Besser als New-Age-Ratgeber – Damien Jurado

Was nur ist aus dem guten, alten New Age vergangener Tage geworden? Früher konnte man in keiner Buchhandlung wirklich sicher sein, nicht vom einem proppenvollen Regal mit New-Age-Literatur erschlagen zu werden. Wenn man sich heute in Buchhandlungen so umsieht, schreien einem Bücher über Veganismus oder Selbstoptmierung entgegen. New Age, also diese Verquickung aus Hippietum und Science Fiction, ist Schnee von gestern. Das neue Zeitalter, das man damals so sehr herbeigesehnt hat, wird heute nicht länger gesucht. Wohl weil es irgendwie gekommen ist, doch anders als erwartet, nämlich in digitaler Form. Dieser Umstand hindert Damien Jurado freilich nicht daran, mit seinem neuen Album Visions of Us on the Land eine mystisch angehauchte, über das Hier und Jetzt hinausforschende Aussteigergeschichte zu erzählen. Nun ist die Suche kein Thema, das Jurado erst mit diesem Werk entdeckt hat. Bereits sein Maraqopa von 2012 habe ich mit der Überschrift ‚Erkenntnisse aus dem Niemandsland‘ versehen, meine Gedanken zu Brothers and Sisters of the Eternal Sun (2014) mit ‚Auf dem Pilgerpfad des ewigen Träumers‘ betitelt. Visions of Us on the Land vollendet somit eine in dieser Form vielleicht gar nicht geplante Trilogie.

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Photo Credit: Elise Tyler

Jurado hat sich nicht erst seit diesen drei Platten zu einem der besten Singer-Songwriter gemausert. Was jedoch ins Ohr sticht, ist fraglos der Sound, der der Zusammenarbeit mit dem Produzenten Richard Swift in den letzten Jahren erwachsen ist. Wir haben es hier mit sehr versonnenem Folk-Rock samt warmen, wohldosierten psychedelischen Elementen zu tun. Der Kollege Nicorola kategorisiert die Platte sogar als Prog-Folk, angesichts einer unleugbaren Siebziger-Aura des Albums keine schlechte Idee. Was Visions of Us on the Land vom Rest der Trilogie ein bisschen unterscheidet, ist eine gewisse Puzzlehaftigkeit. 17 Lieder sind es dieses Mal geworden, in dieser Ansammlung finden sich neben Songs mit dominanten psychedelischen Elementen auch akustisch gehaltenen Gitarrenballaden. Stets präsent ist einmal mehr Jurados milder, sensibler Gesang. Leise und grüblerisch fällt die gesamte Reise aus, von einem festen Aufbruchsgedanken angetrieben. Dass ich mir den Verweis auf New Age nicht aus den Fingern gesogen habe, unterstreicht das Cover des Albums. Ein havariertes Auto mit rauchendem Motor steht am Ufer eines Flusses, in dem eine als Meeresschlange symbolisierte Gottheit wohnt. Im Bildhintergrund ist eine Klippe zu erkennen, aus deren Fels große Figuren mit beschwörerischen Gesten ragen. Über den Klippen thront ein majestätischer Walrosskopf. In der Ferne sind die Schemen einer Stadt mit Wolkenkratzern zu erkennen, einer davon brennt sogar. Als wäre dieses Wimmelbild für New-Age-Fans nicht schon mächtig genug, schweben am Himmel noch zwei UFOs durch die Gegend. Diese mit Träumen und Visionen aufgemotzte Szenerie ist tatsächlich mehr Ausgangspunkt als Inhaltsbeschreibung. Entgegen den Motiven des Albumcovers bekennt sich Jurado zu keinerlei außerirdischem Kult, der Erdlingen das Paradies auf Alpha Centauri verspricht. Was der Singer-Songwriter mit teils kryptischen Lyrics einfangen will, ist eine die zahllosen Nichtigkeiten des Alltags überdauernde Suche. Sein lyrisches Ich geht zurück zu den Ursprüngen, meditiert in der Weite der Natur, schwelgt in Erinnerungen, wagt eine Selbstfindung. Vieles davon findet sich in der ersten Strophe des Songs ONALASKA wieder: „It was if I looking for a new direction/ Indecisive, undecided/ I had been in the desert, spent time on a mountain/ Off of my feet, floating in suspension/ Heard the voices of wisdom, I sang with creation/ Where my name was a color and years were my number/ I was freedom in motion where the wind never slumbered/ Disguising my voice so not to be heard„.

