Meister der Milieupoesie – Der Nino aus Wien

Eines der Probleme der Musik unserer Tag liegt im Umstand begründet, dass schon aus einem globalen Denken heraus hautpsächlich auf Englisch gesungen wird. Die Popkultur scheint völlig von dieser Sprache geprägt. Nichts liegt mir ferner, als das zu verteufeln. Sofern man jedoch kein Muttersprachler ist, wird man zwangsläufig so texten und singen, wie man es sich abgeschaut hat. Dialektfärbungen, Milieubezüge und damit verbunden auch Authentizität bleiben dabei auf der Strecke. Eben darum braucht es Liedermacher, die die eigene Muttersprache als Kulturgut pflegen. In Österreich hat sich binnen weniger Jahre Der Nino aus Wien als Verfechter der Wiener Seele etabliert. Seit dem Plattendebüt 2008 hat er Album für Album die Mentalität der Hauptstadt in immer neuen Facetten ausgeleuchtet. Er setzt die Tradition des Wienerliedes ebenso fort wie den Austropop des frühen Ambros oder Georg Danzer. Wer Wien abseits touristischer Klischees begreifen möchte, sollte in die von Nino Mandl gezeichneten Milieus der Strizzis, Ta­chi­nie­rer und Philosophen des Gemeindebaus eintauchen. Gelegenheit dazu bietet Immer noch besser als Spinat, eine jüngst veröffentlichte Werkschau.

Die Seelen von Städten braut sich oft dort zusammen, wo man eben keine Kulturtouristen antrifft. Im Falle von Wien sind das die Gemeindebauten. Jedermann kennt wohl das in monarchischen Zeiten schwelgende Wien mit Hofräten, Hofzuckerbäckern und Hofburg. Das Wiener Gemüt freilich wird in Simmering, Favoriten oder Ottakring ausgestaltet, wo das einfache Volk die Kunst des Sudern und Schimpfens pflegt. Wer die Wien prägende Mischung aus Morbidität, Größenwahn, Heurigenseligkeit und Nestbeschmutzung erfassen will, sollte sich nicht nur auf der Ringstraße herumtreiben. Der Nino aus Wien kokettiert ein wenig mit dem Bild des Taugenichts, irgendwo zwischen Kaffeehauspoet und ewiger Schlawiner angesiedelt. Humoreske Possen treffen auf Melancholie, derbe Sprache auf wunderbare Szenerien, Der Nino aus Wien beschert dem Wien des 21. Jahrhunderts jede Menge Lokalkolorit. Zu den Glanzlichtern dieser Zusammenstellung zählt etwa der kuriose Spinat Song, der so ziemlich jedes Übel dem Genuss von Spinat vorzieht. Auch Es geht immer ums Vollenden stammt vom Debüt The Ocelot Show. Wer wissen möchte, was diesen Liedermacher denn nun so besonders macht, sollte sich nur eine Strophe dieser Nummer ansehen: „Im Museum siehst du das Bild, in dem mehreres vereint ist. In dem jeder Strich gemeint ist und nichts Einzelnes allein ist. Und es fließt alles zusammen und erzeugt ein Feuerwerk aus der Arbeit der Gedanken und der Farbe, die sie färbt.„. Die Faszination eines Gemäldes habe ich noch selten schöner definiert gehört. Für eine gehörige Portion Lebensgefühl sorgt das überschwängliche Holidays von Down in Albern (2009). Überkandidelter Blödsinn, sehr tiefgründige Nachdenklichkeit und eben wuselige Lebenslust prägen diese Werkschau. Nicht zu vergessen wäre freilich noch Du Oasch, das ganz im Zeichen des Verliererblues steht, in dem man sich suhlt, wenn einem die Freundin ausgespannt wird. Urwerk – von Schwunder (2011) – müht sich Sinn im Sein zu erkennen, grübelt sich hektisch um den Verstand, während es mit Eindrücken kämpft. Es ist ein Stück, das einmal mehr unterstreicht, dass Mandl bei weitem nicht nur mit Zotigkeit punkten kann. In der komprimierten Form dieser Zusammenstellung kommen Schlag auf Schlag neue Qualitäten zum Vorschein. Vom anfänglichen Lo-Fi-Musizieren mit Gitarre bis zum treibenden Power-Pop von Fühlen, zu finden auf Bulbureal von 2012, wird auf dieser CD auch die musikalische Weiterentwicklung verdeutlicht. Und diese mündet schließlich in den 2014 veröffentlichten Alben Träume und Bäume, mit denen ich mich bereits hier auseinandergesetzt habe. Wer das Lied Am heißesten Tag des Sommers bisher nicht kannte, wird es in seiner Zuspitzung sommerlicher Hitze als Offenbarung erleben. Ebenso gelungen: die Slacker-Hymne In der Hütte vor dem Haus. Auch seit diesen Platten war Der Nino aus Wien nicht untätig. Zusammen mit Worried Man & Worried Boy wurde das herrlich burleske, wienerliedhafte Der schönste Mann von Wien aufgenommen. Schon jetzt ein Klassiker, keine Frage! Mit dem finalen Ganz Wien samt Ernst Molden wird das Danzersche Ganz Wien träumt von Kokain um Heroin und weitere Drogen forterzählt. Eine Verneigung vor einem der Väter des Austropops.

Immer noch besser als Spinat ist nicht mit einem Best-of zu verwechseln. Es hat viele Raritäten von EPs im Repertoire, reißt die Studioalben nur an. Falls man Der Nino aus Wien bislang bereits wohlwollend wahrgenommen hat, wird man ihn durch diese sehr sinnvolle und stimmige Werkschau den Künstler weiter ergründen können. Und ganz nebenbei ein Wien abseits von Plattitüden und Sehenswürdigkeiten entdecken. Die eingangs erwähnte Milieupoesie beherrscht Nino Mandl in Perfektion. Manch Authentizität und Stimmungen lassen sich halt nie und nimmer in die englische Sprache transferieren. Eine Bestätigung für diese These liefern die 20 Lieder dieser Platte!

immernochbesseralsspinat

Immer noch besser als Spinat ist am 20.11.2015 Problembär Records/Seayou Records erschienen.

Konzerttermine:

14.12.2015 Wien (AT) – Rhiz
15.12.2015 Wien (AT) – Rhiz
16.12.2015 Wien (AT) – Porgy & Bess
15.01.2016 Wien (AT) – Orpheum
22.01.2016 Salzburg (AT) – ARGE
23.01.2016 Innsbruch (AT) – Weekender
11.02.2016 Amstetten (AT) – Johan Pölz Halle

Links:

Offizielle Homepage

Der Nino aus Wien auf Facebook

SomeVapourTrails

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.