Schatzkästchen 55: Vlimmer – Erschöpfung

Wir sind es so sehr gewohnt, dass alles nach Schema F abläuft. Auch im Musikgeschäft. Alle zwei bis drei Jahre ein Album herauszubringen, scheint ein ungeschriebenes Gesetz der Branche zu sein. Im Mainstream ebenso wie im Indie-Bereich. Doch warum eigentlich? Wenn die Kreativität mehr ausspuckt, spuckt sie eben mehr aus. Werfen wir irgendein längst überholtes Business-Einmaleins endlich über Bord! Mit Musik ist ohnehin in der Regel recht wenig zu verdienen. Veröffentlichungen müssen also nicht danach getaktet werden, sie vollumfänglich auszuschlachten. Wer hundert Ideen im Kopf hat, Zeit und Muße findet, diese dann auf Band zu bannen, der soll all die Einfälle den Hörern vor den Latz knallen. An der britischen Formation SPC ECO schätze ich, dass sie im Monatstakt neues Single und EPs auf Bandcamp hochlädt. Warum denn auch warten, bis man genügend Lieder für ein ganzes Album zusammengekratzt hat?! Der werte Musiker und Tausendsassa Alexander Leonard Donat geht mit seinen vielen Projekten sogar noch einen Schritt weiter. Quasi jeden zweiten Monat kommt er mit EPs oder Platten um die Ecke, immer andere Genres beankernd, stets neue Akzente setzend. Das ist verdammt viel Futter für die Ohren, jedoch nie Fast Food. Denn jedes seiner Projekte besitzt eine ganz eigene Stimmung. So ist Feverdreamt auf exotischen Krautrock getrimmt, Fir Cone Children punktet mit quirlig-unbeschwertem Noise-Pop, Leonard Las Vegas offenbart sich als hochambitionierter Post-Punk mit Fokus auf Storytelling. Und Vlimmer ist ausgesprochen stimmungsvoller, fast sakraler Lo-Fi-Underground. Zu den im November letzten Jahres veröffentlichten EPs I und II kam mir damals folgendes in den Sinn: „Wenn es einen passenden Ort gibt, an dem man die Düsternis von Vlimmer vollauf genießen kann, dann muss das ohne Zweifel ein von Humanität abgeschiedener, dreckiger, finsterer Platz sein. Ein Raum, an dem die klaustrophobische Seele in aller Einsamkeit die Wände hinauf klettern kann, an dem jegliche Existenz surreal und leer erscheint.“

Was für den ersten Streich galt, scheint für den zweiten Streich ebenso zutreffend. Die EPs III und IIII sind für Mitte April angekündigt. Mit dem Track Erschöpfung liegt bereits ein erster Höreindruck vor. Die gespenstische Verdrossenheit, die die Nummer kennzeichnet, hinterlässt einen starken Eindruck. Die Kunst der matten Klage, die so anmutet, als würde sie einem dunklen Keller entfleuchen, wird auch hier wunderbar kultiviert. Der Darkwave von Erschöpfung weckt definitiv Lust auf mehr. Und wie ich Herrn Donat inzwischen kenne, wird sich dieses Mehr nicht bloß die EPs III und IIII beschränken. Gut so, immer her damit!

vlimmerEPIII+IIII

EP III und IIII erscheinen am 15.04.2016 via Blackjack Illuminist Records.

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