz legen möchte.

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The Loop of Love ist keine reine Wohlfühlplatte, es atmet eher den Optimismus nach Wochen der Unpässlichkeit. Es versprüht die Erkenntnis, dass man nicht mit dem Kopf durch die Wand wollen sollte, sondern sich auch mit Dingen abfinden muss. Der feine Sixties-Track Hey mit seinen Zeilen „Hey, I just woke up and discovered I found a way/ A way to love you without being so afraid/ To keep on living without wanting you to stay around/ And to listen to all the worries/ And the thoughts that bring us down/ No it’s better not to hurry, it’s okay“ fängt diese Stimmung vermutlich am besten ein. Das mit Folk-Pop-Elementen versetzte Something New trägt den Aufbruch sogar schon im Titel, traut sich im Refrain eine neue Liebe zu („I love to hope, I hope to love you/ Let’s kick off with something new„). Vielleicht ist das Album gerade deshalb für den dumpfen November gemacht, weil es in seinen zarten Neuanfängen durchaus frühlingshaft wirkt. Auch Go verströmt solch Attitüde, fällt musikalisch sogar einen Tick sonniger aus. Treffers und seine Mitstreiter machen schnörkellosen Pop, der in der Instrumentierung mit Keyboard, Bass und Gitarre das Rad nicht neu erfinden will. Vielmehr geht es um ansprechende Akkorde – und davon besitzt auch Losing Everything so einige. Wie der anfangs verzagten Gitarrenballade ein pfiffiger Rhythmus entspringt und mit dem tröstlichen Mantra „It’s allright“ versehen wird, zählt zu den schönsten Augenblicken der Platte. Loslassen, verpassten Chancen nicht lang hinterhertrauern, nicht warten, das ist auch das Credo von Standing on the Shore. Mit dem erst spät im Album erklingenden Lied Let’s Belong wird nochmals Neues gewagt. Beim Duett mit Ana Béjar klingt wunderbar südliche Schwülstigkeit an. Da Treffers in Spanien lebt, machen derart eingefärbte Liebesschwüre durchaus Sinn. Es ist der meiner Meinung nach beste Song von The Loop of Love. Ebenfalls ein bisschen aus der Rolle fällt Prepare for Landing, weil der Gesang in den Hintergrund tritt, das Stück von einem dezent hypnotischen Rhythmus dominiert wird. Prepare for Landing wächst mit jedem Hördurchlauf, während der von Abschied und Wiederkehr erfüllte, vielleicht einen Tick zu beliebige Singsang Happy Man keine mehrmaligen Anläufe benötigt.

Der Indie-Pop von Mist hat eine dezente, zärtliche Note. Das Prinzip Hoffnung wird nie überstrapaziert, der Neuanfang nie mit Pauken und Trompeten zelebriert. The Loop of Love ist ein lebensweises, bescheidenes Stück Musik, dem gerade deshalb meine vollste Sympathie gilt. Wer sich diesen November verschönern möchte, wer in der Tristesse solcher Tage ein klein musikalischen Frühling erleben will, sollte Mist für sich entdecken!

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The Loop of Love erscheint am 20.11.2015 auf Solaris Empire.

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