Schlaglicht 42: Peaches

Interessant ist ja ein häufig benutztes Wort der Beschönigung, wenn man etwas als zu anstrengend wahrnimmt. Oft möchte man sich nicht die Blöße geben, diese Überforderung beim Namen zu nennen. Apropos Blöße! Mit Peaches werde ich wohl nie die ganz große Hörfreude verbinden, denn ihre Klänge halte ich tatsächlich für anstrengend, in den stärksten Augenblicken sogar irritierend. Interessant ist ihr Tun jedoch in der eigentlich Wortbedeutung auch wegen der Musikvideos, für die das Akronym NSFW wohl eigens erfunden wurde. Doch sogar die Nacktheit dieses Clips hat rein gar nichts mit gängiger Erotik gemein. Solch Nacktheit fungiert vielmehr als künstlerisches Stilmittel, welches gerade in der neuen Prüderie unserer Tage so wirkungsvoll wie notwendig ist. Die boulevardeske Musikpresse mag Peaches zwar als Skandalnudel abtun, intellektuelle Hörerkreise dagegen sehen sich von unbehaglichen Assoziationen geplagt. Die hohe Kunst der Provokation besteht in der Verstörung. Eben diese gelingt der Kanadierin mit ihrem Video zum Track Free Drink Ticket famos!

Sehen wir uns doch kurz die Lyrics des Tracks an, der dem Ende September letzten Jahres veröffentlichten Album Rub entstammt. Im Grunde wird bei Free Drink Ticket der Spieß umgedreht. Alles, was sich an Erniedrigungen und Verletzungen angesammelt hat, wendet sich nun gegen den Verursacher. Der Song schüttelt die Fesseln einer Beziehung ab, verwandelt allen Schmerz in Rachefantasien und schiere Verachtung. Im Text wird der Tyrann gelyncht, die Wut lässt keinen Funken Vergebung zu. Der Preis für die Trennung, die Emanzipation besteht somit in völliger Gnadenlosigkeit. Zeilen wie „I’m in so much fucking pain right now/ I want you to feel it/ I wanna rip you apart with my bare hands/ I wanna crush your bones/ I want to cut you“ lassen den Atem stocken, nicht nur wegen des Inhalts, sondern auch wegen des unbamherzigen Tonfalls, in dem Peaches diesen Sprechgesang richtiggehend ausspeit. Während der Rest der Platte oft Synthie-Pop mit Hip-Hop und R&B und einer Prise Wave offeriert, sticht Free Drink Ticket als eisiger, düsterer Trip-Hop hervor. In seiner Gesamtheit wäre die Nummer bereits einschüchternd genug. Sie präsentiert einen über längere Zeit aufgestauten Hass, skizziert eine jener menschlichen Regungen, die viel zu selten seziert wird. Mit dem nun veröffentlichten Musikvideo nimmt der Track sogar noch mythologische Dimensionen an. In mattes Violett getaucht steht die Protagonistin in einer tempelhaften Szenerie, mit weißem, zur Maske geschminktem Gesicht, am Leib ein grobmaschiges, nichts verhüllendes Netz. Diener schleichen durch die Kulisse, während sich Peaches und eine überdimensionale Eberfigur belauern. Es gerät zum Kampf um Macht und Unterwerfung, der letztlich damit endet, dass die Protagonistin auf dem Rücken des Ebers reitet, ihn folglich bezwingt. Der Clip schreit förmlich danach, ihm eine über die simple Faszination der Bilder hinausreichende Botschaft unterzujubeln. Doch läuft man damit nicht Gefahr, all die herausgearbeiteten negativen Emotionen achtlos beiseitezuschieben? Das wäre verdammt bitter. Denn diese Abrechnung in all ihrer Konsequenz benötigt keine Metaebene, um zu entsetzen, zu schockieren. Wohl auch weil man sich eingestehen muss, dass dieses Dunkel der Rache in jedem von uns lauert!

rub_peaches_cover

Rub ist am 25.09.2015 auf I U She Music erschienen.

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