Dringliche Nächte – Francesca Lago

Stell dir vor, dass überall Wunder und allerorts Bedrohungen lauern. Dass der scheinbar schnöde Wechsel der Tageszeiten plötzlich Aufregung und Schicksalhaftigkeit versprüht. Mal dir aus, wie eingedöste Emotionen mit einem Mal von Dringlichkeit und Fiebrigkeit angeschubst werden. Wie Geister durch Szenerien gespenstern, die vertraute Umgebung aufmischen. Tauche einen Moment lang in eine Fantasie ein, die jede Abenddämmerung mit Geheimnissen durchsetzt, die jeden Sonnenaufgang als einschneidend erlebt. Und die Naturgewalten voll archaischer Kraft wahrnimmt. Wenn man sich auf all das einlassen möchte, wird man vom Album Mirrors Against the Sun sehr angetan sein. Die in der Schweiz lebenden Italienierin Francesca Lago überzeugt mit einer mal verträumten, oft ruhelosen Platte, die eine nähere Entdeckung fraglos lohnt. Also ran ans Werk!

Schon der Opener Where do we go gibt die Stimmung des Albums vor. Electro-Pop im Stile von Ladytron wird mit der Unwirklichkeit des Dream-Pop gekreuzt. Die Zeilen „Where do we go/ Tell me a story while the sun is setting low/ At dusk we float/ Hear your story while the sun is setting low“ lassen erahnen, dass es keineswegs um irgendwelche niedlichen Gutenacht­ge­schich­ten geht. Dem Wechsel von Tag zu Nacht haftet hier eine mystische Kraft an. Lagos enigmatischer Text wird von einem in nervöser Schönheit flirrenden Sound bestens unterstützt. Odd one out dagegen orientiert sich eher am Power-Pop, zappelt fast zu aufgeregt herum. Out in the blue rückt die Dinge aber rasch wieder ins rechte Licht, gleicht einem rastlosen Herumstreichen, einer Suche nach magischer Erfüllung, wie der Refrain „Go out in the blue/ Until you reach a rainbow/ Feel water droplets hitting your face“ belegt. Die aufblitzende gespannte Erregung gehört zu den markantesten, stärksten Merkmalen der Platte. Nach einem von Synthies und Gitarren geprägten Beginn folgt mit Dna eine Piano-Ballade in bester Singer-Songwriter-Manier, die manch Regengespenstern nachträumt. Solch nachdenklicher, melodisch gehaltener Indie-Pop wird durch ein Cello veredelt, dadurch mit einer edlen Strenge belegt. Beim nachfolgenden Breathe through life habe ich in meinen Gehirnwindungen lange nach der passenden Assoziation gekramt. Das Stück erinnert mich an irgendeine female-fronted Alternative-Kapelle der Neunziger, mir will nur nicht einfallen an welche. Der Song verschenkt sein Potential leider, noch mehr stimmliches Feuer im Refrain wäre angebracht gewesen. Besser gelingt dann schon Modular C, dem man Ankläge bei Metric attestieren darf. Vor allem anfangs ist die schmissige Nummer eingängig und feurig. Lago und Band hauen hier auf Putz, auch darum gerät Modular C zum empfehlswertesten Track auf von Mirrors Against the Sun. Weil Lago fahrige Intensität und ein klein wenig Görigkeit gut zu Gesicht stehen! Sämtliche Unsicherheit und allerlei Traumhaftigkeit wird hier auf die Tanzfläche gezerrt. Ein bisschen gedämpfter, doch unüberhörbar im Rock verhaftet erschallt Greedy, das sich in Rätseln und sirenenhaften Nachrichten ergeht. Das Schemenhafte der Texte passt prima zur immer und immer wieder beschworenen nächtlichen Atmosphäre, in der vieles herumspukt, Unbehagen und Verlockung kaum von einander zu trennen sind. Das finale Horses scheint von der spannenden Tour de Force benebelt und ausgelaugt. Die Strophe „Up all night/ Sun is rising/ And near that neon light/ My thoughts are vain“ flackert müde dahin, daran kann auch der eine oder andere Synthie-Schauer nichts ändern.

Francesca Lago hat es mir bereits mit ihrem Werk Siberian Dream Map (2011) angetan, im Vergleich dazu hat Mirrors Against the Sun nochmals an Ausdruckskraft zugelegt. Die Platte imponiert durch ihre Aura der Ungewissheit, sie tönt als nächtlicher Fiebertraum, der sich allerhand zusammenfantasiert, oft lodert. Musikalisch stechen speziell die mit Pep vorgetragenen Stücke hervor. Die Mischung aus Dream-Pop, Synthie-Rock und Power-Pop trägt das Album, flößt ihm in den stärksten Augenblicken feine Dringlichkeit und Vehemenz ein. Wer der Dämmerung ohnehin voll Vorfreude begegnet, die Nacht als an Erlebnissen reiches Mysterium begreift, wem die Dunkelheit Geister in den Kopf treibt, der wird mit diesem Album ohne Zweifel einiges anzufangen wissen. Denn wo zum Teufel steht geschrieben, dass die Nacht immer beschaulich-verträumt-ätherisch zu klingen hat?

mirrorsagainstthesun

Mirrors Against the Sun ist am 15.01.2016 auf t3 records erschienen.

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