Eine Vision, die es wissen will – Baaba Maal

Das Europa des Jahres 2016 kultiviert Engstirnigkeit. So sehr man die Globalisierung im wirtschaftlichen Sinne auch umarmt, so wenig möchte man mit den gesellschaftlichen Problemen anderswo zu tun haben. Es zeugt von einem seltsamen Selbstverständnis, wenn man zwar die eigene zivilisatorische Potenz betont, zugleich angsthäschenhaft alles Fremde misstrauisch beäugt. Flüchtlinge werden als Störenfriede betrachtet, denen kein Vorwand zu billig scheint, um am europäischen Reichtum zu partizipieren. Vermeintlich stabile Staaten, demokratische Leuchttürme wie Deutschland, lassen sich ins Bockshorn jagen, wittern an jeder Ecke Überfremdung, Überforderung. Dem Europa des Jahres 2016 fehlt es an Visionen! Ganz im Gegensatz zum Afrika von 2016. Während die EU geradezu auseinanderstrebt, gedeiht in Afrika das zarte Pflänzchen panafrikanischer Versöhnung. Auch in musikalischer Hinsicht. Wie viele afrikanische Musiker bemüht sich auch der Senegalese Baaba Maal darum, tiefverwurzelte Traditionen mit dem massiven Einfluss westlicher Werte in Einklang zu setzen. Indem sich Maal seiner Herkunft und Identität bewusst ist, vermag er als Brückenbauer zu fungieren. Seine Musik zieht sich nicht ins Schneckenhaus zurück, sein schon mehrere Dekaden umfassendes Schaffen bringt World Music at its best hervor. Das neue Album The Traveller feiert die eigene Fulani-Kultur, stellt sie in die Auslage. Im selben Maße freilich ist es offen gegenüber elektronischen Sounds. Moderne und Vergangenheit, Heimat und weltumspannendes Bewusstsein fließen mit Bravour ineinander. Einen größeren Gegensatz zur in Europa grassierenden Beschränktheit könnte es kaum geben.