Sehen wir uns doch ein paar Lieder des Albums im Schnelldurchlauf an. Schon zu Beginn fängt Mellow Blue Polka Dot den Reiz des Werks wunderbar ein. Ritualhafte Percussion und gespenstisches Heulen impfen jenem Gitarrenfolk Dringlichkeit ein, als gelte es, einem Ruf zu folgen. QACHINA mit seinen Zeilen („I lost my mind so I stepped out for a time/ Went for a walk on a long road to unwind/ I met my self there, saying go home„) komprimiert den Inhalt der Platte in wenigen Worten. Der fluffig-psychedelische Post-Hippie-Sound ist auch bei diesem Titel überraschend rhythmisch gehalten. Ähliches gilt für ein weiteres Highlight, den bereits erwähnten Track ONALASKA. Augenfällig ist in diesem Fall, dass Jurado mit sich selbst spricht, sein Gesang von seinem eigenen Falsett ergänzt wird. Hängt der Song zunächst Gedanken nach, entwickelt er im Verlauf immer mehr rhythmischen Chic. TAQOMA beginnt zunächst ebenfalls als Folksong, bei dem geradezu unvermutet alle psychedelischen Farben zu leuchten beginnen. Verhallt, verkracht, verwegen, so tönt es. Bestes musikalisches LSD also. Ab und an geht der Folk zugunsten von Rock verloren, so geschehen bei Walrus mit seinem schnatternden Bass und einem quakenden Saxofon. Eine funky Nummer, die im Ohr bleibt. „Talking aloud/ Distorted in sound/ Are we all not stars here on the ground?“ heißt es bei Exit 353, das nach innen, nach außen schaut, dabei transzendiert. Neben diesen auffälligen Stücken bietet Visions of Us on the Land allerdings auch reduzierten Balladen. Etwa das wehmütige, abschiedsschwere On the Land Blues oder Queen Anne, das von den Versen her an die früheren Simon & Garfunkel erinnert. Letzteres Stück gerät hoffnungsvoll („Time/ Can you help to tow the line/ When I’m lost I’ll find/ Your hand to hold in mine / All in time„) und mit der Welt versöhnt. Nach allem Grübeln, nach allem Ringen folgt mit Kola eine durch und durch berührende Liebeserklärung: „When I look back upon my time/ See the snapshots of my life/ You will not be surprised/ See your name across my smile„.

Was also will uns Visions of Us on the Land vermitteln? Zunächst wohl dass viele, viele Schritte wieder näher zu sich selbst bringen können. Dass ein Aufbruch früher oder später ein Ankommen beinhaltet. Dass Abschiede nicht von Dauer sein müssen und ein steiniger Weg zurück zu dem führen kann, was man liebt. Dass in einer irritierenden Welt der innere Kompass nie verloren gehen darf. Ähnliche Botschaften – garniert mit allerlei mystischem Hokuspokus – finden sich in vielen Büchern des New Age. Für solch Erkenntnisse braucht es aber keine Gurus oder spirituellen Wunderwuzzis. Weder die von gestern, noch die selbsternannten Lebenshelfer des Jahres 2016. Ein Damien Jurado am Zenith seines Schaffens reicht für solch Gedankenimpulse voll und ganz aus.

visionsofusontheland

Visions of Us on the Land ist am 18.03.2016 auf Secretly Canadian erschienen.

Konzerttermine:

20.04.2016 Berlin – Columbiatheater
21.04.2016 Hamburg – Uebel & Gefährlich
28.04.2016 Köln – Stadtgarten

Links:

Offizielle Webseite

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