Buddeln nach den eigenen Wurzeln – Ashia Bison Rouge

Durch die Jahrhunderte war Herkunft mit einer Schicksalshaftigkeit belegt, aus der es kaum ein Entrinnen gab. Zumindest in der westlichen Welt hat sich dies in den letzten 100 Jahren stark gewandelt. Herkunft ist nicht länger allein Last, Verpflichtung oder Privileg, sie kann als kleiner, feiner Teil der eigenen Identität wieder kultiviert werden. Nichts anderes macht Ashia Bison Rouge auf ihrer neuen Platte ODƎR. Über die im polnischen Breslau geborene, in den USA in Seattle und Portland aufgewachsene und nun in Berlin lebende Sängerin und Cellistin Ashia Grzesik habe ich bereits mehrfach geschrieben, ihr letztes Album Diesel vs Lungs derart gewürdigt: „Ihr kammermusikalischer, stets mit omnipräsentem Cello ausgestalteter Pop bekennt sich daher zur osteuropäischen Pro­ve­ni­enz, offenbart sich burlesk bis surreal, kreuzt Chanson mit dem Charme des Cabaret, scheut schließlich auch vor manch slawischer Ballade nicht zurück.“ Viel davon findet sich auch bei ODƎR wieder.

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Photo Credit: Nadja Bülow

Der Charme dieses Werks liegt in seinem stets eleganten Fluss, der die strömende Oder verkörpert. Entlang des Stroms begibt sie sich auf die Reise in die Vergangenheit, wie anhand der Songtitel unschwer zu erkennen ist. Dig in Our Roots ist nicht nur Motto des Albums, sondern zugleich einer der markantesten Tracks. Es geht darum, die eigenen Ursprünge zutage zu fördern. Gegen ein Vergessen anzukämpfen, welches unvermeidlich scheint, wenn man sich nicht rechtzeitig von Eltern und Großeltern ihre Geschichten und die ihrer Ahnen erzählen lässt. A Life Forgotten thematisiert dies auf dramatisch-wehmütige Weise. We Travelled Above legt die Hand auf ein Grab, in wohliger Erinnerung verfangen. So melancholisch die Klänge auch sind, tänzeln sie mindestens ebenso leichtfüßig, geradezu fröhlich und dankbar. Indem Grzesik ihr Chello mal zupft, dann streicht, ab und an auch eine Violine zur Verstärkung holt, entwickelt sich eine herrlich pittoreske Aura, die Klassik mit Folklore vermengt. Der großartige gesangliche Vortrag kann seine amerikanische Sozialisation nicht verhehlen. Der Geist des Great American Songbook trifft hier auf eine Regina Spektor. So wird eine Brücke zwischen dem Früher und der Moderne geschlagen. Ein Song wie My Rock ist emotional reich bebildert, verströmt schüchterne Schönheit voll melodramatischer Akzente. Edel fällt vor allem The Flood aus, das mit cellobasiertem Americana zu faszinieren weiß. So sehr Ashia Bison Rouge auch die Wurzeln an den Gestaden der Oder betont, ist die amerikanische Prägung doch ein essentieller Bestandteil dieses Albums. Dennoch steht außer Zweifel, dass die kulturelle Herkunft keine romantische Spinnerei bedeutet. Wenn Grzesik bei Odra in polnischer Sprache singt, werden alle Intentionen plötzlich wahr. ODƎR ist in seiner Mitte angekommen. Der Hang zu osteuropäischer Schwermut wird unverfälscht ausgelebt, Cello und Gesang ergänzen sich perfekt. Wie das Cello in den Solopassagen aufwallt, selbst voll getragenem Temperament zu erzählen beginnt, gehört zu den eindrücklichen Moment des Werks. Gegen Ende entpuppt sich Jakob’s Lacrymosa als weiteres Highlight, es gerät zum tränenschweren Requiem, wie die Zeilen „Lacrimosa dies illa/ Qua resurget ex favilla/ Judicandus homo reus.“ belegen. Die bereits erwähnten Stile werden dabei von bester klassischer Kirchenmusik einfasst. Es fügt sich in den Kontext der Platte wohl als sämtliche Vorfahren umfassende Totenklage.

Das Buddeln nach den eigenen Wurzeln mag in unserer gegenwartsfokussierten Zeit eher unzeitgemäß wirken. Vermutlich ist es das überhaupt nicht. In den von nie dagewesener Mobilität und globalen Migrationsbewegungen geprägten letzten 100 Jahren scheint es sogar schlüssig, dass sich viele Menschen auf die Sprache und Heimat der Eltern oder Großeltern rückbesinnen. Wenn man so wie Ashia Bison Rouge die eigenen Wurzeln nicht als lästiges Anhängsel begreift, eben weil Herkunft nicht länger Bürde sein muss, kann am Ende eine Platte wie ODƎR stehen. Eine Platte, die mehr über Identitätsfindung aussagt, als dies die üblichen Nabelschauen von Singer-Songwriterinnen tun. Eine Platte, die die eigene Biografie nicht mit der Geburt beginnen lässt. Eine Platte, die im Blick auf die Vergangenheit auch die eigene Vergänglichkeit begreift. Eine Platte, die sich selbst an Gräbern und bei aller Melancholie eine bewundernswerte Leichtigkeit bewahrt. Eine Platte halt, bei der thematische Ambition und künstlerische Fertigkeit Hand in Hand gehen. Ich bin beeindruckt!

Oder_cover

ODƎR ist am 19.02.2016 auf Jaro Medien erschienen.

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