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Ich will mich keiner falschen Romantik über die gegenwärtigen Zustände in vielen Teilen Afrikas hingeben. Was The Traveller jedoch auszeichnet, ist eine über weite Strecken positive, vorwärtsgewandte Vision. Ein für seine 62 Jahre ungewöhnlich jugendlich wirkender Baaba Maal scheint von altersbedingtem Zynismus oder Resignation völlig verschont, stattdessen herrscht viel Leidenschaft und Hingabe vor. Als Beispiel dafür dient der fulminante, sehr selbstbewusste Eröffnungstrack Fulani Rock, der von Djembé und Gitarren angetrieben wird. Das tribalhafte Stück sticht auf diesem Album hervor. Auch weil es einen – auf NPR bestens beschriebenen – Moment aufweist. Wenn nach zweieinhalb Minuten Maals Stimme mit Effekten belegt wird, spürt man den Produzenten Johan Hugo (The Very Best) am Werken. Ob ein ohnehin intensiver Song diesen Schnickschnack braucht, bleibt jedoch dahingestellt. Der Faktor Produktion ist allerdings einer, der viel über die Intentionen Maals verrät. The Traveller ist nämlich eine Platte, die es wissen will! Eine über die Weltmusik-Fanbase angelegte Ambition verfolgt. Doch dazu etwas später mehr. Mit Gilli Men folgt eine zurückgenommene, folkloristischere Nummer, bei der Maals helle Stimme glänzt, während The Dakar Church Choir die Stimmung mit mantrahafter Andächtigkeit akzentuiert. Was Percussion, Gitarren und Kalimba hier entwerfen, sollte auch Puristen der Weltmusik Freude bereiten. Etwa wenn ein schleppender Rhythmus auf eine leichtfüßige Gitarre trifft. One Day dagegen ist zärtlich gestrickt, entfaltet aber auch durch seine Call-and-Response-Passagen spirituelle, utopische Kraft. Ähnliches lässt sich bei Kalaajo feststellen, bei dem eine verhallte E-Gitarre und ein Chor Maals magischen  Gesang einfassen. Diesem sachten, urafrikanischen Teil folgt mit Lampenda ein in Teilen überproduziertes Stück. Nochmals möchte ich auf die Rezension auf NPR verweisen, die die Stärke und Schwäche auf den Punkt bringt: „The song starts almost at a whisper, very human in scale. Then it erupts into an arena-sized four-on-the-floor pulse, and the bigness of that moment obliterates the tender singing Maal brings early in the track, with acoustic-guitar accompaniment.“. Lampenda entwickelt sich zu Afro-Pop, der in all seiner Fülle den so sachten Gesang erschlägt. Wenn im Verlauf glitzernde Synthies Maal fast zum Schreien bringen, zählt dies nicht zu den allerbesten Einfällen, die ein Produzent haben kann. Auch der Titeltrack Traveller wirkt mit einem kleinen Makel behaftet. Hier wird im Refrain ein wenig Disney-Afrika samt Waka-Waka-Fröhlichkeit propagiert. Der hehre Wunsch nach einer freudvollen, weltumspannenden Wirkung wurde vielleicht einen Tick übertrieben. Und dennoch: Traveller wächst ans Herz! Ungeschliffener, ohne Pop in der Hinterhand kommt die von Nachdenklichkeit und dramatischen Anwandlungen beseelte Hymne Jam Jam daher. Dieses Stück geht bei den ersten Hördurchläufen eventuell verloren, weil es zwischen zweierlei Ambitionen eingeklemmt ist. Nämlich dem vorangegangenen Pop-Appeal und der Botschaft der beiden letzten Track War und Peace. Letztere scheinen in starkem Kontrast zu den ausgesprochen zugänglichen Nummern der übrigen Platte zu stehen, sind zudem in englischer Sprache gehalten. Es wundert auch nicht, dass sie mit John Leckie einen anderen Produzenten aufweisen. War und Peace dürfen als packende, engagierte Spoken-Word-Vorträge des britischen Autoren Lemn Sissay bezeichnet werden. War mit seinem wilden Getrommel kotzt sich aus, warnt vor Nationalismus und Kriegstreiberei. Versöhnlicher, als Beschwörung einer hoffnungsvollen Welt mutet dagegen das von einer Kora begleitete und von Maals Stimme aufgehellte Peace an. Dieses so ambitionierte wie mächtige Gegensatzpaar beschließt dieses seltsame Album.

Ich kann durchaus nachvollziehen, was in Baaba Maal gefahren ist. Sein jüngstes Werk soll neben der Anerkennung in Weltmusikkreisen, die ihm längst schon sicher ist, neue und jüngere Hörerschichten bescheren. Ein legitimer Wunsch, wie ich meine. Und in dieser Hinsicht hat er auch nichts falsch gemacht. Wahrscheinlich wäre es jedoch sinnvoller gewesen, wenn er eine niveauvolle Ethno-Pop-Scheibe und darüberhinaus ein unbequemeres, stärker mit Folklore gefärbtes Album veröffentlicht hätte. So sehr ich den Liedern von The Traveller begeistert gelauscht habe, so wenig passen sie auf eine einzige Platte. Wenn es einen Kitt gibt, der alles zusammenhält, dann Maals stets liebevoller, weicher Vortrag. Sein Gesang vermag tief zu berühren, jede Menge Empathie aus den Hörer zu kitzeln, Offenheit und Zuversicht freizusetzen. Was also schert die Produktion, was kümmern kleine Schwächen, wenn die Wirkung in edelstem Sinne menschelt? Wenn man dem Europa in der gegenwärtigen Flüchtlingskrise etwas wünschen soll, dann dass solch Musik der offenen Arme Gehör und Beachtung finden.

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The Traveller ist am 15.01.2016 auf Marathon Artists/Kobalt Label Services erschienen.

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