Rein ins Auto, ab ans Meer, Gedanken baumeln lassen – Der Nino aus Wien

Der Müßiggang an den Küsten der Adria hat für Österreicher – und speziell für Wiener – eine lange, lange Tradition. Noch zu Kaisers Zeiten flanierten Künstlern durch Triest, auch der gemeine Proletarier vergnügte sich in den Siebzigern und Achtzigern gern in Jesolo oder Caorle. Dass sich also der von mir sehr geschätzte Liedermacher Der Nino aus Wien in dortigen Breiten zur EP Adria inspirieren hat lassen, greift also eine Tradition auf, die in Zeiten des von Ryan Air propagierten Cityhoppings herrlich altmodisch wirkt. Rein ins Auto, ab ans Meer, Gedanken baumeln lassen. Der Charme dieser Idee entfaltet auf dieser sechs Lieder umfassenden EP vollste Wirkung.

nino_presse

Gleich zu Beginn entzückt das chansonesque Natalie mit Suche und Sehnsucht. Schiffe in den Häfen sowie die Warterei im Bahnhof bilden dabei Ausgangspunkte für Reisen besten Kopfkinos. Unterlegt wird all dies mit einem Hauch Balkan-Pop. Überall das Meer ist eine Roadmovie-Fantasie in knackigster Austropopmanier, von Freiheit und Lebensgefühl („Und dann fährt er lang durch das trockene Küstenland/ Und dann hält die Sonne ihn im Arm, sie verführt ihn zum Tanz„) getragen. Angesichts des unglaublich Laune machenden Lieds müssten sämtliche Tourismusverbände Italiens und Kroatiens dem werten Nino große Teile ihres Marketingbudgets zukommen lassen. Bei Winter im April werden die Reiseprospekte wieder eingesammelt, es besticht als poetisch-existentielle Ballade, das mit aufgeräumter Milde den Frustrationen des Hier und Jetzt begegnet. Das drauffolgende Praterlied zelebriert wieder jene Strizzimentalität, die längst zu seinem Markenzeichen geworden ist. Das Lied, welches vorgibt, einen Einblick in das Leben des Liedermachers zu geben, beschreibt eine Existenz als Lebenskünstler zwischen Party und Dolcefarniente, zwischen Exzess und Seligkeit, zwischen Wünschen und Realitäten. Die Launigkeit einer lässigen Wiener Lebensart wird wunderbar pfiffig vermittelt. Der Mai ist vorbei verfällt abermals in Poesie, beschreibt ein Rendezvous vor den Kulissen Wiens. Was zunächst hoffnungsvoll („Es fährt die Sommernacht so schnell wie eine U-Bahn durch seine Welt. Und er glaubt, dass das Schicksal ihm gefällt.„) beginnt, mündet dann in Ernüchterung, die sich allmählich mit Schicksalhaftigkeit tröstet. Das Motto ‚Verschwende deine Jugend‘ vermag Der Nino aus Wien Mal für Mal mit großer Überzeugung umzusetzen. Mit dem finalen Adria kehrt die EP wieder zu dem Ort zurück, an dem die Lieder ersonnen wurden. Der Lo-Fi-Sprechgesang und die Disharmonie der Gitarrenakkorde, die wohl Wellen darstellen sollen, machen es zu einem Abgesang, mehr noch zu der Art Experiment, um das Nino nie verlegen scheint.

Der EP-Titel Adria steht somit in erster Linie für den Ort der Entstehung. Es ist keine EP, die sich um Badefreuden und ähnliche Klischees bemüht. Der Nino aus Wien mag zwar in der Fremde Inspiration getankt haben, seine Lieder beschreiben jedoch einmal mehr ein ausgesprochen entspanntes, nachdenkliches Lebensgefühl, wie man es dieser Generation nur wünschen kann. In den vielen grandiosen Momenten seines Schaffens trifft jede Menge Wiener Lokalkolorit auf eine außergewöhnliche Erzählkraft, wie man sie etwa von der Beat Generation kennt. Gäbe es den werten Nino nicht längst, man müsste diese Figur auf der Stelle erfinden!

adria_cover

Adria ist am 01.04.2016 auf Problembär Records erschienen.

Konzerttermine:

27.05.2016 Wien (AT) – Donaukanaltreiben
11.06.2016 Berlin – Poesiefestival
15.06.2016 Wien – Theater am Spittelberg

Links:

Offizielle Webseite

Der Nino aus Wien auf Facebook

SomeVapourTrails

Ein Gedanke zu „Rein ins Auto, ab ans Meer, Gedanken baumeln lassen – Der Nino aus Wien

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.