Schlaglicht 47: Great Lake Swimmers

Tony Dekker und seine Great Lake Swimmers brauche ich regelmäßigen Lesern dieses Blogs wohl nicht länger vorzustellen. Stattdessen will ich aus meinen Posts der letzten Jahre zitieren, um die Qualitäten der Formation nochmals aufzufächern.

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Photo Credit: Marina Manushenko

Inmitten einer turbulent lautstarken Welt bilden die Kompositionen Tony Dekkers einen meditativen Zufluchtsort, den Liebhaber modernen Folks nicht missen möchten.[1] Die stoische, zeitlos gültige Art der Lieder kratzt ein kontemplatives Element hervor, fokussiert sich auf eine Grundsätzlichkeit, die durch den entspannt-gelösten Vortrag noch verstärkt wird. Jene innere Ruhe bietet Hörern Halt, gerät zum Gegenstück einer mit jeder Faser wuselnden Gesellschaft. Dekker wirkt wie ein Eremit, der sich durch Abschottung eine Reinheit und Ernsthaftigkeit bewahrt. Er teilt sich mit, liefert Einblicke und wahrt doch Distanz.[2] Nachdenklichkeit und Tiefgang berührt das Herz, erzeugt eine Stimmung des Sehnens, die nicht die üblichen Befindlichkeiten abspult.[3] Tony Dekker ist ein Folk-Barde, wie er im Buche steht. Reflektiert, naturverbunden, mit viel Authentizität gesegnet. Zugleich beschränkt er sein musikalisches Schaffen keineswegs auf Gitarre und eremitische Abgeschiedenheit. Jener in bedächtiger Manier vollführte Folk-Rock und dieses Faible für lebendige Rhythmik ergänzen den gedankenversunken, warmen Vortrag perfekt. Mit seinen Great Lake Swimmers schlägt er seit über 10 Jahren die Brücke zwischen Erbaulichkeit und unprätentiösem Fühlen.[4]

All das, was ich in den vergangenen Jahren geschrieben habe, gilt auch für die in Kürze erscheinende EP Swimming Away. Die EP soll der Einstimmung auf ein paar Konzerte dienen, die die Formation im April wieder einmal nach Deutschland führt. Intime, auf drei Mitglieder reduzierte Akustik-Shows sollen es diesmal werden. Diese Schlichtheit deutet sich bereits bei den 4 Tracks des neuen Werks an. Nicht jedoch beim sehr versonnenen Titelstück Swimming Away, das mit Schlagzeug, Mundharmonika und Banjo so einige farbige Tupfer erhält. Condition White ist ein typischer Song der Great Lake Swimmers, wie man ihn auch schon vor zehn Jahren von Dekker und Konsorten hätte hören können. Ein wenig Wildnis umgibt den Gesang, alles gleicht einem mit nachdenklichen Gedanken versehenen Lebenszeichen aus der Abgeschiedenheit, in welcher sich gut grübeln lässt. Der Rückzug in die Natur ist im Sound der Great Lake Swimmers ohnehin stets verankert. Neben diese zwei Liedern beinhaltet die EP zwei Coverversionen. Beide sind überraschend. Da wäre zum einen Innocent When You Dream. Der Klassiker von Tom Waits, von dessen überragenden Album Franks Wild Years (1987), wird in dieser Neuinterpretation zur eleganten, nostalgischen Folkballade. Wo Waits gescheiterte Existenzen unnachahmlich porträtiert, fällt die Chose hier wesentlich versöhnlicher aus. Besonders erfreut hat mich auch das zweite Cover. The Desperate Kingdom Of Love ist einer meiner liebsten Songs von PJ Harvey, einer der in seiner verhaltenen, wispernden Intimität unter die Haut kriecht. Die Great Lake Swimmers deuten dies zu einem zärtlichen Liebesschwur um, dem die düsteren Untertöne gänzlich abhandenkommen. Dass dies nicht nach hinten losgeht, ist vor allem dem Umstand zu verdanken, dass Dekkers Vortrag prinzipiell nie zu kitschig oder zu leicht geraten kann.

Diese kleine und fraglos feine EP stellt all die Qualität der Great Lake Swimmers abermals in die Auslage. Wer die Band bislang noch nicht live gesehen hat, wer der Magie eines Tony Dekker einmal mehr erliegen möchte, sollte sich die Konzerttermine rasch im Kalender markieren. Denn diese Band macht nie etwas falsch, weder auf Platte noch auf der Bühne!

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Swimming Away erscheint am 26.03.2016 auf Nettwerk.

Konzerttermine:

16.04.2016 Berlin – Kantine am Berghain
17.04.2016 Dresden – Beatpol
18.04.2016 Jena – Glashaus im Paradies
19.04.2016 Köln – King Georg
21.04.2016 Schaffhausen (CH) – Tap Tab

Links:

Offizielle Webseite

Great Lake Swimmers auf Facebook

SomeVapourTrails

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