Zeitreise ins Nigeria der Sechziger – Fela Ransome Kuti And His Koola Lobitos

Für mich ist die Beschäftigung mit Weltmusik neben dem reinen Genussfaktor immer auch eine willkommene Möglichkeit, über den vermeintlichen Umweg Musik etwas über fremde Kulturen oder mir bislang nicht bekannte historische Entwicklungen zu erfahren. Die das Frühwerk der Afrobeat-Legende Fela Ransome Kuti auf drei CDs auffächernde Sammlung Highlife-Jazz and Afro-Soul (1963-1969) gibt mir dieses Mal Gelegenheit dazu. Bereits letzten Herbst habe ich mich in gebotener Kürze mit Kutis Schaffen auseinandergesetzt. Heute will ich mir den Zeitgeist der Sechziger vornehmen, in das soziale und kulturelle Biotop Westafrika eintauchen.

Photo Credit: Sandra Izsadore
Photo Credit: Sandra Izsadore

Als Kuti 1963 nach seinem Studium in London in seine Heimat Nigeria zurückkehrte, fand er ein Land im Wandel vor. 1960 von den Briten in die Unabhängigkeit entlassen worden, schien vieles möglich. Vom wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Höhenflug bis hin zur Zerreißprobe aufgrund ethnischer und religiöser Konflikte. Denn als Erbe der Kolonialzeit verblieb eine willkürlich zusammengewürfelte Schicksalgemeinschaft, deren drei größte Völker die Hausa-Fulani, Yoruba und Igbo waren. Im Jahre 1963 hatte die junge Republik somit noch alle Chancen – und jene Aufbruchsstimmung fand ihren Ausdruck im Highlife. Der Musikstil Highlife hatte zu diesem Zeitpunkt bereits eine lange Entwicklung hinter sich. Seine Wurzeln liegen im Ghana am Ende des 19. Jahrhunderts, als Einflüsse wären Palm Wine Music, koloniale Militärblaskapellen, religiöse Gesänge und karibische Rhythmen zu nennen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts bildeten sich zwei Spielarten aus. So wurde er zunächst zur gediegenen Unterhaltung kultivierter Eliten von Tanzorchestern dargeboten, gitarrenlastigere, percussionorientiere Formen des Highlife fanden dagegen im einfachen Volk Verbreitung. In den 1930er-Jahren sorgten ghanaische Wanderarbeiter dafür, dass sich letztere Spielart in ganz Westafrika verbreitete. Weitere Einflüsse kamen hinzu. Während des 2. Weltkriegs befruchteten in Ghana stationierte US-Soldaten den Highlife durch Jazz. Ein wenig Swing, ein bisschen Blues und Calypso sollten in der Folge den Sound weiter ausgestalten. Allmählich schwappte der Highlife auch nach Europa, ein Treffpunkt war der Londoner Club Afrique, in welchem es zu einem Austausch zwischen Musikern aus der Karibik, Westafrika, Südafrika und Großbritannien kam. Es ist davon auszugehen, dass der von 1958-1963 in London weilende Kuti auch davon beeinflusst wurde. Bei seiner Rückkehr nach Nigeria versuchte er in der pulsierenden Clubszene von Lagos Fuß zu fassen. Noch war er ein Newcomer, der am Boom partizipierte. Die Platzhirschen dieser Zeit waren von Victor Olaiya, Rex Lawson, Roy Chicago oder Eddy Okonta angeführte Formationen. Kuti machte eine Ausbildung bei einem nigerianischen Radiosender, abends spielte er in den Tanzlokalen der Stadt. Anfangs noch sehr am Jazz orientiert, wurde auch er vom Zeitgeist angesteckt, fokussierte er seine Band namens Koola Lobitos, die er bereits während seines Musikstudium in London gegründet hatte, nun auf den Highlife. Michael E. Veal, Yale-Professor für Musikethnologie, beschreibt die ersten Gehversuche in den hervorragenden Liner Notes zu diesem Box-Set so: „In his hands, idiomatic chord progressions are enlivenend by syncopated rhythm & blues bass lines, while the percussive horn charts recall James Brown and Stax/Volt as much as they do Chicago, Lawson and Olaiya.“

