Schatzkästchen 47: The Jezabels – Come Alive

Dieser heutige Post kommt mit leisem Grummeln in der Magengegend daher. Denn leider hat es sich derzeit eingebürgert, dass ein Album immer öfter mit einem Stück Schicksal angeteasert wird. Kaum ein Pressetext kommt ohne mehr oder weniger dramatische Hintergrundinformation aus, die das künstlerische Werk in einen gewissen Kontext setzen und dadurch auch eine Art Deutungshoheit erlangen möchte. Die Biografie eines Sängers oder einer Band wird auf schicksalhafte Erlebnisse abgeklopft, deren Verarbeitung dann das Werk dominieren. Selbstverständlich ist ein Werk immer auch Produkt der Umstände, die zu seiner Entstehung geführt haben. Aber ein Album muss sich zunächst durch die eigene Qualität legitimieren, ehe das Wie und das Warum für tieferes Verständnis sorgen können. Ein mittelmäßiges Lied wird nicht besser, wenn der Hörer darum weiß, dass während der Aufnahme der Schwippschwager des Tontechnikers über den Jordan gegangen ist. Ein starker Song gewinnt freilich dazu, wenn man die Hintergründe kennt. Als bestes Beispiel dient ein Lied der Tindersticks, über das ich vor wenigen Tagen geschrieben habe.

Heute möchte ich den Song Come Alive der australischen Formation The Jezabels ans Herz legen. Die Band ist aufmerksamen Lesern dieses Blogs fraglos vertraut, bereits mehrfach habe ich in der Vergangenheit über sie geschrieben. Den neuen Track, im November 2015 als Vorgeschmack auf das kommende Album vorgestellt, hatte ich freilich völlig übersehen. Und vielleicht wäre in der überbordenden Newsletterflut auch das für Februar angekündigte Album Synthia untergegangen, wenn nicht eine Promo-Mail die Absage einer für März angekündigten Tour durch Deutschland verlautbar hätte. Der Grund ist ein betrüblicher, die Keyboarderin Heather Shannon kämpft mit einer Krebserkrankung. Aus genau diesem Grund wollte ich den im Zuge dieser Mail für mich entdeckten Track Come Alive zunächst nicht weiterempfehlen. Weil ich dieses starke, intensive Stück Musik nicht mit mitleidsvollem Tonfall anmoderieren möchte. Aber dieser hymnische, romantische Synthie-Pop mit Post-Punk-Affinität ist auch aufgrund seines Titels ohnehin nicht für schale Betroffenheit geeignet. Das Wissen um die schwierige Zeit, die die Band gerade durchlebt, führt bestenfalls dazu, dass man im Lied einen gewissen Trotz wahrnimmt. The Jezabels haben es nicht nötig, mit einer traurigen Geschichte um Aufmerksamkeit zu buhlen – oder gar ein Mehr an Emotion zu erbetteln. Die zusätzliche Information macht diesen Song nicht besser, sondern verändert höchstens die Wahrnehmung ein wenig. Diese Gewichtung sollten sich alle Bands und Promofirmen hinter die Ohren schreiben, vor allem jene, die sonst jeden dahinsiechenden Hamster gleich als Anlass zur existentiellen künstlerischen Entwicklung hochstilisieren!

synthia_cover

Synthia erscheint am 12.02.2016 via MGM/Caroline.

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