Unsere liebsten EPs 2015

Ich räume gerne Fehleinschätzungen ein. Selbstkritik ist zwar nicht mein liebstes Hobby, aber auch meine Wenigkeit ist nicht frei von Denkfehlern. Lange – sehr lange sogar – hielt ich EPs für Schnickschnack, für bessere Fingerübungen. Wenn ich mir den Musikkonsum im Jahre 2015 so ansehe, könnte ich mir mittlerweile sogar vorstellen, dass die EP das Format der Zukunft darstellt. Sehen wir uns die Sache doch mal ganz nüchtern an. Als man noch ganze Alben gekauft hat, musste ein Album auch mit ungefähr 10 Liedern bestückt werden, zumindest eine gewisse Länge haben. Der Konsument wollte schließlich etwas für sein Geld. Nun freilich hat sich das Konzept des Albums als physischer Einheit durch die Digitalisierung fast überholt. iTunes und Spotify haben in der letzten 10 Jahren den einzelnen Track noch stärker in den Fokus des Hörers gerückt. Diese Problemstellung birgt jedoch auch eine Chance. Kreative können sich auf eine Kompaktheit besinnen, die einen Sound oder ein Thema auf eine Handvoll Songs zuspitzt. Die EP verliert dadurch ihr Lückenfüllerimage, die Möglichkeit zur Verdichtung wertet sie auf. Und vielleicht sorgt ihr niedrigerer Preis sogar für einen Kaufimpuls, den ein Album um 17 EUR immer seltener auslöst. Einen Haken hat die Chose allerdings. Wenn Musiker und Plattenfirmen EPs als gepimpte Singles verstehen, haben sie die Entwicklungen der letzten 15 Jahre samt und sonders verschlafen. Eine EP muss mehr bieten als einen guten Song. 2015 war aus meiner Sicht das Jahr umwerfender EPs. Unsere 10 Favoriten möchte ich den Lesern daher keinesfalls vorenthalten!

1.) Sharon Van Etten – I Don’t Want To Let You Down

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Fazit: „Als ich die EP I Don’t Want To Let You Down zum ersten Mal gehört habe, sprangen mir Beziehungsschmerz, sämtliche Kämpfe und Verluste, alles Hadern und Bereuen sofort ins Ohr. All das, was Liebe mit uns macht und machen kann, wird hier mit geradezu unsagbarer Intimität und Verletzlichkeit ausgebreitet. Diese EP ist ein famoser Moment persönlichsten Singer-Songwritertums. Kurz darauf las ich auf der Webseite von NPR, einem Zusammenschluss öffentlicher Hörfunksender in den USA, einen Artikel, in dem die Liedermacherin die Hintergründe und Motive der einzelnen Songs erläuterte. Und siehe da, diese Track-by-Track-Beichte vermochte der Emotionalität des Werks nichts hinzuzufügen, was meine Empathie nicht ohnehin bereits erfasst hatte. Die US-Amerikanerin Sharon Van Etten hat in einer wahren Sternstunde die Tragik der Realität in die Magie von Musik verwandelt.“ (Review)

VÖ: 05.06.2015 (Jagjaguwar)

2.) Radio Elvis – Juste avant la ruée

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Fazit: Die Band wurde mir als Mischung aus Jacques Brel, Paul Simons Rhythm-Phase und coolem Britpop angepriesen. Ich würde diese illustre Runde noch um Johnny Hallyday und Lou Reed ergänzen wollen. Doch welche Vergleiche man auch zieht, man wird den Franzosen nicht gerecht. 2016 wird das Debütalbum erscheinen, diese EP freilich kann es kaum toppen! (Review)

VÖ: 09.03.2015 (PIAS)

3.) Maff – Maff EP

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Fazit: In Chile ticken die Uhren anders. Acht Songs plus Radio Edit würde niemand in Europa als EP bezeichnen. Die Band Maff aus der chilenischen Hauptstadt Santiago übt sich offensichtlich in falscher Bescheidenheit. Ihre grandiose Mischung aus Shoegaze, Post-Punk, Indie-Rock und Post-Rock hätte es freilich auch locker unter die Top10 meiner liebsten Alben geschafft! (Review)

