Die Tradition des Absurden und Anarchischen – Stereo Total

Das unverwüstliche Duo Stereo Total gibt mir durch seine die Jahrzehnte überdauernde Existenz Hoffnung. Stehen doch die unvergleichlichen Françoise Cactus und Brezel Göring geradezu exemplarisch dafür, dass Subversivität kein Privileg der Jugend sein muss. Und mindestens ebenso ermutigend ist der Umstand, dass Stereo Total mit der stets gleichen Masche aufwarten, in ihrer kleinen und feinen Nische glücklich werden, sich jeglicher künstlerischen Fortentwicklung völlig entsagen. Über all die Jahre haben sie sich den ramschigen Charme, den Dada-Witz, den marottigen Esprit stets erhalten, wie auch das jüngste Werk Les Hormones belegt.

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Stereo Total entstammen einer fast vergessenen Zeit, als die Aufmüpfigkeit eines Witzes noch nicht in dessen Wahrheitsgehalt bestand. Cactus und Göring pflegen die Tradition des unerwartet Absurden und Anarchischen. Ihr Tun entspringt der bürgerschreckhaften Groteske, wird jedoch voll Romantik und Augenzwinkern vorgetragen. In dieser deutsch-französischen Zusammenarbeit gerät der Trash zur Kunst und der Kitsch zur Schönheit. Die ewig jung klingende Françoise Cactus betört auch 2016 wie am ersten Tag. Gleich beim ersten Stück des Albums, Zu schön für dich, kommt man nicht um ein Schmunzeln herum. „Ich hätte gern lange, blonde Haare, ich hätte gern eine Wespentaille, ich hätt‘ so gern verrückte Beine, Pampelmusenbusen, eine Pfirsichhaut, einen Erdbeermund, ich hätte gern mein Gesicht im Rampenlicht, ich wäre gern göttlich, ich wäre gern zu schön für dich“ nimmt alle Klischees und Sehnsüchte, die das weibliche Schönheitsideal umgeben, auf die Schippe. Cactus‘ französischer Akzent hat auch nach über zwei Jahrzehnten nichts an seiner betörenden Wirkung verloren. Und die rumpelige Eleganz dieses Sixties-Pop hat ebenfalls nichts von seiner chaotischen Liebenswürdigkeit eingebüßt. In dieser Tonart geht es sogleich weiter. Wenn die Chanteuse bei Fleur du Hollande die Worte „tulipe plastique“ ins Mikro säuselt, hegt man keinen Zweifel, dass niemals schöner über Tulpen aus Plastik geträllert würde. Das ausnahmsweise von Brezel Göring intonierte Je m’en fous dackelt so daher, als hätte die British Invasion gerade einmal gestern stattgefunden. Die zum Pressetext mitgelieferte launige Liedbeschreibung bringt es speziell bei diesem Track auf den Punkt: „Stilistisch gesehen ist dieses Lied Steinzeit-Beatmusik – Klänge aus einer Ära, in der Virtuosität noch nicht erfunden war.“. Nach solch formidablen Beginn geht es in Wirklichkeit erst wirklich los. Niwa Dewa (Im Garten) erschallt so kunterbunt, wie man es eigentlich gar nicht aushecken kann. Die Chose klingt einerseits wie ein in den Siebzigern vertonter, futuristischer Western, andererseits wie ein unerschrockener kultureller Zusammenprall, wenn nämlich französisches Chanson auf Fernöstlichkeit trifft. Schrill, schräg und brillant! Asonderu (Ich spiele) als ein zum Lied gewordenen Atari-Computerspiel setzt die exotische Anmutung weiter fort, ehe Good night, bad morning wieder garagige Beatmusik früherer Tage bemüht. Auch hier hat die Liedbeschreibung mindestens so viel Pfiff wie das Lied: „Ein autobigraphisches Lied. In ihrer Jugend hatte Françoise Cactus eine wilde Party gefeiert und war ziemlich verwirrt, als sie am nächsten Morgen einen Jungen in ihrem Bett entdeckte, den sie überhaupt nicht kannte – oder zumindest an den sie sich nicht erinnern konnte.“. Und Brezel Göring fügt trocken hinzu: „In gewisser Hinsicht hat dieses Lied auch für mich eine autobiographische Bedeutung, denn ich war immer derjenige, vor dem sich die anderen morgens erschreckt haben.“.  Wieviel Verve die Scheibe besitzt, verdeutlicht ausgerechnet der einzige Track ohne Text. Cactus Berry imponiert als Filmmusik für einen Film, den es eigentlich gar nicht gibt. Das ist der Anspruch dieser Nummer. Dazu macht man große Augen, denn genau solch einen Film würde man nur allzu gern sehen. Ich könnte mir hierfür viktorianische Gruselromantik mit Robotern als Hauptdarstellern gut vorstellen. Der Platte steht auch nach diesem Intermezzo noch voll im Saft. Im letzten Drittel vermag beispielsweise Adieu Sophie zu begeistern. Weil Cactus selbst jeden nach oh, là, là klingenden Ausruf noch mit kecker Anmut erfüllt. Weil es herrlich schrammelt, der süße Duft der Swinging Sixties die Chose durchweht. Die meist zweieinhalb Minuten dauernden Lieder sind stets aufgekratzt und hemmungslos launig, selten um eine kesse Sohle verlegen, was gegen Ende auch C’est mon secret belegt. Selbiges klingt wie ein Evergreen, der überfälligerweise jetzt endlich komponiert wurde. Mit Labu Hotelu (Das Stundenhotel) gehen Stereo Total nochmals auf Nummer sicher, sorgen dafür, dass die Platte nur ja nicht zu gesittet ausfällt, vielmehr mit ein bisschen Softporno-Patina veredelt wird. Das Lied mutet anrüchig und ekstatisch an, Lustgestöhne dringt aus dem Hintergrund hervor. Vor ein paar Jahrzehnten noch wäre Halt deine Kerze gerade ebenfalls noch mit hochgezogenen Augenbrauen begegnet worden, heute klingt der Kasernenhofton dies Lieds über eine strenge katholische Erziehung völlig aus der Zeit gefallen, vermutlich absichtlich abstrus. In diesem Moment merkt man dem Duo sein Alter am ehesten an. Die beiden irritierenden Stücke lassen fast den fantastischen Rausschmeisser It’s all because of you übersehen. Hier gibt eine enthemmte Cactus – unterstützt von einer nochmals wunderbar charmanten Melodie – nochmals alles! Ist das noch überkanditeltes Chanson oder schon auf Tingeltangel getrimmter Trash?

