Der Kloß im Hals – Tindersticks

Über den sonoren Bariton des Herrn Stuart A. Staples könnte ich ewig und drei Tage palavern. Und obwohl zum neuesten Werk bereits wunderbare Worte geschrieben wurden, will ich dennoch die Gelegenheit nutzen, Staples nochmals zu würdigen. Über die letzten Jahrzehnte hat er sich nämlich – getragen von seinen Tindersticks – zum Grandseigneur plüschiger Schwermut gemausert. Er verkörpert einen der letzten Romantiker, einen Gentleman britischer Prägung, der nächtens im schummrigen Salon bei einem Glas Wein über Liebe, Leid und Leben brütet. Dabei gibt er weder den Dandy noch den Casanova, er kokettiert ebensowenig mit abgehalftertem Verlierertum. Eher schon zeigt er uns den Geistesmenschen, der an der Macht der Emotion ein aufs andere Mal zerschellt. Oder aber er lässt das sensible Wesen aufblitzen, das von der eigenen Grübelei erlegt wird. Natürlich ist Herr Staples nur ein Teil des Dreigestirns Tindersticks, ein David Boulter und Neil Fraser sollten keinesfalls unerwähnt bleiben. In den letzten Jahren hat sich die Band sogar zu einem fünf Mitglieder umfassenden Ensemble verfestigt. Nichtsdestotrotz ist es jener unnachahmliche Gesang mit all seinen Untertönen, der dieser ohnehin speziellen Formation seinen Stempel aufdrückt. Auch dem jüngsten Album The Waiting Room.

Gerade weil Staples das Aushängeschild der Tindersticks ist, möchte ich zuerst auf den instrumentalen Song Fear Of Emptiness verweisen. Wie großartig gediegen der Sound der Briten ausfällt, wie kammermusikalisch superb die beredten Melodien wirken, all dies rückt ab und an in den Hintergrund. Solch Chamber Pop ist in seiner atmosphärischen Dichte und eingangs geschilderten Ästhetik unerreicht. Diese kollektive Meisterleistung gilt es immer zu bedenken, auch wenn zwangsläufig Herr Staples im Fokus steht. Where We Once Lovers? ist eine loungig-aufgedrehte, mit sinister tänzelndem Bass ausgestattete Nummer, die in Erinnerungen kramt, fast staunend die Frage „Where we once lovers?“ stellt, voll verlegener Verzweiflung die Worte „How can I care if it’s the caring that’s killing me?“ ächzt, während Streicher den Satinvorhang des Vergessens über die Szenerie breiten. Staples präsentiert sich einmal mehr als Genie zärtlicher Krisis. Help Yourself mit seiner afrikanischen Percussion und den fast in einen Dialog mit dem Gesang eintreten Bläserfanfaren ist nicht minder interessant. Zumal Staples hier überaus erzählend agiert, dieses Mal nicht voll Schmelz in Noten schwelgt, ungewöhnlich angespannt und desperat resümiert. Geradezu prototypisch balladesk, untermalt von einer einsamen Orgel tönt der Titeltrack The Waiting Room, das von Staples Bitte „Don’t let me suffer“ dominiert wird. In dem reduzierten Song wiegt jeder Atemzug, jedwedes leichte Beben der Stimme, jede unmerkliche Pause schwer, richtiggehend eindringlich flehend. Als Highlight dieser Platte kristalliert sich freilich ein Duett heraus. Hey Lucinda zertrümmert quasi das Herz. Nicht etwa weil es in seiner Traurigkeit Hörer völlig übermannt, eigentlich hat es trotz eines düsteren Schimmers eine gewisse spielerische Note, wenn Herr Staples seine Duettpartnerin Lhasa de Sela geradezu umgarnt, ins Leben hinauslocken möchte, das Damoklesschwert einer zu schnell verstreichenden Zeit betont. Es gerät zum großartigen, subtilen Lied, das freilich seine Unschuld verliert, wenn man die Hintergrundgeschichte kennt. Hey Lucinda wurde 2009 mit Lhasa de Sela aufgenommen, ehe die amerikanisch-mexikanische Sängerin 2010 an Brustkrebs verstarb. Das Band wurde daraufhin ins Archiv verbannt, eine Fertigstellung des Songs erschien Staples lange Zeit viel zu schmerzhaft. Angesichts der zahlreichen Veröffentlichungen der Tindersticks ist diese Geschichte keineswegs als PR-Aufmacher für das Album zu verstehen, sondern ohne Zweifel wahr.

