Großes Glück im Unglück – Library Voices

Eine meiner Lieblingsplatten des Jahres habe ich bisher noch mit keiner einzigen Silbe erwähnt. Das soll sich heute schleunigst ändern. Lovish hat mich bereits mit den ersten Takten ganz und völlig eingefangen, noch ehe ich die Hintergrundgeschichte des Werks kannte. Die kanadische Formation Library Voices hat sich seit 2008 mit Indie-Pop einen guten Namen gemacht, dieses Album freilich markiert eine Neuausrichtung ihres Tuns. Lovish glänzt mit Indie-Rock, der durch Garage und psychedelische Elementen verfeinert wird. Vielleicht erklärt sich der Aufbruch zu neuen musikalischen Gefilden auch durch einen Schicksalschlag, den der Gitarrist und Sänger Carl Johnson erlitten hat. Er wurde nämlich Zufallsopfer eines Gewaltexzesses, erlitt dabei eine Hirnblutung, von welcher er sich immer noch erholen muss. Die Platte ist dennoch keine düstere Angelegenheit, sie ist durchaus melodisch gehalten, zugleich jedoch oft druckvoll und kompakt im Sound.

© Chris Graham Photo 2015
© Chris Graham Photo 2015

Obwohl es so mir so einige Lieder von Lovish angetan haben, möchte ich zu Beginn zwei besonders hervorheben. Das wäre der zum einen der Opener Oh Donna (The Funeral Of Youth) und zum anderen der famose Track Bored In Berlin. Da Carl Johnson noch nicht völlig auf der Höhe ist, griff Bandkollege Brennan Ross bei vier Liedern zum Mikrofon. So auch bei Oh Donna (The Funeral Of Youth), einem in jeder Hinsicht wunderbaren Indie-Ohrwurm. Zeilen wie „All of your heroes/ They are assholes/ But that don’t mean/ You should piss on your dreams“ sind erinnerungswürdig! Dieses Stück kommt im Refrain mit einem satten, geradezu überraschend in den Song geworfenen Gitarrenriff daher, dass man nicht so schnell aus dem Gedächtnis bekommt. Auch deshalb zählt der Song zu meinen persönlichen Lieblingen dieses Musikjahres. Ebenfalls auf diese Liste gehört die intensive, furiose Nummer Bored In Berlin.  „We’re more sentimental/ As we grow older/ All my favorite singers/ They are either dead or sober“ echot nochmals die Ernüchterung über frühere Helden, die sich der einstigen Bewunderung unwürdig erweisen. Und auch hier entpuppt sich der mit Schmackes vorgetragene Refrain „Lost in London/ Bored in Berlin/ New York City never felt like home“ wie ein hingerotzter Eintrag aus dem Tourtagebuch. Großartig! Neben diesen beiden Liedern schlagen sich auch die weiteren Nummern mehr als tapfer. Das gemächlichere und nachdenkliche Sunburnt in LA sorgt auf dieser gitarrenlastigen für einen Synthie-Tupfer, besticht als um die Liebe ringende, mit den eigenen Fehlern hadernde, um eine neue Chance flehende Ballade. ZZYZX funktioniert als Lustwandeln durch verschiedene Epochen des Rock, aufheulende Saxofone inklusive. Stark! Bei den ersten Akkorden von Hey! Adrienne fühlt man sich sofort an die goldenen Tage von R.E.M. erinnert. Der in höchstem Maß eingängige Song hätte mit seiner Aufgewecktheit vielleicht besser in Neunziger gepasst. Die zweite Hälfte der Platte fällt einen Tick unspektakulärer aus, obwohl auch bei Escape Artist die Zuspitzung auf das Genre Indie-Rock trotz leichtem Retro-Chics besonders deutlich hervortritt. Death By Small Talk räumt nochmals Synthies breiten Raum ein, ist für Lovish allerdings ein wenig zu unterkühlt. Doch gegen Ende hin wird nochmals alles aufgefahren, was Library Sounds zu bieten haben. Das schon gelobte Bored In Berlin bildet den Aufgalopp für das westernhaft-psychedelische Every Night, das mit dem Satz „Every night I have my doubts/ But I keep them to myself“ die schon eingangs gezeigte Ernüchterung als Abgesang zelebriert.

Quasi jedes Jahr schafft es ein kanadischer Act mit traumwandlerischer Sicherheit auf die vordersten Plätze meiner Jahresendbestenliste. Diese Ehre wird 2015 den Library Voices zuteil. Lovish zählt zu den Alben, die man schlicht nicht tothören kann. Unter schwierigen Bedingungen haben sich die Kanadier aus der Stadt Regina in Saskatchewan zu einer musikalischen Neuorientierung aufgerafft. Ein richtiger Schritt, wie jeder bestätigen wird, der der Platte das Ohr leiht. Aus Johnsons Unglück ist noch das große Glück erwachsen!

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Lovish ist an 06.11.2015 auf Nevado Music erschienen.

Links:

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