Befreiung des Selbst – Amy Antin

In der Musik geschieht es oft, dass Mittzwanziger etwas über gescheiterte Lebensentwürfe erzählen. Als könnte man in diesem Alter bei aller Empathie tatsächlich verspüren, wie jedes gelebte Jahr die Seele ein wenig wunder scheuert. Leben nämlich ist ein stetiger Abnützungskampf. Eine mit Ende Zwanzig zur Schau getragene Ausweglosigkeit basiert vor allem auf viel melodramatischer Attitüde, während mangelnde Optionen in den Sechzigern schmerzliche Realität werden. In der Musik lassen wir uns zu oft auf schlecht gealterte Jugendlichkeit ein, während wir im Bereich der Literatur weitaus weniger Berührungsängste mit Weisheit und Alter haben. Eine steile These? Dann nehme man einfach die letzten 3 gehörten Singer-Songwriter-Platten und die letzten 3 gelesenen Bücher aus dem Regal, vergleiche das Alter der Musiker mit jenem der Schriftsteller. Das Resultat wird mir vermutlich recht geben. Doch zurück zum heutigen Thema, ich möchte nämlich meine Bewunderung für eine Platte äußern, die mir tatsächlich viel über manch Lebensentwürfe erzählt. Einen Monat schon höre ich Already Spring, das aus der Feder der in Köln lebenden US-Amerikanerin Amy Antin stammt. Ihrer Biografie entnehme ich, dass sie soeben 60 Jahre alt geworden. Reife und auch Temperament dieses Werks haben mich überaus beeindruckt. Antin braucht nicht mehr als eine akustische Gitarre, um Beobachtungen und Empfindungen in Musik zu meißeln.

