Hauruck des Jahres – Wintersleep

Ich kann mir die Szenerie richtiggehend ausmalen. Der Abends ist bereits fortgeschritten genug, um es für dieses Mal gut sein zu lassen. Eine der talentiersten Bands Kanadas sitzt ein wenig ausgelaugt im Proberaum bei einem Bierchen zusammen, die Aufnahmen zum nächsten Album wollen nicht recht von der Hand gehen. Mehr aus Zufall denn aus heftiger Grüblerei heraus steht mit einem Mal die Frage im Raum, warum es bei den bisherigen Platten eigentlich nie für die Top 10 der hiesigen Charts gereicht hat. An der Eingängigkeit des angebotenen Indie-Rocks kann es kaum liegen, dieser Konsens wird sofort einstimmig erzielt. Dennoch werden die Gesichter immer nachdenklicher, bis irgendjemand einen weiteren Makel anspricht. Weshalb nur geht den doofen Amis die angebotene Mucke so richtig am Arsch vorbei? Nichts gegen die Fanbase im eigenen Land, aber die USA liegen quasi vor der Haustür. Dennoch bekommt man dort keinen Fuß in die Charts. Die Runde übt sich zwischen zwei Nucklern an den Bierflaschen längst im Ziehen von Grimassen. Irgendwann siegt der Trotz. Man beschließt eine oberaffengeile Single aufzunehmen, eine von der ganz denkwürdigen Sorte, die jeden Ami vor Neid erblassen lassen würde. Nun werden die Herrschaften sogar dreist, ein bierschwangerer Einfall explodiert in ihren Hirnen. Nennen wir das Stück doch Amerika, feixen sie einander zu. So in etwa stelle ich mir die ersten Geburtswehen des Album The Great Detachment vor. Was immer sich die Band im heimischen Nova Scotia auch gedacht hat, Wintersleep ist mit diesem Werk ein großer Wurf gelungen.

Ja, The Great Detachment begeistert als sympathisches Stück Musik. Und doch würde es mit dem grandiosen, leider unterschätzten Vorgängeralbum Hello Hum wohl nur mit Mühe mithalten können, wenn Wintersleep nicht den einen, für die Annalen bestimmten Knaller auspacken würden. Für die bereits angesprochene Single Amerika scheint kein Stadion überdimensioniert, keine ekstatische Kulisse zu enthusiasmiert. Sie besticht als große Indie-Rock-Hymne, wie man ihr nur alle Jubeljahre begegnet. Speziell weil sie sich dem großen Nachbarn nicht etwa anbiedert, vielmehr Amerika als Sehnsucht nach einem Ideal, nämlich der beständigen Verbindung von Erde, Freiheit, Liebe und Gesetz und Leben sieht. Auf ihre Weise und mit ihren Mitteln vereinen Wintersleep das idealisierte America eines Walt Whitman mit dem Amerika-Begriff eines Jean Baudrillard, der seine Hassliebe mit den Worte „Mag es auch beklagenswert, monoton und oberflächlich sein, es gibt kein anderes.“ zum Ausdruck brachte. Das Wall Street Journal, bei dem der Track im Januar seine Premiere feierte, hat die Qualitäten der Nummer auf den Punkt gebracht: „It’s a big, bold song, revolving like a slow-motion tornado around huge guitars, a booming rhythm and singer Paul Murphy’s plangent vocals that take on a chant-like quality on the chorus.“

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Photo Credit: Norman Wong

Es wäre trotzdem nicht redlich, das Album allein auf den Opener Amerika zu reduzieren. Santa Fe funktioniert als straighte, hochenergetische Rocknummer, die als einziges Sperenzchen den Gesang mit ein wenig Effekten belegt. Wo Amerika einen Unterbau aufweist, trägt Santa Fe sein Herz auf der Zunge. Lifting Cure weckt vor allem zu Beginn vom Falsett-Vortrag her Erinnerungen an die Bee Gees. Sowohl Holzfällerhemd als auch Rock-Pathos kommen hier zum Tragen, gepackt ist es in einen gitarrenschwangeren, sehr warmen Siebziger-Sound. Der Kollege Nicorola hat More Than als perfekten Soundtrack für einen Road-Trip ausgemacht. Diese Einschätzung kann ich nachvollziehen. Der vom stärker betonten Keyboard unterstützte, ohne besondere Tempowechsel dahinbretternde Drive der Nummer entwickelt eine im beste Sinne gefällige, wie fürs Unterbewusstsein geschaffene Monotonie. Mit Shadowless folgt endlich auch die einzige Ballade der Platte, deren gedankenverlorene Schwermut zur Hälfte einen bombastischen Ausbruch erfährt. Es soll also niemand sagen, dass die Kanadier nicht alle Register ziehen. Metropolis steht einerseits im Zeichen von Percussion und heftigen Drums, wird andererseits von dem ausgesprochen weichen, intensiven Gesang Murphys geprägt. Der oft auch verlorenen scheinende Frontmann gehört für mich zu den ausdrucksstärksten seiner Zunft. Ein Song, der eventuell nicht auf Anhieb zündet, ist meiner Meinung nach Spirit, trotz des quirligen, poppigen, sogar überdrehten Refrains, hier ist vor allen eine Bridge für den mächtigen, hymnischen Moment zuständig, den die Band auf The Great Detachment immer wieder sucht – und findet. Freak Out punktet als Song, der von der ersten Sekunde an sofort in die Spur kommt und aufs Gas tritt. Volle Pulle vorwärts gen Stadionrock! Da existiert kein doppelter Boden, braucht es keine Gebrauchsanleitung, um den Song zu verstehen. Wintersleep haben die Eingängigkeit nicht erst mit dieser Platte für sich entdeckt, aber niemals zuvor derart geradlinig umgesetzt. Das folgende Love Lies ist fraglos der beste Titel nach Amerika. Von der Instrumentierung her hat es das eine oder andere Aha (Synthies!) mehr im Angebot, ohne dabei von der Verve und Dynamik des Albums abzuweichen. Im Gegenteil. Wie Wintersleep ihrem Indie-Rock Mal für Mal eine starke Melodie verordnen, imponiert mir sehr. Das gilt ebenso für Territory, das ich vor ein paar Jahren noch als famosen Track fürs Radio angepriesen hätte.  Aber, Hand hoch, wer hört heute denn noch Radio? Das letzte Stück der Platte mit seinem Western-Touch passt nicht ganz zum Rest, Who Are You mutet so an, als würden die Travelling Wilburys im Himmel und auf Erden an einer Reunion basteln.

Ich kann mir auch den Stolz ausmalen, der die gesamte Band erfasst hat, als man The Great Detachment eingespielt hatte. Die Verve der Platte – gekrönt vom sensationellen Amerika – scheint in jeder Sekunde dazu angetan, ein größeres Publikum zu erobern, ohne dafür jedoch auf Seichtigkeit zurückgreifen zu müssen. Der von mir eingangs ausgemalte Krisenstab hat seine Wirkung somit nicht verfehlt. Wintersleep heben ihren Indie-Rock auf die ganz große Bühne. Und Amerika gerät dabei zum Hauruck des Jahres!

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The Great Detachment ist am 04.03.2016 auf Dine Alone Records erschienen.

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