VÖ: 06.07.2015

4.) Mammút – River’s End

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Fazit: Die Band aus Reykjavík existiert schon seit über 10 Jahren, hat bereits 3 Alben veröffentlicht. Mit River’s End wird nun in englischer Sprache gesungen – und wie! Female-Fronted Rockbands gibt es zwar wie Sand am Meer, von solch ausdruckkräftigem Kaliber sind jedoch die wenigsten. (Review)

VÖ: 29.05.2015 (Bella Union)

5.) Vlimmer – EP I + II

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Fazit: Untergrund-Krautrock, der mich in seiner experimentellen Art an Holger Czukay denken lässt. Dazu werden munter Industrial, Wave und Shoegaze reingemixt. Der Sound aus den klaustrophobischen Katakomben Berlins eben! (Review)

VÖ: 06.11.2015 (Blackjack Illuminist)

6.) BEAK> <KAEB – Split EP

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Fazit: Geoff Barrows als Mastermind von Portishead hat sich seinen verdienten Platz in den Geschichtsbüchern der Musik bereits gesichert. Beim Nebenprojekt BEAK> leistet er sich den Luxus des Experiments. Von Spoken Word über Reminiszenzen an Simon & Garfunkel bis hin zu Krautrock ist auf diesen vier Stücken alles vertreten. Großartig! (Review)

VÖ: 27.07.2015

7.) Kalle Mattson – Avalanche EP

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Fazit: „Avalanche zeigt Kalle Mattson ein wenig zwischen den Stühlen. Er ist ein Mittzwanziger mit vielen Talenten. Er kann den erzählerischen, sogar mit Beklemmung dargereichten Folk ebenso wie melodische Üppigkeit, die mit Gitarren in Richtung Rock tendiert oder aber mit Keyboard unerhört poppig anmutet. Er beherrscht Ballade und Karacho, die einzige Konstante bleibt sein eigentümlicher, ab und an fast schiefer Gesang, der für zusätzlichen Charakter sorgt. Das textliche Motiv der Platte, das Ringen um Orientierung, darf auch für Mattsons Reise als Musiker gelten. Und vielleicht ist das der eigentliche Sinn von Avalanche, in überschaubarem Rahmen den eigenen Weg zu ertüfteln.“ (Review)

VÖ: 02.10.2015 (Trickser)

8.) Programm – Like The Sun

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Fazit: Die kanadische Band Programm hat eine EP voll Shoegaze/Post-Punk aus dem Hut gezaubert. Das ist großes Genre-Kino: Säuselnder weiblicher Gesang, Synthie-Schwaden, verhallte Gitarren. Herz, was willst du mehr? (Review)

VÖ: 17.02.2015 (The Hand)

9.) My Brightest Diamond – I Had Grown Wild

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Fazit: 2014 hat Shara Worden mit ihrem Projekt My Brightest Diamond das denkwürdige Album This Is My Hand fabriziert. Wie keine andere Singer-Songwriterin schafft sie es, Kunst und Pop zusammenzuführen. Da können eine Joanna Newsom oder Julia Holter dagegen nur anstinken. Die EP I Had Grown Wild darf als Nachklapp zum letztjährigen Ausnahmealbum verstanden werden. Dabei hat sie den Titelsong des Albums eta in französischer Sprache aufgenommen. Eine kongeniale EP, ohne Wenn und ohne Aber! (Review)

VÖ: 18.05.2015 (Asthmatic Kitty)

10.) Lea Porcelain – Lea Porcelain EP

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Fazit: „Lea Porcelain sind mal beiläufig roh, dann wieder experimentierfreudig, dabei immer in der Aura eines magischen Gestern versunken. Ihre selbstbetitelte EP ist angesichts der Schwere des Unterfangens ein großer Wurf. Nicht einfach nur die nächste Post-Punk-Band zu sein, nicht an der Nachahmung zu scheitern, vielmehr einer langen Historie ein kleines, ergänzendes Mosaikteil hinzuzufügen, das schaffen wirklich nur Wunderkinder. Im konkreten Fall sogar deutsche!“ (Review)

VÖ: 04.12.2015 (Believe Digital)

Am Wochenende gibt es dann die Liste mit unseren liebsten Tracks des Jahres!

SomeVapourTrails

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