Die Gnade der späten Geburt – Cullen Omori

Natürlich durchseufzt einen manchmal der Wunsch, bei den großen Veränderungen der Musik dabeigewesen zu sein. Etwa die ersten Gehversuche der British Invasion vor Ort erlebt oder Marc Bolan beim Erfinden des Glam-Rock über die Schulter geschaut zu haben. Nicht minder reizvoll wäre es gewesen, mit Hippies im Woodstock der späten Sechziger einen Joint geraucht oder Mitte der Neunziger den Britpop als Roadie zu begleitet zu haben. Wer hätte damals nicht die unvergleichliche, auf Gegenseitigkeit beruhende Herzlichkeit der Gallagher-Brüder hautnah spüren wollen. Zugleich ist die Gnade der späten Geburt keineswegs nur Floskel. Der Musiker von heute kann staunend vor der Geschichte stehen, aus ihr schöpfen, sie für sich neu zusammenpuzzeln. Dieser Ansatz wird auch gerne gewählt, selten jedoch so brilliant umgesetzt wie Cullen Omori dies bei seinem Debüt New Misery tut. Dem ehemaligen Frontmann der Formation Smith Westerns ist ein kurzweiliges, stimmiges Album geglückt, das wir uns nun näher ansehen wollen.

Der Ausgangspunkt für Omoris Reise durch die Musikgeschichte ist der Indie-Pop der Gegenwart. Liebliche Melodien voll süffiger Euphorie, Romantik mit Bodenhaftung, die kleinen Dramen des Heranwachsens, all das ist Rüstzeug für die Zeitreise. Schon der Opener No Big Deal tönt so, als hätten Oasis ihre Platten in den Anfang der Siebziger aufgenommen, den Kolorit psychedelischer Harmonien inhaliert. Im retrospektiven Blick macht alles Sinn, wirken Omoris Verschmelzungen nie verkehrt. Two Kinds kultiviert Sixties-Pop, Hey Girl gelingt als Hommage an die gute alte Zeit des Radios, als selbiges Garant für Wohlgefühl war. Dieses retroeske Geschrammel lässt bereits nach wenigen Akkorden die warme Atmosphäre vergangener Tage wiederauferstehen. Keine Frage, Hey Girl wäre vor mehr als 40 Jahren wohl ein Hit geworden. Das vorzügliche Cinnamon geht in der Geschichte einen Schritt weniger weit zurück, offenbart sich als höchst gefälliger, tanzbarer Synthie-Pop, der die wavige Dunkelheit der Achtziger freilich völlig außer Acht lässt. Cinnamon steht für sommerliche Leichtigkeit und einen in seiner fröhlichen Einfachheit („So let the sun kiss your skin/ Taste like sin, Cinnamon„) bestrickenden Refrain. Dank nostalgischer Unschuld mutet es wie einem antiken Werbespot von Lagnesese (in Österreich: Eskimo) entnommen an. Noch überzeugend fällt Sour Silk aus, welches allen Pop-Rock der vergangenen Dekaden im Hier und Heute komprimiert, sich von manch Tracks der Platte auch dadurch abhebt, indem es den Bass stärker in den Vordergrund rückt. Sour Silk gehört zu den pfiffigsten Nummer, die nicht nur New Mysery  – vielmehr 2016 generell – zu bieten hat. Psychedelischer Pop der mächtigen Art hat das folgende Synthetic Romance im Köcher. Die Affinität zu den frühen Siebzigern ist der auffälligste Fetisch, dem Omori huldigt. Erst gegen Ende schwinden dem Wunderkind ein bisschen die Kräfte, das balladeske Stück Be A Man fällt den gewissen Tick zu eigenbrötlerisch aus. Eine E-Gitarre am Lagerfeuer sitzen  und Synthies über den Himmel perlen zu lassen, ist vermutlich nicht die allerbeste Idee dieses jungen Musikers. Auch der dahinschleichende Titeltrack New Mysery unterstreicht, dass die quirligeren Lieder eindeutig gelungener sind. LOM etwa als herrlich altmodische Pophymne mit feinen Harmonien und Slacker-Attitüde gerät wesentlich besser.

Cullen Omori ist ein Name, der ausgefallen und zugleich simpel genug ist, um ihn sich prima einzuprägen. Und genau das sollte man tun. Ein Mittzwanziger, der die gesamte Musikgeschichte derart geschickt aufzubereiten versteht, ein junger Mann am Anfang einer Solokarriere, der nicht alles neu erfinden möchte, gehört zu den aus meiner Sicht interessanteren Charakteren der Indie-Szene. Wobei ich mit der Betonung auf jenes Wort Indie eher die Qualität von New Mysery hervorheben möchte, am vorhandenen Charts-Appeal des Albums gibt es gar nichts zu rütteln. Abschließend möchte ich nochmals zum Ausgangspunkt des Posts zurückkehren. Musiker von heute schöpfen aus der Geschichte, entdecken sie für sich, interpretieren sie neu. Dieser Ansatz wird allerdings selten so gefällig umgesetzt, wie es Omori vorexerziert. Die Gnade der späten Geburt erwächst also vor allem dann zum Vorteil, wenn sie sich mit Talent paart. Davon kann diese Platte das eine oder andere Liedchen singen!

newmisery_cover

New Mysery ist am 18.03.2016 auf Sub Pop erschienen.

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