Den Prärien und Wüsten Nordamerikas entsprungen – Escondido

Heute möchte ich den Lesern ein wirkliches Schmankerl offerieren. Ich zumindest war in höchstem Maße angetan, als ich über dieses Album gestolpert bin. Walking With A Stranger scheint den Prärien und Wüsten Nordamerikas entsprungen, wirkt irgendwo in Texas, New Mexico oder Arizona verortet, dem Kernland des klischeeumrankten Wilden Westens. Das Album ist allerdings keine Cowboy-und-Indianer-Fantasie, der Radiosender KCRW beschreibt es als Mischung aus „glamorous, rhinestone-encrusted, 70s-era country queens“ und „elements of dreamy psychedelia, driving rock hooks and, of course, the plaintive, high-lonesome atmosphere of dusty desert landscapes“ – und dieser Einschätzung kann ich mich nur anschließen, wobei ich den Faktor Pop unbedingt hinzufügen möchte. Dem in Nashville, seines Zeichens Hauptstadt des Country-Mainstreams, beheimateten Duo Escondido bescheren ein feines Stück Alternative Country, welches kaum in Richtung Americana oder Folk schielt, dem vielmehr der sonnengetränkte Pop-Rock vergangener Dekaden als Vorbild dient. Mariachi-Trompeten und Westerngitarre sorgen gelegentlich für Flair, knackige Popmelodien für jede Menge nicht nur Genrefetischisten umgarnenden Appeal.

Jessica Maros and Tyler James ist mit Walking With A Stranger ein Werk gelungen, das beim Hören richtiggehend auf der Zunge zergeht. Selten kommt mir Musik unter, die es herrlich einfach macht, sie Mal für Mal mit wachsender Begeisterung zu hören. Zu den Highlights der Platte zählt etwa der Opener Footsteps, der rhythmisch an einen Ritt durchs Grasland gleicht, während Maros mit fiebrigem Timbre brilliert. Heart Is Black fällt mindestens ebenso packend aus, die Strophen erinnern an aufgebretzelten Dream-Pop, der knackige, atmosphärische Refrain besorgt den Rest. Bei Idiot überzeugt Maros als eine aller Schikanen überdrüssige Frau, die mit zuckersüßer Stimme dem ehemals Liebsten den Laufpass gibt. Try erweist sich als mit viel Hall versehene, traurige Lagefeuerballade („Now I lay in the darkness ’neath the light of the moon/ And I know that my heartache isn’t yours/ I may never get over/ Missing you so long/ Try, I try„). Das im Refrain perfekt angeschmalzte Gambling Man wiederum klingt wie einem Spätwestern der Siebziger entrissen. Das dream-folkige, den frühen Mazzy Star ähnelnde Leaving Brooklyn ist sogar ganz besonders nach meinem Geschmack. Wie Maros hier ins Mikrofon haucht, weitet mir das Herz. Zu guter Letzt kommt die Sehnsucht nach einem Neubeginn, nach einem Ende der Verdrossenheit im zunächst getragenen, schließlich fein dramatisch ausladenden  Midnight Train zum Ausdruck. Mit der Hoffnung „Just take me to a place/ Where everything will be alright“ endet die Platte voll Gänsehaut.

Das Duo Escondido hat eine stimmige Atmosphäre kreiert, mit leichter Hand Country, Pop und Desert-Rock mit psychedelischen Elemente gemixt. Walking With A Stranger flößt dem Alternative Country ungewohnt melodischen Charme ein. Die Balance zwischen rustikalen Momenten und Maros‘ ab und an träumerischem, oft temperamentvollem, bisweilen lieblichem Gesang behagt mir sehr. Auch deshalb hat mich das Album – quasi aus dem Nichts kommend – im Sturm erobert. Das Musikjahr 2016 mag noch recht jung sein, doch gehe ich jede Wette ein, dass an dessen Ende Walking With A Stranger zu den von mir meistgehörten Platten zählen wird!

walkingwithastranger

Walking With A Stranger erscheint am 05.02.2016 auf Kill Canyon.

Links:

Offizielle Homepage

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Albumstream auf KCRW

SomeVapourTrails

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