Schlaglicht 40: Lily & Madeleine

Im Herbst 2014 habe ich folgende Zeilen über ein Schwesternpaar aus Indianapolis geschrieben: „Lily & Madeleine erstrahlen als Perfektion in Mädchengestalt, taugen als Projektionsfläche für keineswegs unanständige Träume männlicher Musikfans. Sie repräsentieren das Ende der Unschuld, den Moment, wo eine jugendliche Unsicherheit in heranreifendes Wissen übergeht. Sie betören mit juveniler Nachdenklichkeit, kichern nie, schwärmen nicht, sie wirken wie eine auf Ästhetik und Anstand getrimmte Fantasie, die den Hirnen kultivierter, älterer Herren entsprungen ist. Das Geschwisterpärchen bildet somit die völlige Antithese zu forsch-naivem Backfischtum. Und natürlich scheint es auch meilenweit von einer Jeunesse dorée oder jeglicher Emo-Miesepetrigkeit entfernt.“

Einem Song wie The Wolf Is Free habe ich damals attestiert, dass das Feuer der Jugend nicht nur gemütlich vor sich hin flackert, sondern durchaus auch bedrohliche Flammen produziert. Dass nicht nur sittsames Sehnen durch die Szenerie schleicht, sondern auch gefährliche Wünsche herumspuken, die zwischen den Frustrationen der Adoleszenz lauern. Lily & Madeleine haben mit ihrem Album Fumes fraglos mehr Entwicklungsroman als Teenie-Träumchen vorgelegt. Aus diesem Grund habe ich schon mit Spannung auf neue Klänge des Duos gewartet. Für 26. Februar ist nun das dritte Studioalbum namens Keep It Together angekündigt. Zwei daraus bereits veröffentlichte Tracks lassen noch keine konkreten Schlüsse zu, wohin die Reise der Geschwister Jurkiewicz geht. Der Track Hourglass erfreut als nachdenklicher Pop mit edel-balladesker Anmutung. Die zärtliche Americana-Grundstimmung von For The Weak deutet einmal mehr das Potential des Duos an. In dem Tun liegt eine elegante Bittersüße, die dahergelaufener Folk-Pop meist nicht zu bieten hat. Die Weise, wie sich die beiden Stimmen aneinanderschmiegen, eine innige Verbundenheit ausstrahlen, ist und bleibt der größte Trumpf von Lily & Madeleine.

Lily Jurkiewicz möchte in ihren Texten auch davon erzählen, was es bedeutet, eine junge, weiße Frau im Amerika des 21. Jahrhunderts zu sein. Somit schildern, wie die eigene Persönlichkeitsentwicklung mit gesellschaftlichen Erwartungshaltungen und Normen kollidiert. Das mag zunächst nicht nach der großen künstlerischen Vision anmuten. Doch sucht jede Generation nach dem möglichen Maß an Entfaltung. Nicht erst seit Lena Dunhams Girls scheint klar, dass im Zeitalter vermeintlicher Chancengleichheit nur neue Fallstricke lauern. Etwa wenn Selbstverwirklichung mit Selbstausbeutung einhergeht. Eine reflektierte Chronik des Heranwachsens zu verfassen, verbunden mit der Suche nach dem eigenen Platz in der Gesellschaft, scheint für jede Generation ein Impuls für kreative Betätigung zu sein. Ich drücke die Daumen, dass Keep It Together diese Ambition einlöst. Dann nämlich dürfen wir uns 2016 auf ein echtes Genre-Juwel freuen!

keepittogether_cover

Keep It Together erscheint am 26.02.2016 auf New West Records.

Links:

Offizielle Homepage

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SomeVapourTrails

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