Eskapismus der starken Gesten – Mechanimal

Gothic-Post-Punk-Dream-Pop – so würde ich das Album, über das ich heute lobende Worte verlieren möchte, charakterisieren. Die aus Athen stammende Formation Mechanimal beschert uns mit der Platte Delta Pi Delta einen Eskapismus der starken Gesten. Sie führt durch eine dramatische aufgeladene Traumwelt, die zwischen Industrial-Schönheit und neonlichterner Verwunschenheit zu verorten ist. Ein Hang zu Bombast staffiert die Szenerie aus, divaresker, in Lack und Leder gehüllter Gesang, der mitunter sogar ins Sprechen übergeht, sorgt für eine reizvolle und zugleich herbe Aura. Delta Pi Delta hat von dancefloorhafter Theatralik über shoegazigem Wave bis hin zu schauermärchenhaftem Pop so einiges zu bieten. Sehen wir uns die Chose doch kurz näher an!

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Viele der schon angerissenen Stimmungen vermag der opulente Opener Sunlight auf sich zu vereinen. Die Sängerin Eleni Tzavara beschwört dabei ein nächtliches Treiben, beim dem man sich irgendwie nicht sicher ist, ob die Gänsehaut nun aus Grusel oder Erregung entsteht. Ein gleich Schwaden durch die Kulissen ziehendes Keyboard, ein stoischer, maschinenhafter Beat und im späteren Verlauf eine verzerrte Gitarre runden das Gothic-Ambiente ab. Sternengefunkel leitet den an Achtziger-Pop erinnernden Track Repetition ein. Gitarrenriffs echoen dabei Tzavaras Vortrag, der zwischen schwülstiger Sehnsucht und beherrschter Dramaqueen schwankt. Wer von der Atmosphäre bis hierher angefixt wurde, wird den Rest der Platte zweifelsohne lieben. Giannis Papaioannou, dem für die Synthies zuständigen Mastermind der Band, glücken Stimmungen, die trotz Düsterkeit überraschend anziehend ausfallen. Mechanimal haben vielleicht nicht die starken Melodien im Talon, umso mehr freilich ein Händchen für Inszenierung. Den Beat von Thistlemilk könnte man beispielsweise als gewöhnlich abtun, die sirenenhafte Romantik des Gesangs jedoch schmiegt sich in die Gehörgänge. Mit einer echten Überraschung wartet der Instrumentaltrack Sawdust auf, der mit hochgeschraubten Beats per Minute eher nach unruhigem Großstadtporno klingt. Nach diesem starken Intermezzo geht es allerdings wieder in die vergeisterte Weite nächtlicher Einsamkeit zurück. Winter Mute etwa hat etwas von einer Techno-Messe mit Tzavaras als gestrenger Hohepriesterin. Ihr Auftreten ist zumindest meinem Empfinden nach als Synthie-Ikone mit ein wenig Gothic-Rock-Gehabe angelegt, sie füllt die Lieder aus. So auch bei Sextet, einem Track der sogar Mainstream-Appeal besitzt, auf dem Soundtrack zu einem dieser Vampir-Werwolf-Fantasy-Filme aufscheinen könnte. Doch nochmals wird diese Platte in seiner Ästhetik gestaucht, auch das zweite Electronica-Stück Ferrum hat einen gänzlich anderen, nämlich urbanen Charakter. Während der Rest von Delta Pi Delta einer Mystik der Nacht anhängt, entwickelt Ferrum exotisch angehauchtes, von der Flut von Reizen getragenes, fast fröhliches Flair. Mit solch instrumentaler Ausnahme deutet Papaioannou an, was er sonst noch im Köcher hat, ehe das Finale des Werks zunächst wieder auf aufgeputschten Wave setzt. Illuminations mit seinem Mantra „Please angel come“ sehnt Erlösung herbei, Search The Woods fällt einmal noch beeindruckend aus. Shoegaze-Gitarren ergänzen ein ätherisches Trällern, ein bisschen Goth-Aura huscht durchs Bild.

Nach einigen Hördurchläufen ist der Groschen gefallen, glänzt Delta Pi Delta vor allem als Hommage an den würdevollen Pathos der Achtziger. Mechanimal zelebrieren eine mit Geheimnissen aufgeladene Entrücktheit, entfachen ein nächtliches Feuer. In eben diesem Ambiente manifestiert sich ein Eskapismus, der inneren Begierden ebenso wie dem Reiz einer an Eindrücken bedeutungsschweren Umgebung frönt. Staunend und gespannt lauscht man sich in jene Traumwelt hinein. Und zumindest mich lässt die Aura dieser Platte nicht so schnell los!

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Delta Pi Delta ist am 04.01.2016 auf Inner Ear erschienen.

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