Triumph der Lyrik – Kinbom & Kessner

Ein verhuschtes Chanson, ein folkiges Liedermacherwerk, ein der Poesie huldigendes Kunstlied, von derlei Dingen kann ich nie genug bekommen! Wenn die Chose dann noch in deutscher Sprache dargeboten wird, ist meine Freude groß. Lieder von Liebe und Krieg als Albumtitel stapelt allerdings nicht eben tief. Deutet er doch die Durchdringung der einschneidendsten Erfahrungen an, die Menschsein zu bieten hat. Niveauvolle deutsche Texte sind in der Musik unserer Tage allerdings Mangelware. Das Duo Kinbom & Kessner hat sich mit dieser gegen den Strich gebürsteten Platte also einiges vorgenommen. Die Arbeitsteilung wurde dabei klar umrissen. Der schwedische Gitarrist und Songwriter Fredrik Kinbom ist für die Musik verantwortlich, die deutschen Theatermacherin Sonja Kessner für Texte. Das Ergebnis fällt beachtenswert aus, weil man ihm anmerkt, dass es einer Gedankenwelt mit ausgeprägtem Kunstverständnis entstammt. Lyrik, ein bisschen markiger Brecht und ein Ausbrechen aus Zeitgeistigkeit lassen solch Lieder von Liebe und Krieg besonders wirken.

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Photo Credit: Anton Pohle

Schon zum Auftakt besticht Weckt nicht die Liebe mit seiner Zweigleisigkeit. Rezitierte Textpassagen, dem biblische Hohelied Salomos entnommen, wechseln sich mit lieblich gesäuselter Weltflucht ab, welche den Schatz Liebe angstvoll vor allen Bedrohungen beschützen möchte. Der chansonesque-zärtlichen Note dieses Stücks folgt mit Das Biest jedoch Dunkelheit. Eine bedrückenden Nachtmär voll Sorgen und Zweifeln wird von einem hellen Gesang beantwortet, der die Bedrohlichkeit nächtlicher Einsamkeit zu einem kindlichen Albtraum umdeutet, ja wegzuwischen trachtet. Das Schlaflied für Marie wiederum entpuppt sich als Mischung aus Wiegenlied und Requiem. Während im Pop und Rock die Alltagssprachlichkeit vorherrscht, ist das Kunstlied in seiner besten Ausprägung immer auch Triumph der Lyrik. Weil es Sprache und Versmaße kultiviert. Weil Sinn und Tragik erst ergrübelt werden wollen. Das Motiv der Mutter für den am eigenen Kind begangenen Mord wird hier erst nach und nach deutlich. Es liegt wohl in der Furcht vor Krieg, vor völliger Zukunftslosigkeit begründet. Vielleicht können wir das im Deutschland des Jahres 2015 nicht nachvollziehen, vielleicht ist dieser Schrecken, der zum völlig Unaussprechlichen treibt, aber in vielen Gegenden der Welt gerade jetzt hochaktuell.  Der gewollt antiquierte Ausdruck jenes Schlaflieds fürs Mariechen erlaubt es dem Hörer, ein gewisses Maß an Distanz, die man hier auch braucht, zu wahren. Eine andere Form von zeitloser Wirkkraft entfaltet das archaisch-folkige Trostlied. Entgegen der deutschen Betitelung wird der Song überwiegend in englischer Sprache dargeboten – und erlaubt mir daher den Verweis auf das New Weird America, von dem hier manches – etwas jene Gespenstigkeit – gekonnt abgepaust wurde. Wie früher (als Erna schön war) schließlich gerät zum Dramulett, welches den biederen, bei der Ausländerbehörde tätigen Beamten Fritz der schönen Aisha verfallen lässt. während seine Ehefrau Erna die Trauer in Buttercremetorte erstickt. Dieses Lied ist ein Lehrstück darüber, wie das Fremde mit Stereotypen und Fantasien besetzt und dem Fremden die verhängnisvolle Macht der Verführung unterstellt wird, der man nur durch Rückbesinnung auf vermeintlich eigene Werte entrinnen kann. Folgerichtig bestraft man das Fremde, weil es die eigene Charakterschwäche entlarvt. Aktueller, entlarvender kann Musik schwerlich tönen. Das abermals folkig gehaltene Short And Sweet löst schließlich auch das zweite Versprechen des Albums ein. Akribisch listet es in gemurmeltem Spoken Word die Toten der kriegerischen Auseinandersetzungen der letzten 100 Jahre auf. Hier greift Kinbom zum Mikro, während Kessner gleich einer trauernden Sirene aus dem Hintergrund schimmert. Auch das von einer Spieluhr untermalte Only The Living Can Love beschäftigt sich mit dem ewigen Kreislauf aus Kriegstreiberei und kollektiver Euphorie, darauf folgendem Leid, Elend – und schließlich einer allmählichen Rückkehr von Menschlichkeit. Man denke jedoch nicht, dass Krieg in dem Lied ein sinnstiftende Wirkung unterstellt wird. Die Zeile „Il faut être vivant pour pouvoir aimer.“ entlässt uns mit der Mahnung, dass man am Leben sein muss, um lieben zu können. Gäbe es nicht so viele Kriege und Opfer, könnte man den Satz als Binsenweisheit abtun!

Das Theater hat für sich die Frage nach der Existenzberechtigung längst beantwortet. Kaum ein ernst zu nehmendes Stück kann es sich leisten, ohne mehr oder weniger profunde Gesellschaftskritik auszukommen. In der Musik dagegen, vor allem wenn sie sich nicht in den heiligen Hallen von Opernhäusern abspielt, geht es überwiegend um die Befindlichkeit des Individuums, also ums eigene Seelenleben. Pop erzählt meist wie aus einem Tagebuch, zu oft im Ich verfangen. Kinbom & Kessner ist mit Lieder von Liebe und Krieg tiefschürfende Lyrik samt zärtlich darum kreisender Musik gelungen. Diese Platte vermittelt den Anspruch, Kunst voll aufrüttelnder, einschneidend-existentieller Kraft zu fabrizieren. Der Hörer sollte sich dieser Herausforderung stellen!

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Lieder von Liebe und Krieg ist am 27.11.2015 auf Theater.Macht.Musik erschienen.

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SomeVapourTrails

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