Nymphe unter Derwischen – Heron Oblivion

Manch Album verstört mindestens in dem Maße, in dem es betört. Der aus San Francisco stammenden Formation Heron Oblivion ist solch ein auf Widersprüchlichkeit basierendes Werk gelungen. Das Genre freilich ist rasch geklärt. Wir haben es mit psychedelischem Folk-Rock zu tun, dessen ganze Wirkkraft durch die weltverlorene Stimme der Sängerin Meg Baird noch weiter gesteigert wird. Ihr Vortrag erweist sich als reinster Dream-Folk, von mythischen Anklängen geprägt. Um diese Geschichten von Sehnsucht und ewiger Vergänglichkeit wuchern verzerrte, oft dramatisch jaulende Gitarren. Das selbstbetitelte Debütalbum entwickelt eine fragile Ästhetik, die Mal für Mal von eben jenen Gitarren erschüttert wird. Wer mit dieser Prämisse etwas anzufangen weiß, wird die Platte lieben.

Schon Beneath Fields geizt nicht mit Atmosphäre. Wie von einem fernen Gestern her erschallt ein nymphischer Gesang, anfangs überwiegend von Ethan Millers Bass und Meg Bairds getragenem Schlagzeugspiel geleitet, ehe im Verlauf Noel Von Harmonson and Charlie Saufley mit mächtigen, verzerrten Gitarrensequenzen die Szenerie dominieren. Das Stück erzählt von den Träumen aus vergangenen Tagen, von einem Aufbruch ( „Just leave all that can stay/ Light the reels/ Light the way„) aus der Not. Dieses archaische Flair durchzieht das gesamte Album. Der bereits angesproche Kontrast zwischen dem absolut makellosen Vortrag Bairds und jenen in Furor und Jam explodierenden Gitarrenpassagen kann gar nicht oft genug betont werden. Jener derwischhafter Elan prägt auch das nachfolgende Oriar. Psychedelisch-schaurig, durchaus poppig fällt Sudden Lament aus, bei dem eine Liebende den Gefährten in der Ferne heimholen will. Irgendetwas verrät mir allerdings, dass dies ein Wunschtraum ist, der ein längst besiegeltes Schicksal verdrängt. Beim nächsten Track Rama wird es in mehrfacher Hinsicht spannend. Mit über 10 Minuten ist Rama ausladend, hat alle Zeit zur Entwicklung. Vor allem zu Beginn mag man sich an die frühen Werke der Cowboy Junkies erinnert fühlen, etwa durch den schleppenden, gedämpften Sound, den eine quakende E-Gitarre umspielt. Spätestens beim Refrain freilich sind Heron Oblivion wieder ganz in ihrem Element, wird man aus der Andächtigkeit hochgeschreckt. Im Verlauf werden die Gitarren richtiggehend gewürgt. Eine leise, wohlstrukturierte Stimmung wird wuchtig über den Haufen geworfen. Und doch ist die Lärmigkeit stets faszinierend melodisch, bei aller Dynamik nie außer Rand und Band. Das dunkle, gesäuseltere Faro freilich fällt dann doch ein wenig aus dem Rahmen. Es schenkt sich die ebenmäßige Helle und jedwede Getragenheit, die Instrumente vollführen im Hintergrund einen echten Teufelsritt. Auf Allmusic habe ich diesen Track äußerst treffend  beschrieben gefunden: „[Faro] begins with a jagged, wiry guitar riff before launching into a propulsive, slightly nervous dream pop scorcher, with Baird’s sighing spoken thoughts accompanying her gorgeous singing, and harsh guitars crashing like an electrical storm.“. Ganz am Ende verbirgt sich mit Your Hollows das meiner Meinung nach beste Lied des Albums. Baird entzückt einmal mehr durch bestrickende Helle, erinnert dabei an die besten weiblichen Stimmen der Folk-Rock-Welle der späten Sechziger und frühen Siebziger. Der zunächst warme, erdige Sound geht allmählich in einen wimmernden bis fauchenden Abgesang über. In der konsequenten Tollheit der Gitarren liegt große, beeindruckende Qualität.

Heron Oblivion entfesselt eine Szenerie, in der Idylle („Green fields„, „Tender, swollen rivers„, „My own special island, so famous for your flowers.„) trügerisch sind, eher schon verlorenen Paradisen gleichen. Bairds Auftritt als Nymphe unter Derwischen ist derart gelungen, dass man nicht den geringsten Zweifel hegt, dass dieses Konzept noch jede Menge weitere Alben verträgt. In solch verstörender Betörung, in der zeit- wie rastlosen Aura liegt schlicht ganz großes Potential!

heronoblivion_cover

Heron Oblivion ist am 04.03.2016 auf Sub Pop erschienen.

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