Antins Gabe liegt in der zärtlichen Unaufgeregtheit, mit der sie im Wandel begriffenen Emotionen nachspürt. Immer wieder auf eine Befreiung des Selbst aus Gewohnheiten anspielt, ohne je in ein Hauruck zu verfallen. Was ich damit meine, möchte ich anhand einiger Lyrics der Platte veranschaulichen. Schon der Opener Pennies hat mich in seiner schlichten Wirkkraft sofort angesprungen. Die Zeilen „It can feel overwhelming/ And patience is fine/ Till it’s suddenly one day not fine anymore/ So you decide to decide/ And weigh the alternatives/ This way or that way/ We’ve been here before“ sagen mir viel über eine schleichende Unzufriedenheit mit dem eigenen Sein aus, die die Veränderung anstrebt. Aber welche Art von Veränderung? Eine realistische oder doch eher eine, die auf das Prinzip „Was wäre wenn?“ aufbaut? Ab wann leben wir nur noch für Träume, ohne Hoffnung darauf Träume zu leben? Vielleicht würden wir uns Leben gerne neu schreiben, uns in ein Märchen fantasieren („How would it feel if you woke up one day like a queen/ Wandered the garden encircled by pheasants and swans/ In arms of a dream/ Would you look back and regret all the time it took/ Rewriting the book/ Returning to start/ Retuning the heart„). Pennies ringt um eine Bestimmung, die sich irgendwie nicht in dem erfüllt, was die Wirklichkeit und der Alltag so hergeben. Merkenich ist ein weiterer essentieller Song der Platte. Müsste ich einen Vergleich wagen, würde ich in diesem Lied ein bisschen Joni Mitchell und ein wenig Melanie sehen. Fast ratlos reibt sich der Song die Augen, geradezu verwundert über einen Samstag im Heim in Köln-Merkenich. Ist das tatsächlich das aus allen Möglichkeiten frei gewählte Leben samt all seiner Routine, welches zu führen lohnt? „Much to do before the new year settles in/ Eat and drink and all be merry/ Christmastime/ Cargo ships along the river/ Push into the waves/ And we will make our way forever/ Tireless and brave/ Through Saturdays/ In Merkenich/ And greys“ fasst in seiner lapidaren Poesie viel zusammen. Wir alle sind in unseren alltäglichen Erledigungen gefangen, schippern durch die Zeit des Lebens. Und doch nagt ab und an der Zweifel, dass ein Leben anderswo vielleicht mehr Erfüllung bringen könnte. Bei Merkenich wird dies mit den Worten „Cause it’s alright ma/ I’m only growing/ And Alabama would feel the same“ abgewiegelt und der Status quo  mit „Main thing there’s a home inside my heart“ bekräftigt. Banner Wave singt von dem Verlust eines Partners – und von der Erkenntnis des Weitermachens. Tapferkeit ist nicht nur eine Charaktereigenschaft, sie wird vom Leben quasi anerzogen. Unter diesem Aspekt ist auch der Refrain „But now you’re gone/ What can I do/ I’ll sing this song and sometimes miss you/ But I’ll go on“ zu betrachten. Der Mensch als Gewohnheitstier gewöhnt sich an alles, sogar ans Vermissen. Diesen Erfahrungsschatz kann Jugend nicht besitzen. Wobei ein Vermissen immer einfacher ist, wenn es eine Endgültigkeit besitzt. Feathers etwa erzählt von vielen Abschieden („Whenever you go/ You always leave a lonely space in me„), vom Kampf ums Weiterbestehen einer Beziehung, von einer Vertrautheit, die sich doch nicht abschütteln lässt („Wherever you are/ I know sometimes you stop/ And think of me„). Wir hören im Radio immer viel von romantischer Liebe, selten dagegen von dem Zustand der Liebe, wenn Wallungen der Vertrautheit mit ihren Chancen und Tücken weichen. Auch Hollywood erzählt nie davon. Amy Antin gelingen oft starke Bilder, etwa bei Innocence, wenn sie noch in der Dämmerung an ihr Fenster geht, dem Sonnenaufgang entgegenharrt und ein junges Mädchen auf einer Veranda beobachtet. Die Augen des Mädchens sind kalt und leer, scheinen zu fragen, warum geglotzt wird, scheinen sie aufzufordern, den Vorhang zuziehen und wieder schlafen zu gehen. Wie Antins lyrisches Ich genau dies tut, wieder im Bett liegt, fällt ihm dabei wie Schuppen von den Augen, dass in diesem Mädchen viel von ihr steckt. Innocence verstört als unbehagliches, unter die Haut gehendes Psychogramm. Leichter gerät Rescue Me, bietet die schlichte Erkenntnis, dass ein Geben ohne Nehmen ins Leere führt. Pittoresk, lebensbejahend mutet Alicia an, dass sich nicht ins Schneckenhaus der Angst zurückzieht, vielmehr Chancen umarmt, Liebe lebt. Es bietet die freudvollsten Momente der Platte, weil Nachdenklichkeit – quasi Hals über Kopf – dem Tun und Erleben weicht. Gegen Ende hin erreicht das Werk einen Zustand von Zufriedenheit, weil es die Dinge hinnehmen lernt und nicht an der eigenen Grübelei erstickt. Verses kommt in den Zeilen „Life is short and life is long/ Maybe it never ends/ Maybe we end this life/ And start again“ mit der eigenen Existenz ins Reine. Letztlich entscheidet sich Antin für den tröstlichen Gedanken, dass das Sein in einen größeren Kontext eingebettet sein muss, dass jede trübe Emotion einem Wintertag gleicht, über den man spätestens zu Frühlingbeginn wieder milde lächeln kann. Der eingangs retrospektive Blick weicht zum Abschluss zarter Versonnenheit.

Amy Antins folkige Singer-Songwriter-Platte rauft sich mit Gegebenheiten zusammen, befreit das Selbst vom Ballast des Zweifels. Already Spring entfaltet ganz allmählich ein stilles, fast schüchternes, angenehm weises Glück. Für mich persönlich ist es aus all den geschilderten Gründen heraus eines der emotional besonders ansprechenden Alben dieses Musikjahres!

Already Spring ist am 06.11.2015 auf Meyer Records erschienen.

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