Vom Kaffeeklatsch ans Eingemachte – Kitty Solaris

Singer-Songwriter-Pop gibt es wie Sand am Meer. Vergangenen Freitag ist ein weiteres Sandkörnchen hinzugekommen. Doch ist das Album Silent Disco der Berlinerin Kitty Solaris durchaus dazu angetan, aus der großen Masse hervorzustechen. Wo Pop oftmals den Tick zu glatt produziert und viel zu klischeehaft in seinen Gefühlen ist, wo Singer-Songwriter vielfach ein Seelenleben preisgeben, welches in seiner Verschrobenheit wenig einnehmend ausfällt, nimmt sich Kitty Solaris dagegen unglaublich sympathisch, normal und zugleich pfiffig aus. Das Album besitzt die Sorte von Inspiration, die man auch aus einem anregenden Gespräch mit der besten Freundin, dem besten Freund ziehen kann. Silent Disco weist einerseits beschwingte Electro-Pop-Einflüsse auf, wohl Überbleibsel der stimmigen Vorgängerplatte We Stop The Dance, andererseits imponieren nachdenklich-erwachsene, gitarreseke Momente. Nie über- und ebensowenig unterfordernd, stets abwechslungsreich, mit einem unverkrampfen Charme behaftet, derart vermag dieses Werk zu erfreuen.

Viel von dem Reiz des Albums zeigt sich schon beim Dance-Pop-Opener Soul Brother, der wohldosierte Leidenschaft kultiviert, sich zum One-Night-Stand bekennt. Die Zeilen „Life is short, it won’t last forever/ Kiss me now, how couldn’t it be alright/ This fever will pass in the morning light/ We won’t come together in this life/ This chance will be gone in the morning light“ sind in ihrer Nüchternheit bemerkenswert, verschanzen sie sich doch hinter ein wenig Disco-Glitter, der aus Prinzip zu keiner Sünde fähig scheint. Der Track kriegt in seiner Ekstase für eine Nacht die Kurve, verhindert mit eben dieser Attitüde den ohnehin nervigen Facebook-Beziehungsstatus „Es ist kompliziert“. Das darauf folgende Closer fällt gedämpfter aus, wenngleich es auch hier noch keyboardig zugeht. Die Nummer ist am anderen Ende des Gefühlsspektrums angesiedelt, wenn ein Mehr an Nähe herbeigesehnt wird. Der Refrain „If I only had the time/ If I only could/ If I only had the time/ Don’t let me misunterstood“ mit seinem beiläufig geseuftzten Bedauern gehört für mich zu den Highlights der Platte. Das beatlastige Coffee and Cigarettes tendiert wieder in Richtung Party, gibt das Motto „2,50 in my pocket/ Let’s spend it for cake and coffee/ Imagine we would only live for one day/ Let’s celebrate“ aus. Gänzlich aus der Reihe tanzt dann das tolle Surrender, dessen hingebungsvoller, gezogener Gesang von aufgeweckter, exotischer Rhythmik aufgelockert wird. Es steht in starkem Kontrast zum nächsten Stück, dem Titeltrack Silent Disco, der einmal mehr mit Electro-Pop punktet und auf Teufel komm raus dem Shopping und dem Abhotten in den Clubs huldigt, immer auf der Suche nach Liebe. Der Song hat einen getriebenen Beigeschmack, so als hetze er einem vagen Glück hinterher. Ecstasy entpuppt sich als der musikalisch anspruchsvollste Track der Platte. Unruhige afrikanische Percussion wird mit einer aus dem Hintergrund gackernden Trompete kontrastiert, die angejazzte Nummer entfernt das Label Pop, das dem Werk sonst anhaftet. Mit Mind Matches wird die Wende zu Gitarren-Pop vollzogen. Abermals steht die Liebe für eine Nacht im Vordergrund, eine Liebe, die im Alltag nicht funktionieren kann. Mind Matches ist das Pendant zum Opener Soul Brother, wenngleich es hier nicht optimistisch zugeht. Dieses Carpe noctem wirkt schal, eher einem Diktat der Umstände geschuldet. Die Strophe „We can’t turn back the clock/ And make a new start/ I wouldn’t believe a word you say/ I need a new upgrade“ setzt die Frustration bei Small Talk fort. Spätestens hier wird fällt die Maske vermeintlicher Fröhlichkeit. Letztlich ist es eine dieser Beziehungsplatten, deren Sehnsüchte an Realitäten scheitern, die vielleicht nicht immer die besten Alternativen ausheckt. Genau darin liegt der Charme. Patente Vertreterinnen der Singer-Songwriterzunft gibt es reichlich, obskure Gedankenspinnerinnen auch. Bei einer Kitty Solaris dagegen wirkt alles viel mehr aus dem Leben gegriffen, etwa wenn ihr lyrisches Ich beim Folk-Pop von Mrs Someone fast gelöst dem Ex die Worte „Someday someone will break your heart/ Like you broke mine/ You do it all the time/ You’re doing it all the time“ hinterher ruft. Die Abrechnung wird beim finalen Tell Me Something New fortgesetzt. Enttäuschung führt zu einer gewissen Härte, irgendwann fängt man damit an, nicht mehr den Verlust des Partners, sondern die Lebenszeit, die man mit ihm vergeudet hat, zu bedauern.

Das Album geht einen weiten Weg. Von Feierlaunigkeit über die Scherben einer Beziehung bis hin zu einem Neuanfang. Vielleicht auch darum habe ich eingangs davon geschrieben, dass es einem Gespräch mit dem besten Freund, der besten Freundin ähnelt. Da wird vielleicht auch zunächst bei Kaffee und Kuchen gescherzt, ehe man sich in der Folge ans Eingemachte wagt, Probleme gewälzt werden. Silent Disco überzeugt mehr denn je als erwachsener Pop, den Kitty Solaris souverän und sympathisch darbietet. Mit Texten, bei denen sich der Hörer nie an den Kopf greifen muss. Weil jedes Tun, sämtliche Sackgassen und alles Bedauern authentisch sind, weil sie von den Fehlern erzählen, die man möglicherweise sogar selbst begehen wird, weil sie Hoffnungen schildern, die man selbst noch nicht abgeschrieben hat. Musik, die man nachempfinden kann, hat stets und immer verdammt viel richtig gemacht. Chapeau!

silentdisco_cover

Silent Disco ist am 26.02.2016 auf Solaris Empire erschienen.

Konzerttermine:

02.03.2016 Berlin – Schokoladen
12.03.2016 Potsdam – Spartacus (with Sun Taylor)
23.04.2016 Hamburg – Hasenschaukel
12.05.2016 Wiesbaden – Wakker

Links:

Offizielle Homepage

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