Erinnerungen aus dem Schatzkästchen der Selbstfindung – Kesang Marstrand

Speziell im Singer-Songwriter-Metier bescheinigt man Musik gerne Nachdenklichkeit. Aber was meint dies überhaupt? Grüblerei allein ist doch kein Wert an sich. Gedanken können sich auch so lange im Kreise drehen, bis sie völlig in sich zusammenfallen. Für mich bedeutet Nachdenklichkeit im musikalischen Sinne, dass man die Stimmung und Emotion eines Augenblicks einfängt, dessen Flüchtigkeit konserviert, seine Wahrhaftigkeit prüft. Dazu muss der Verstand in Bauchgefühle und Herzensangelegenheiten tauchen, mittels Sprache Schmetterlinge im Bauch einfangen und manch Sprünge im Herzen kitten. Nachdenklichkeit ist dann angesagt, wenn Gefühle und Situationen eine Erforschung lohnen. Wenn man sie sich auf der Zunge zergehen lassen möchte. Nachdenklichkeit bedeutet keinen Stresstest fürs Gehirn, Nachdenklichkeit stellt eher eine Form von Genuss dar. Die Singer-Songwriterin, die ich den werten Lesern heute begeistert vorstellen will, scheint eine sehr zärtliche, versonnene Art der Reflexion zu beherrschen. Die in New York lebende US-Amerikanierin Kesang Marstrand verfügt über eine angenehm unaufgeregte, gedankenverlorene Erzählweise, die sie von vielen ihrer verhärmt tönenden, des Seins müden Kolleginnen unterscheidet. Ihr Album For My Love hält Gemütslagen fest, knipst zur Erinnerung Polaroids. Marstrands Folk tönt dabei wunderbar austariert, plustert Gefühle nicht auf, streichelt die Empfindung vielmehr liebevoll. So wie man sacht über ein Foto streicht, sich die Umstände der Entstehung vergegenwärtigt.

For My Love zeichnet sich durch Ungekünsteltheit aus, durch entzücktes Staunen, wenn Verliebtheit das Innerste erfüllt, durch eine neugierige Sorgenfalte, wenn Enttäuschungen anstehen. Marstrands Timbre strotzt vor liebenswürdiger Wärme, und natürlich auch vor Langmut, mit der durchs Leben geschritten wird. Skyrocket kommt mit der irritierten Feststellung „You walk right through/ Taking over my imagination“ daher, lässt sich verwundern und beeindrucken, ohne dabei die Fassung zu verlieren. Das bloß von einer akustischen Gitarre begleitete First Love kehrt in den Sommer der ersten Liebe zurück. Der Rückbesinnung gelingt ein unschuldiges Frohlocken („Summer comes/ And we hang out in the street/ I taste the thunder in the breeze/ I hear you mispronounce my name/ And now you want to walk me home/ I feel unsteady on my feet/ Oh, I hope you feel the same„) und natürlich auch die Darstellung von Schmerz, geprägt von der Erkenntnis, dass Liebe flüchtig ist. Die Erinnerung daran wird jedoch voll Dankbarkeit gehegt und gepflegt! Ich möchte mit meinen Worten freilich nicht den Eindruck erwecken, dass Marstrand einer Romantik im harmlosen Blümchenmuster anhängt. Zeilen wie „And all those accidental/ Moments of beauty and grace/ And the fury of love, and the hope it’s born of/ They’re scattered all over the place“ lassen Traurigkeit zu. Doch ist auch der Song Arrow Breaks Skin nicht ohne Trost. All die von karger Schönheit getragenen Liedern eint das Motto, die gesammelten Erfahrungen in ein Schatzkästchen zu packen, sie als wichtigen Teil der Selbstfindung anzunehmen. Marstrands lyrisches Ich besitzt Respekt vor der eigenen Vergangenheit, während es im Hier und Jetzt auch strauchelt, in Abgründe fällt. Aber sogar beim Song Little Abyss („Could’ve sworn I was almost there/ Now I’m back in my little abyss/ I could be anywhere„) scheint die Möglichkeit des Glücks nur einen kleinen Anstieg entfernt. Das bereits vorhin angerissene Understatement imponiert mir besonders, es liegt eine stoische Kraft in diesen Klängen und Texten. Sowie große Ausgeglichenheit, die Unglück einzuordnen vermag. Mindestens ebenso gefällt mir, wie Marstrand bei Magical Thinking immer wieder die Frage „Was there something you wanted to say?“ stellt, den Sentimenten eines imaginären Gegenüber nachforscht. Oftmals hat so eine Frage nur einen rhetorischen Zweck, dient vielfach bloß der Verstärkung der eigenen Position. Bei Magical Thinking wirkt dies anders, so als würde die pittoreske Szenerie erst durch eine Antwort vollendet. Es sind solch kleine, feine Dinge, die zum Charme von For My Love beitragen! Einmal freilich wird auch Marstrand von einer einigermaßen dramatischen Erlösungfantasie heimgesucht, beim Titelsong For My Love nämlich, dessen Schilderung „I walk through hell for my love/ Because my love is buried in flames/ I bring him cold pomegranates/ The color of the blood that I bleed in his name“ voll märchenhafter Poesie steckt. Hier wird der Großstadt-Folk ausnahmsweise von sehnsuchtsvoller, mystischer Unwirklichkeit abgelöst. Und noch einen Song will ich hervorheben. Something to Prove You Right findet sich gleich zweimal auf dem Album, zunächst in einer Gitarrenversion und am Ende der Platte in einer schwebenden, entschleunigten Synthieversion. Dieser Ausflug in den Dream-Pop könnte ein Wegweiser sein, wohin Kesang Marstrands kreative Reise weiter gehen könnte.

Man sagt zwar, Namen seien Schall und Rauch. Bei Kesang Marstrand möchte ich aber widersprechen. Dieser Name klingt schon so, als hätte es damit etwas auf sich. Und tatsächlich verrät die Biografie der Singer-Songwriterin, dass sie als Kind eines tibetanischen Vaters und einer dänischen Mutter in einem tibetanischen Kloster in Woodstock im Bundesstaat New York zur Welt kam. So eine Vita bekommt man nicht einfach aus dem Hut gezaubert, sie ist geradezu Auftrag. Und genau dieser Berufung wird das grandiose, im allerbesten Sinne nachdenkliche For My Love mehr als nur gerecht! Ich bin begeistert.

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For My Love ist am 18.12.2015 erschienen.

Links:

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