Es mussten also erst mehrere Platten verstreichen, ehe die Aufnahme aus dem Regal geholt wurde. Man merkt Hey Lucinda in jeder Sekunde an, dass es im zärtlichen Gedenken an Lhasa de Sela fertiggestellt wurde. Die plüschige Eleganz der Band wird hier nochmals veredelt, ein Glockenspiel umtänzelt die beiden Stimmen, die sich zierende weibliche ebenso wie die Staples’sche, die aufs Ziffernblatt der Uhr pocht, den Bedränger und Mahner hervorkramt. Das Duett gleicht einem Tauziehen, bei dem Streicher- und Bläsereinsätze das Hin und Her mit sachtem Temperament begleiten. Sobald de Sela die Zeile „I only dance to remember how dancing used to feel“ anstimmt, fühlt man beim Hören den Kloß im Hals, der auch Staples heimgesucht und ewig von der Vollendung der Nummer abgehalten hat. Auch wenn es nach dem emotionalen Ballast, den Hey Lucinda notgedrungen mitbringt, ein bisschen unfair erscheint, muss noch ein weiteres Lied mit prominenter Gastsängerin erwähnt werden. We Are Dreamers holt sich Unterstützung bei Jehnny Beth von Savages, derzeit mit Adore Life selbst an der Veröffentlichungsfront aktiv. Doch ist We Are Dreamers im Vergleich zu Hey Lucinda völlig anders strukturiert. Hier bekommen wir es mit geradezu fiebrigem Trotz zu tun, ein fast gehetzter Staples ragt hervor, Beth wird auf Akzente aus dem Background reduziert. Ob so konzipiert oder ob mit der Farblosigkeits Beths zu erklären, das bleibt die Frage. Der Song markiert zugleich die Grenze, bis zu welcher sich die Band mit ihrem Sound in Richtung Alternative Rock bewegt.

The Waiting Room ist eine jener Platten, die man wie einen Schatz hüten sollte. Weil es keinen zweiten Stuart A. Staples auf dieser Welt gibt, weil sich der werte Herr einmal mehr in Bestform präsentiert, weil darauf mit Hey Lucinda eine überwältigende Hommage an eine verstorbene Freundin zu finden ist, weil die Band nicht müde wird, neue Nuancen in ihr reifes Wirken aufzunehmen. Die Tindersticks überwältigen – durch Stilsicherheit, durch vornehm zelebrierte Weltschwere, durch Staples‘ Bariton, der gleich edlem Wein einzigartiges Bou­quet aufweist, durch große künstlerische Integrität. Die zurückhaltende Außergewöhnlichkeit dieser Formation lässt auch nach all den Jahren nicht kalt. An blümeranten Abenden komme ich um die Tindersticks schlicht nicht umhin. Im weichen Schmerz jener Untröstlichkeit lauert eine gewisse Läuterung. Staples steht für den künstlerischen Beweis, dass Emotion in Würde altern kann, ohne abzustumpfen oder sich der Verbitterung zuzuwenden. Sein Hadern ist das des ewigen Romantikers, der sich diese Gabe auch vom Pragmatismus des Lebens nicht austreiben lässt. Solch Haltung gilt meine größte Bewunderung!

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The Waiting Room ist am 22.01.2016 auf City Slang erschienen.

Konzerttermine:

13.02.2016 Berlin – Volksbühne (The Waiting Room Film Project Live Event)
14.02.2016 Berlin – Volksbühne (The Waiting Room Film Project Live Event)
06.03.2016 Pully/Lausanne (CH) – Théâtre de l’Octogone
07.03.2016 Zürich (CH) – Kaufleuten
09.03.2016 Wien (AT) – Konzerthaus
11.03.2016 München – Kammerspiele
12.03.2016 Stuttgart – Im Wizemann
13.03.2016 Köln – Gloria
14.03.2016 Hamburg – Kampnagel K6

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