Schatzkästchen 45: de Montevert – Let’s not run away together

Warum man im Jahre 2016 noch Musikblogs lesen sollte? Weil sie im Idealfall Musik mit einem Gedanken verspinnen, einem Bild oder einer Emotion verknüpfen. Etwas ins Hirn pflanzen, was der dahergelaufene Empfehlungsalgorithmus von Amazon oder Spotify schlicht nicht leisten kann. Wenn es um die persönliche Ausgestaltung musikalischer Wahrnehmung geht, schlägt niemand die werte Kollegin Eva-Maria vom Polarblog. Sie vermag ihre Fundstücke mit dem kleinen Detail zu versehen, das nicht selten mindestens so interessant ist, wie die Musik, um die es geht. Vor wenigen Tagen hatte sie zum Beispiel diesen Gedanken im Talon: Die klassische Szene: Elaine Robinson und Benjamin Braddock rennen in den letzten Szenen von »Die Reifeprüfung« vor der grauenvoll angepassten Erwachsenenwelt davon. Und sitzen schließlich ganz hinten im Bus und schweigen auf die glückliche Art. Und dann setzt Simon And Garfunkels »Sound Of Silence« ein und 98 Prozent von dem, was Singer-Songwriter heute so von sich geben, ist einfach nur langweiliges Klampfen-Tralala im Vergleich. 50 Jahre später sieht die Sache anders aus: Die Absage ans Wegrennen ist die aufregendere Variante. Das bewussste Nein-Sagen zu einem Übermaß romantischer Versprechungen. Und die realisitische Einschätzung, dass der Mensch, der uns zum Wegrennen überreden will, doch nicht so ganz unser Typ ist.

Eva-Maria hat da wahre Worte recht gelassen ausgesprochen. Unsere Welt ist so klein geworden, dass eine Flucht keine echte Option mehr darstellt. Und vielleicht ist unsere Welt auch zumindest in dieser Hinsicht zu nüchtern geworden, um Romantik als Antrieb für Ausbruch zu sehen. Anlass zu dieser Überlegung ist der Song Let’s not run away together der schwedischen Musikerin de Montevert. Die Anti-Romantik des Titels wird von einem durchaus schwelgerisch bis zärtlichen Gesang geradezu kontrastiert. Auch musikalisch ist dieser Mix aus Singer-Songwritertum und Dream-Pop lange nicht so aufgeräumt, wie es die Botschaft vermuten lässt. Eigentlich fehlt gar nicht viel. Wäre nicht das Wörtchen ’not‘ im Titel, gäbe es da nicht diese zwangsläufige Vernunft, mit der jeder Gedanke an ein Abhauen letztlich als verträumte Spinnerei abgetan wird, hätte Let’s not run away together durchaus das Zeug dazu, das Herz zu wärmen. Während Eva-Maria aus diesem Lied die Lehre zieht, dass man die Entscheidungsfindung nicht nur einem Bauchgefühl überlassen sollte, ist dieses Lied für mich nur ein weiterer Eskalationspunkt  angehäufter Beobachtungen. Romantik – so meine ich – ist in der Musik im Laufe der letzen Jahrzehnte zunehmend (auch) zur Männerdomäne geworden. Doch ehe ich nun noch weiter in diese Betrachtungen abgleite, sollte der Blick lieber zurück auf de Montevert schweifen. Beim Namen würde ich spontan auf einen Schurken aus dem Universum Harry Potters tippen, doch verbirgt sich dahinter die Schwedin Ellinor Nilsson. Ihr selbstbetiteltes Album wird im Februar hierzulande erscheinen – und so einiges bieten. Dazu bei nächster Gelegenheit mehr. Für heute freilich möchte ich diesen dunklen, bisweilen bluesigen, oft im Unbehagen verhafteten Pop dafür loben, dass er Erwartungshaltungen bricht. Und mit Erkenntnissen aufwartet. Türmen, abhauen, wegrennen? Solch altbackene Romantik sollte man sich dringend aus dem Kopf schlagen!

deMontevert_cover

de Montevert erscheint am 26.02.2016 auf Nomethod.

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