Wie Topf und Deckel – Erdmöbel

„Weihnachten mag ein religiöses Fest, eine rauschende Familienzusammenkunft, eine Explosion des Konsumterrors oder ein Höhepunkt einsamer Schwermut sein. Vor allem ist es ein wiederkehrender Ausnahmezustand, dessen Ausgeburten Erdmöbel zu begegnen wissen. Geschenk versöhnt die Erfahrungswerte mit den Erwartungshaltungen, die man an Weihnachten und – weiter gefasst – an das Jahresende so haben kann. Seit 2006 schon bietet die Formation mit Liedern zwischen klugem Verlierertum, auf die Schippe genommenen Gepflogenheiten und dezenter Schunkel-Heiterkeit einen alljährlichen Gegenentwurf zum penetranten Jingle-Bells-Einerlei.“ hatte ich 2014 auf diesem Blog geschrieben. Was letztes Jahr galt, hat auch 2015 nichts an Gültigkeit eingebüßt. Die deutschen Indie-Pop-Veteranen vermochten die letzte Weihnacht mit ihrer Platte zu verschönern. Und spätestens jetzt wäre es wieder an der Zeit, das Album aus dem Regal zu holen und bis Heiligabend zu genießen. Doch halt! Geschenk wurde dieses Jahr nicht nur neu aufgelegt, sondern mit drei weiteren Liedern ordentlich aufgemotzt.

Geschenk +3 verfestigt den Eindruck, dass Erdmöbel ihre Bestimmung gefunden haben. Dass es sich mit Weihnachten und Erdmöbel wie mit Topf und Deckel verhält. Die Band hat dem Fest in den letzten zehn Jahren bereits mehr Aspekte abgerungen als die übrige deutsche Musikwelt zusammen. Erdmöbel sind die Chronisten von Weihnacht in der Postmoderne. Auch die neu dazugekommenen Lieder unterstreichen dies. Nonstop Christmas versteht sich als Hommage an weihnachtlichen Easy-Listening-Sound, für den bekanntlich auch ein James Last eine langen Teil seines Lebens stand. Melodica ist chansonesk gehalten, mit Ulrich Matthes als gesanglichen Gast, der in der Kiste mit Kindheitserinnerungen kramt, sich an die Tortur dysfunktionaler Hauskonzerte im familiären Rahmen erinnert. Großartig! Und dann wäre da noch als Rausschmeißer die peppige Gospelnummer Aufs Christkind. Derart unverkrampft und keck-freudig wird hierzulande viel zu selten dem Fest der Feste begegnet. Die neuen Lieder reihen sich nahtlos in die bisherigen Highlights der Band ein. Ob der wunderbar genervt-schräge Katastrophenohrwurm Ding Ding Dong (Jesus weint schon), ob das in spanischen Gefilden fremdelnde Duett Weihnachten in Tamariu, ob ein in Tand und Konsum versinkendes Goldener Stern samt quakendem Kinderchor, ob die sehr aufgeräumte Verliererballade Rakete zwischen den Jahren, ob das denkwürdige Lametta mit Maren Eggert, sie alle spielen und brechen mit den Plattitüden, die uns sonst allerorts auflauern.

Geschenk +3 ist in der erweiterten Version ein Glücksfall von einem Weihnachtsalbum. Weil Erdmöbel das nachvollziehen, was vielen Menschen auf der Seele brennt. Die Band nimmt die Macht, die das Fest über unser Leben hat, durchaus ernst. Sie will sich dem Ideal gar nicht entziehen, verzweifelt zugleich an der Realität, die sie oft nur mit Ironie erträgt. Sie stemmt sich gegen den vermeintlich schönen Schein, gegen Illusionen familiärer Eintracht. Sehnsucht trifft auf Einsamkeit, Hoffnung auf schnöde Wirklichkeit.  Die Kölner fangen all jene Nuancen ein, veranschaulichen die Anziehungskraft ebenso wie den Irrsinn. Wer Weihnachten in unserer Zeit begreifen möchte, kommt an der Band nicht vorbei. Ich bleibe dabei, Weihnachten und Erdmöbel das ist wie Topf und Deckel!

geschenk+3_erdmöbel

Geschenk +3 ist am 27.11.2015 auf jippie! erschienen.

Konzerttermine:

09.12.2015 Duisburg – Grammatikoff
10.12.2015 Hamburg – Knust
11.12.2015 Worpswede – Music Hall
12.12.2015 Berlin – Frannz
17.12.2015 Köln – Kulturkirche
18.12.2015 Köln – Kulturkirche
20.12.2015 Darmstadt – Centralstation

Links:

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