Schlaglicht 50: Paul Simon

901px-Paul_Simon_at_the_9-30_Club_(b)
By Matthew Straubmuller (imatty35), CC BY 2.0, Wikimedia Commons

Es gibt nicht wenige musikalische Ikonen, die durch Extravaganz, Exzesse oder politisches Engagement mindestens so sehr wie durch das über jeden Zweifel erhabene musikalische Wirken im kollektiven Gedächtnis verankert sind. Und es gibt Singer-Songwriter vom Schlage eines Paul Simon, der seit über 50 Jahren als nimmermüde Größe wirkt. Nun ist der geschätzte Herr zwar kein Leisetreter, aber eben auch keine exzentrische Erscheinung. Er ist jemand, der nicht aufgrund von Eskapaden in Erinnerung bleiben wird, vielmehr weil er im Laufe der Karriere stets neue Herausforderungen gesucht hat. Über seine Zeit als kreativer Part von Simon & Garfunkel müssen keine Worte mehr verloren werden. Doch war deshalb keinesfalls garantiert, dass seine Soloambitionen ebenso von Erfolg gekrönt sein würden. Dennoch vermochte er den musikalischen Umbrüchen der Siebziger zu trotzen, indem er sich nie sonderlich um Moden kümmerte. Er etablierte sich als ausgesprochen zugänglicher Singer-Songwriter mit originellen Ideen, die er jedoch ohne viel Tamtam präsentierte. Der Song Mother and Child Reunion vom Album Paul Simon etwa mit seinem Reggae-Einfluss war 1972 wohl keinesfalls zeitgeistig. Ähnliches gilt für den Gospel-Pop des Stücks Loves Me Like a Rock (There Goes Rhymin‘ Simon; 1973). Und dass das der Platte Still Crazy After All These Years entnommene 50 Ways to Leave Your Lover im Jahre 1976 Simon den bislang einzigen Spitzenplatz in den US-Charts bescherte, ist bis heute verwunderlich. Ende der Siebziger und Anfang der Achtziger vermochte Simon allmählich nicht länger kommerziell zu reüssieren. Das ist zumindest in meinen Augen umso unverständlicher, weil ausgerechnet in dieser Zeit einige seiner famosesten Tracks entstanden. Ich denke da zum Beispiel an Think Too Much (b) von 1983, dem Werk Hearts and Bones entnommen, welches ich auch erst kürzlich für mich entdeckt habe. Mitte der Achtziger hätte vermutlich niemand auf ein großes Comeback gewettet. Und dann kam 1986 Graceland mit seinen südafrikanischen Elementen! Diesem folgte 1990 das von den Klängen südamerikanischer Ureinwohnern inspirierte The Rhythm of the Saints. Beide Platten stellten einen Brückenschlag hin zur Weltmusik dar, gerieten in jeglicher Hinsicht zu Triumphen. Man kann Simon wirklich nicht unterstellen, dass er je auf Nummer sicher gegangen wäre. Fast folgerichtig ging sein nächstes Projekt, ein Broadway-Musical, baden. Auch auf CD floppte das ambitionierte Songs from The Capeman (1997). Ein nachdenklicher Simon erholte sich auch davon, indem er 2000 mit You’re The One sein erstes echtes Singer-Songwriter-Album in fast zwei Dekaden veröffentlichte. Dass er auch mit Mitte Sechzig noch mehr zu bieten hatte, als an der eigenen Legende zu stricken, unterstrich seine Zusammenarbeit mit Brian Eno bei Surprise (2006). Während viele Musiker in diesem Alter das Leben Revue passieren lassen, schien der werte Herr noch voll im Leben zu stehen. Nicht bloß seine Stimme hatte nichts von ihrer Jugendlichkeit eingebüßt. 2011 erschien So Beautiful or So What, ein von der Musikkritik sehr wohlwollend aufgenommenes Werk, das Simon so zeitlos wie modern und so spirituell wie selten zuvor zeigte. Auch die abermalige Hinwendung zur Weltmusik darf nicht unerwähnt bleiben.

Wenn man Paul Simons Schaffen im Telegrammstil Revue passieren lässt, wirft das fast unwillkürlich die Frage auf, welchen Weg das gerade angekündigte neue Werk Stranger to Stranger denn beschreiten könnte. Ist es einmal mehr ein künstlerischer Aufbruch oder eher gelungene Standortbestimmung? Der erste Vorgeschmack Wristband hat einen schnoddrigen Touch, ist von einem lässigen Latino-Rhythmus getragen. Die erste Strophe „I stepped outside the backstage door to breathe some nicotine/ And maybe check my mailbox, see if I can read the screen/ Then I heard a click, the stage door lock/ I knew just what that meant/ I’m gonna have to walk around the block if I wanna get it in“ erzählt von einem Vorfall, wie er vielleicht schon manchem Musiker geschehen ist. Vom eigenen Auftritt ausgesperrt zu sein, ist keine schöne Sache. Umso ärgerlicher, dass Simon vom Türsteher nicht erkannt und eingelassen wird, da er kein Bändchen am Arm trägt, dass ihm den Zutritt erlauben würde. Wer nun auf eine offensichtliche Pointe wartet, wird freilich enttäuscht. Stattdessen beginnt Simon zu sinnieren, nimmt den Vorfall zum Anlass für einen Vergleich mit sozialen Zuständen: „The riots started slowly with the homeless and the lowly/ Then they spread into the heartland towns that never get a wristband/ Kids that can’t afford the cool brand whose anger is a short-hand/ For you’ll never get a wristband and if you don’t have a wristband then you can’t get through the door“ . Dieser smarte Track beweist, dass Simon selbstverständlich auch 2016 zu relevanten Klängen befähigt ist. Man darf sich somit auf Stranger to Stranger freuen. Die Frische dieses Mittsiebzigers ist und bleibt sagenhaft!

strangertostranger

Stranger to Stranger ist für 03.06.2016 angekündigt.

Links:

Offizielle Homepage

Paul Simon auf Facebook

SomeVapourTrails

Ein Gedanke zu „Schlaglicht 50: Paul Simon

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.