Eigentlich weiß ich nun nicht mehr, mit welchen Worten ich Les Hormones noch weiter anpreisen soll. Stereo Total sind mir nämlich längst Herzensangelegenheit, weil Cactus und Brezel Göring zwei große Scherzkekse sind – und zugleich Musikenthusiasten, die trotz all dem Augenzwinkern die Sechziger mehr ehren, als dies etwa manch Crooner mit opulentem Streichereinsatz tut. Die sich zum Dadaismus der NDW mehr bekennen, als das deren damalige Protagonisten dies heute tun. Hinter der geistreichen Gaukelei des Duo lauert außergewöhnliche Konsequenz und Konstanz. Gegen alle Moden haben Stereo Total Dekaden überdauert, mögen noch viele weitere Platten folgen!

Leshormones

Les Hormones erscheint am 26.02.2016 auf Staatsakt.

Konzerttermine:

30.03.2016 Dresden – Scheune
31.03.2016 Leipzig – naTo
01.04.2016 Nürnberg – Künstlerhaus K4
02.04.2016 Innsbruck (AT) – p.m.k.
04.04.2016 Wien (AT) – Fluc
05.04.2016 Linz (AT) – Stadtwerkstatt
06.04.2016 München – Strom
07.04.2016 Zürich (CH) – Exil
08.04.2016 Bern (CH) – ISC
09.04.2016 Basel (CH) – Kaserne Rossstall
10.04.2016 Freiburg – Jazzhaus
11.04.2016 Stuttgart – Schocken
16.04.2016 Köln – Stollwerck
17.04.2016 Frankfurt – Mousonturm
19.04.2016 Hamburg – Uebel & Gefährlich
20.04.2016 Berlin – Lido
24.04.2016 Berlin – Lido

Links:

Offizielle Homepage

Stereo Total auf Facebook

SomeVapourTrails

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