Die respektierten Experimentierer – Tortoise

Experimentelle Klänge sind nichts, was ich auf die leichte Schulter nehme. Dennoch bin ich mit den Exzentrikern Tortoise nie wirklich warm geworden. Natürlich sind ihre Meriten in der Auslotung des Post-Rocks unbestritten, zeichnen sie auch dafür mitverantwortlich, dass das Genre in die Breite gewachsen und nicht in der Zuspitzung auf einige wenige Merkmale verharrt ist. Zugleich erscheint das gängige Etikett lange schon befremdlich, geradezu unangebracht. In der Musikgeschichte der vergangenen 20 Jahre fällt den Herren von Tortoise die Rolle der quer durch alle Metiers engagierten Experimentierer zu. Die Band verfeinert keinen Sound bis hin zur echten Perfektion, ihre Legitimation erfährt sie durch eine nie an den üblichen Zwängen oder Gepflogenheiten orientierte Musik. Tortoise vermitteln somit das Bild eher unaufgeregter Querköpfe, die die Szene durch kreative Unberechenbarkeit bereichern. Auch das jüngste Werk The Catastrophist unterfüttert diese Auffassung.

Tortoise_3_credit_Andrew_Paynter
Photo Credit: Andrew Paynter

Diese Platte verlangt förmlich nach einem Ächzen, mobilisiert jene Reflexe, welche die Sinnhaftigkeit des Erlauschen vehement infrage stellen. Weshalb sollte man sich The Catastrophist eigentlich antun? Je verengter der eigene musikalische Horizont, desto mühlseliger scheint das Unterfangen. Tortoise kreieren Klänge für Zeitgenossen, die in Unkalkulierbarkeit eine besondere Qualität und spröde Schönheit sehen. Normal gestrickten Hörer dagegen wird all dies ab und an zu viel. Schon der Titeltrack The Catastrophist mit seinem Seventies-Impro-Prog-Funk-Jazz braucht einige Anläufe, um tatsächlich greifbar zu werden. Es benötigt schlicht eine gewisse Zeit, bis man in der beinahe heimeligen, fast launigen Grundstimmung neben dem Plätschern und Mäandern auch eine gewisse Dynamik erkennt. Ox Duke dagegen setzt auf eine hibbelige Repetition, gepaart mit irritierendem Flirren und manch schleimmonsteriger Anmutung, ehe es ganz allmählich völlig in Perkussion aufgeht, immer weiter ins Leere läuft. Rock On taugt zum ersten Mal zur gerunzelten Stirn, weil der Track einen augenfälligen Fremdkörper in dem kaum kohärenten Album darstellt. Das immer wieder gern gecoverte Rock On hat in dieser Version Todd Rittmann als Gastsänger an Bord. Tortoise und Gesang ist ohnehin nichts, was füreinander geschaffen scheint, hier freilich wird ein gelungen bluesiger Sumpfsound leider mit einer flachen gesanglichen Darbietung konterkariert. Doch unmittelbar darauf läutet das leider nur als Intermezzo angelegte, rhythmisch überraschend schmissige Gopher Island die stärkste Phase der Platte ein. In der Folge erweist sich Shake Hands With Danger als Karawanenmarsch, der durch Wüstensand stapft, vorbei an Oasen und den Verlockungen des Orients, dem Trugbild einer sich am Horizont fläzenden Fata Morgana entgegenschreitend. In diesem so anziehungsvollen Augenblick sind Tortoise unvermutet bildlich, weit weniger mit Rätseln belegt. Dem trockenen, fast langweiligen The Clearing Fills folgt mit Gesceap eine wunderbar kreiselnde Nummer, in deren Verlauf Synthies, Gitarre, Bass und Drums aneinander vorbei irrlichtern, sich belauern. Gesceap tut seine auf über sieben Minuten angelegte Länge echt gut, da es sich als ansprechender Mix aus Jam-Flair und minimalistisch-repetitiver Größe entpuppt. Wie bei nahezu allen Stücken gilt auch bei diesem, dass erst mehrere Hördurchläufe für eine Durchdringung sorgen. Der Funk von Hot Coffee zeigt sich zwar einerseits ansprechend, andererseits hält er in Anbetracht der Kürze überraschend viel Leerlauf bereit. Im nun beginnenden letzten Drittel dieses Albums schwächt sich selbiges ab. Vieles bleibt blass. Erschwerend ist vor allem Hot Coffee anzukreiden, dass es in keinster Weise auf den Bruch vorbereitet, der im Übergang zu Yonder Blue lauert. Yonder Blue scheint prädestiniert für einen Stoßseufzer. Was macht ein Track von Yo La Tengo auf diesem Album? Die Zusammenarbeit mit der tollen Georgia Hubley könnte kaum besser glücken, gemeinsam hangelt man sich durch einen sowohl von Wehmut als auch von Sehnsucht geprägten, schleppenden Song. Darüber hängt ein dumpfer, träger Schleier, der rein gar nicht zum sonst hellwachen Zustand der Band passt. Man möge mich nicht falsch verstehen, Yonder Blue scheint schier außergewöhnlich – im Kontext von The Catastrophist jedoch gänzlich fehl am Platz. Auch das anschließende Tesseract bleibt ein wenig schal, solch ähnlich gelagerten Nu Jazz hat man beispielsweise von Jaga Jazzist inspirierter wahrgenommen. At Odds With Logic driftet zum Abschluss dann fast noch in die Belanglosigkeit ab.

Wer die Formation aus Chicago mag, mag auch die Überforderung, die es geradezu methodisch aufzudröseln gilt. Wer sein Hirn nicht mit Sudoku martern möchte, wer seine kleinen grauen Zellen lieber an Musik abarbeiten will, wird hier fündig. Ein Album der Band gleicht eher einem im völligen Durcheinander befindlichen Rubik-Würfel, jeder Hördurchlauf entspricht einer Drehung, jeder Hördurchlauf eröffnet ein Mehr an Struktur. In den besten Phasen fordern Tortoise die Hirnzellen der Hörer, regen zum Ergrübeln an. Doch ist The Catastrophist nicht frei von Längen oder Irrwegen. Nicht jeder Track lohnt Hirnschmalz. Und vielleicht steht am Ende dieses Album die Erkenntnis, die bereits am Anfang dieser Betrachtungen geäußert wurde. Tortoise sind die ewigen Experimentierer, die man dafür respektieren muss und soll. Mehr womöglich auch nicht!

thecatastrophist

The Catastrophist ist am 22.01.2016 auf Thrill Jockey erschienen.

Konzerttermine:

08.02.2016 Hamburg – Fabrik
09.02.2016 Berlin – Berghain (w. DJ Jens Balzer & Tortoise DJ Team)
12.02.2016 St. Gallen (CH) – Palace
13.02.2016 Genève (CH) – Festival Antigel
14.02.2016 Zürich (CH) – Stall 6
15.02.2016 Reutlingen, franz.K
16.02.2016 Wien (AT) – Arena

Links:

Offizielle Homepage

Tortoise auf Facebook

SomeVapourTrails

2 Gedanken zu „Die respektierten Experimentierer – Tortoise

  1. Ich liebe Album Nr. 3 „TNT“. Das neue Album hatte ich nach zweimaligen Hören etwas ratlos und nicht angefixt genug aufs Abstellgleis gestellt. Jetzt muss ich das wieder hervorholen und nochmal hören, weil Du mit der Formulierung „gepaart mit irritierendem Flirren und manch schleimmonsteriger Anmutung“ daherkommst.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.