Am Zenit der Schaffenskraft – James

Vor einigen Wochen schon habe ich in einer kleinen Ankündigung des Albums Girl At The End Of The World darauf hingewiesen, dass die britische Formation James auf ihrem neuen Werk neben musikalischen auch eine thematische Frische an den Tag legt. Für eine Band in den Mittfünfzigern nun wirklich keine Selbstverständlichkeit! Nach mittlerweile einigen Hördurchläufen komme ich von dieser Platte gar nicht mehr los. Sie vereinigt erstaunlich knackige Lyrics mit einem dynamischen Sound. Solch moderner Britpop, dargeboten von ewig unterschätzten Veteranen, unterscheidet sich arg von den mitunter abgetakelten Klängen jüngerer Semester. Schauen wir uns nun die Lieder von Girl At The End Of The World doch kurz genauer an!

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Seit Tagen stockt jeder Hördurchlauf bereits im ersten Drittel des Albums. Die werte Co-Bloggerin kann sich nämlich an Nothing But Love nicht satthören. „Nothing but love gives the world some meaning/ Nothing but love is the drug of healing/ Lover be soft, lover be bold/ Earthquake, avalanche, volcano“ heißt es gleich zu Beginn der Hymne, die voller Wucht jede Kitschgefahr bannt. Mit ein Grund dafür ist natürlich auch der Vortrag von Frontmann Tim Booth. Jener besticht stets durch eine unwiderstehliche Mischung aus robuster Maskulinität und feiner Emotionalität. Bands aus Manchester haben in der Vergangenheit mit rüpelhaftiger Großspurigkeit (Oasis) oder Larmoyanz (The Smiths) Legenden gestrickt. James zeichnen sich immer mehr durch das aus, wass AllMusic als „wry grit and lush romanticism“ beschreibt. Genau dafür steht Charakterkopf Booth. Er ist zudem der Kitt, der das in seiner stilistischen Bandbreite vielfältige Werk zusammenhält. Nothing But Love ist dabei noch relativ konventionell gestrickt, funktioniert über den zum Feuerzeugschwenken gedachten Refrain. Attention ist ein andere Kaliber, beginnt als Piano-Ballade, die dann zu technohafter Trance mit Wave-Charakter erwächst, ehe sie zu energetischem Electro-Pop hochdramatisiert wird. Auch Booths Vortrag macht eine Wandlung durch, beginnt gefühlvoll und makellos, ehe er in schreiende Dringlichkeit schwappt. Dear John präsentiert sich endgültig als dunkler Synthie-Pop, der das Ende einer Beziehung in Worte fasst. Dieses Lied veranlasst mich zu einem zugegeben schrägen Vergleich. Wäre ABBA eine Band unserer Zeit, Dear John müsste eigentlich aus ihrer Feder stammen. Ob der Refrain „I wrote this song to tell you I’m leaving/ Afraid to say these words to your face/ Must be better than a letter, a text or an email/ My ride stops here at the end of the line“ oder die Zeile „Every Kiss has lost its flavour/ I’m not proud of my behaviour“ von der Dramatik und auch Tanzbarkeit her wäre das in meinen Ohren geradezu zwangsläufig. Manches Mal ist man auch geneigt, die CD nochmals zur Hand zu nehmen, um zu überprüfen, ob nicht doch bestens gealterte Pet Shop Boys ihre Finger im Spiel hatten. Etwa beim starken, hochenergetischen Surfer’s Song, hier entfernen sich James nämlich weit von ihren Britpop-Wurzeln. Catapult fährt wieder in vertrauteren Fahrwassern. Was vom Songwriting her eigentlich ein klassischer Britpop-Track sein könnte, wird mit einem fahrigen Beat ausgestattet, elektronisch verdichtet. Booth wirkt dabei als Fels in der Brandung, der melodische Schönheit wahrt, während um ihn herum die Pferde durchgehen. Catapult ist mindestens so schräg wie zeitgemäß, eines meiner persönlichen Lieblingsstücke dieser nie langweiligen Platte. Natürlich übertreibt es die Band auch, etwa bei Move Down South, wenn eine auf Western-Ambiente getrimmte Gitarre auf herb, monotones Schlagzeug trifft. Twang im Schweinsgalopp. Nicht uninteressant, aber allemal gewöhnungsbedürftig. Was auch für das auf Französisch vorgetragene Alvin gilt. Gegen Ende sticht Waking mit für James typischen Akkorden hervor. Nebenbei wird Systemhörigkeit angeprangert („Brothers, sisters/ We’ve been fooled/ They don’t want us too fulfilled/ Just enouth to pay your bills/ Entertainment/ Dog whistle views/ We are schooled/ To follow the rules„). Es bietet das x-te Aha des Albums!

Spulen wir zum Anfang von Girl At The End Of The World zurück. Den habe ich nämlich unterschlagen. Wenn nach langem Intro Tim Booth bei Bitch zum Mikro greift, ahnt man bereits, dass diese Scheibe famos wird. Wie genüsslich er das Verb(!) bitch über die Zunge schnalzen lässt, imponiert mir. Auch inhaltlich überzeugt es, nimmt die dieser Tage allgegenwärtige Meckerei auf die Schippe, wobei sich auch Booth davon nicht ausnimmt. To My Surprise wird dem Hörer ebenfalls im Gedächtnis bleiben. Der Refrain „Were you just born an asshole?/ Rage in exile/ What you have lost you can’t replace“ gerät so ärgerlich, wie dies jüngere Semester wohl gerne selbst wären. Und diese Erkenntnis führt mich wieder zur eingangs geäußerten Bewunderung. James verhalten sich nie wie ein wenig reife Herren, die aus Jux und Tollerei gern noch auf Putz hauen. Sie strahlen eine Schaffenskraft aus, an der sich jüngere Semester ein Beispiel nehmen können. Denn wo steht in Stein gemeißelt, dass der Zenit musikalischen Wirkens in den Zwanzigern oder Dreißigern erfolgt? James haben sich das absolut beste Album ihrer Karriere für ein Alter aufgehoben, wo andere Bands nur noch mit dem Nostalgiefaktor punkten können. Ich bin begeistert!

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Girl At The End Of The World ist am 18.03.2016 auf Infectious/BMG Rights Management erschienen.

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SomeVapourTrails

Ein Gedanke zu „Am Zenit der Schaffenskraft – James

  1. Ich mag James ja schon sehr gern, aber irgendwie konnte mich das neue Album jetzt nicht so überzeugen. Gerade von der von Dir beschriebenen Dynamik kam bei mir wenig an… Aber ich muss dem Werk vielleicht noch eine weitere Chance geben 🙂

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