Ausdruck aufrichtiger Trauer – Condolence: Paris

Ein Stück weit vereinnahmt die Gesellschaft all die Unglücksfälle. Interessensgruppen, Parteien oder Religionen umarmen Fürchterlichkeiten, um daraus Legitimationen fürs eigene Wirken abzuleiten. Doch auch das einzelne Individuum wirft seine Sicht der Dinge in den Ring. Unglück und Terror müssen zur Bestätigung von Überzeugungen, für neue Forderungen herhalten. Fast scheint es, als wären Trauer und das Grüblen nach den Gründen in den Hintergrund gerückt. Die Fragen, die Leid aufwirft, werden mit oftmals hastigen Antworten weggewischt. In Sinnlosigkeit wird Sinnhaftigkeit hineinreklamiert, Hilflosigkeit mittels eines Bündels von Maßnahmen kaschiert. Denken wir doch an die Anschläge von Paris vom November 2015 zurück. Einerseits sind sie noch ganz nah, kochen etwa dann hoch, wenn wie zu Silvester in München vor einem vermeintlich bevorstehenden Anschlag gewarnt wird. Andererseits sind die Attentate auch weit genug weg, um nicht mehr Tag für Tag an allen Ecken und Enden präsent zu sein. Wenn nun der Sampler Condolence: Paris Musiker aus England, Frankreich, Deutschland, Griechenland, Russland, Schweiz und Türkei versammelt, um Trauer und Reflexion musikalisch zu verarbeiten, dann könnte der Zeitpunkt aus den genannten Gründen besser kaum sein. Dieser Tage jähren sich sogar noch die Attentate rund um Charlie Hebdo.

Condolence: Paris darf man sich nicht als bedeutungsschwere bis rührselige Aufarbeitung der Ereignisse des 13.11.2015 vorstellen. Der Underground und die Indie-Szene geben Emotionen subtiler preis. Der Tenor dieser Zusammenstellung ist von allen Facetten von Wave sowie Ambient-Electronica geprägt. Eine düstere Stimmung schwebt über dem Werk, eine Bitterkeit, die zu sehr trauert, um große Lehren aus den Geschehnissen zu ziehen. In den stärksten Momenten setzt sich ein Innehalten fest, ein kurzer Augenblick bleierner Reminiszenz, ehe die Dinge ihren unaufhaltsamen Gang gehen. Zu den eindrücklichsten Stücken zählt Nous Allons À Paris von Leonard Las Vegas, weil es sich aufrappelt, dem Schrecken nicht die Macht der Veränderung gewähren will.  L’Hiver Arrive der französischen Formation L’Ordre d’Héloïse gerät zur intensiven Nummer, die wavigen Achtziger-Chic verbreitet und im Gesang geradezu beschwörerisch flüstert, aufgelockert wird die Chose durch quirlige Alternative-Akkorde. Stark! Verwunschenen Synthie-Pop dagegen bietet das griechische Duo Paradox Obscur mit dem Track Boulevard Voltaire an. Desperat bis wahnhaft irrlichtert Stadion von Vlimmer durch die Boxen, mit einer Percussion, die an einen Trauermarsch gemahnt, und mit heulenden Gitarren, die zwischen Synthie-Wolken immer wieder hervorblitzen. In vielen der Stücken liegt eine Schwere, die die Ereignisse nicht einfach mit kollektivem Trost wegknuddeln mag. Düster zeigt sich auch Blood Under The Spotlight, das sich dem Grauen im Bataclan widmet. The B.H.D. ist Cold Wave der dunkleren Sorte gelungen. Als eines der beredsten Stücke dieser Zusammenstellung imponiert der instrumentale Ambient-Track Lendemain von RM74, der unheimlich zischt, fiept, knistert und scheppert, während eine verhallte Gitarre gleich einem Abgesang ertönt. WANT/ed & Vlada Haruhi aus Russland zaubern mit Resurrex eine zwischen Electronica und sakralem Bombast-Pop angesiedelte Ballade aus dem Hut. Wem es angesichts der Umstände nach ein bisschen Trost verlangt, ist bei diesem Stück bestens aufgehoben. Eine ganz andere Wirkung erzielt hingegen Ŗăıŋ  von ßęđŧīmĕ Šŧōŗĩėş, weil es zunächst als Chanson samt Piano anmutet, bei dem freilich der Gesang von einem tränenerstickten Wimmern und Winseln ersetzt wird. Die Wortlosigkeit, mit der man Terror zwangsläufig begegnen muss, könnte kaum besser in Szene gesetzt werden. Außer vielleicht mit dem von Feverdreamt intonierten Stoßseufzer Paris, Oh, Paris!, der diesen Sampler mit einer gewissen Unwirklichkeit beschließt.

Auf Initiative des umtriebigen Musikers Alexander Leonard Donat haben sich Musiker und Bands aus ganz Europa dazu aufgerafft, Impressionen rund um die Tragik von Paris in Musik zu packen. Die daraus resultierenden Tracks wollen die Attentate nicht in einen Kontext setzen, nicht deuten, nicht verurteilen. Sie wollen die Auswirkungen nicht mit markigen Slogans kommentieren. Am ehesten wird man dem Sampler gerecht, wenn man ihn als Ausdruck aufrichtiger Trauer bezeichnet. Vielleicht ist Musik eine der besten Methoden zur Krisenbewältigung, vor allem wenn sie nicht vorgibt, Anworten zu finden, sondern ein stammelndes Warum kultiviert! Speziell deshalb bin ich von dem Sampler Condolence: Paris überaus angetan.

condolence_paris_cover

Condolence: Paris ist 08.01.2016 auf Blackjack Illuminist Records/ Pretty in Noise Records erschienen. Der Sampler ist als kostenfreier Download verfügbar. In physischer Form ist er als Kassette oder CD erhältlich. Jeglicher Gewinn wird an eine Menschenrechtsorganisation gespendet.

SomeVapourTrails

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