Kuti nannte diesen seinen Stil Highlife Jazz. Doch die Blüte des Highlife sollte nur wenige Jahre dauern, was vor allem zwei Ursachen hatte. Die eben erst erlangte demokratische Unabhängigkeit Ghanas und Nigerias erlitt 1966 in beiden Ländern durch Militärputsche schwere Rückschläge. In Nigeria eskalierten ethnische Spannungen, die 1967 im Biafra-Krieg mündeten. Offiziere der in der Provinz Biafra ansässigen Igbo hatten sich im Jahr zuvor an die Macht geputscht, weil sie sich gegenüber den muslimischen Hausa und Fulani des Nordens benachteiligt fühlten. Doch schon sechs Monate später kam es zu einem Gegenputsch, der die Machtverhältnisse wieder zugunsten der Hausa-Fulani herstellte. Eine Verwaltungsreform trieb dann den Konflikt auf die Spitze. Erdölfelder im Umkreis des Stammlandes der Igbo wurden durch geschickte Grenzziehungen dem Zugriff der regionalen Verwaltung entzogen. Das rief Sezessionsbewegung auf den Plan, 1967 wurde die Unabhängigkeit der Region Biafra von den politischen Spitzen der Igbo ausgerufen. Das wiederum konnte die Zentralregierung keinesfalls akzeptieren, zu wichtig waren besagte Erdölfelder. Der bis 1970 dauernde Krieg war jedoch keiner der typischen Stellvertreterkrieg dieser Zeit. Militärische Hilfe und Waffenlieferungen für Nigeria kamen von der ehemaligen Kolonialmacht Großbritannien, aber ebenso aus der Sowjetunion. Die Abtrünnigen erhielten Schützenhilfe aus China und Frankreich. Auch nach Niederschlagung der Abspaltungsbewegung sollte der Konflikt um die Hoheit über die Erdölgebiete im Nigerdelta bis heute fortbestehen. Die Ermordung vieler Igbo hatte das fragile Gebilde Nigeria jedoch auf Dauer seiner Unschuld beraubt. In jener turbulenten zweiten Hälfte der Sechziger war Lagos im Gebiet der Yoruba von all den Vorgängen weniger beeinträchtigt, die Aufbruchsstimmung, für die letztlich auch der Highlife stand, war jedoch dahin. Zu einer Marginalisierung des Stils trug letzlich aber auch der aus den USA nach Afrika überschwappende Rhythm & Blues und speziell Soul bei. Mitte der Sechziger hatte Fela Kuti freilich seinen eigenen Highlife-Stil vollends gefunden, wie die Liner Notes wunderbar charakterisieren: „These songs make it clear that by the mid-1960s, Fela was already relying on a fairly predetermined arranging style. The songs are usually introduced by a brief horn statement, without rhythm section accompaniment. Fela’s vocals enter along with the rhythm section, singing one or two verses over a prominent, repeating horn riff. A horn solo accompanied by a background horn line follows, generally by Fela on trumpet or Olasugba on alto saxophone. A horn section interlude written in solo or sectional call-and-response fashion, the second half of which is often accompanied by a second trumpet. Finally, Fela sings the final verse and the song fades on a repeating chorus figure or vamp.“

Die politische und gesellschaftliche Gemengelage gilt es zu berücksichtigen, um Kutis Werdegang ein bisschen nachvollziehen zu können. Nigeria befand sich mitten in höchst unruhigen Zeiten – und auch der Highlife war am absteigenden Ast. Kutis Hinwendung zu Soul und Rhythm & Blues war kommerziell nicht erfolgreich. Und inmitten dieser Krise erhielt er das Angebot, zwei Monate lang durch die USA zu touren. 1969 machte er sich mit seiner Band auf den Weg. Aus zwei Monaten sollten schließlich neun werden, aus den Koola Lobitos die Nigeria ’70. Die Hippie- und Black-Panther-Ära würde endgültig zur Politisierung seiner Musik führen und der Afrobeat zu seinem Markenzeichen werden. Der Aufbruch der ersten Hälfte der Sechziger und die politische Krise der späten Sechziger bildeten die Grundlage für Kutis Transformation, aus dem Unterhaltungsmusiker wurde der Visionär. All die Umstände gilt es zu begreifen, um die Sinnhaftigkeit des Box-Sets Highlife-Jazz and Afro-Soul (1963-1969) nachempfinden zu können. Es ist mindestens so sehr zeitgeschichtliches Dokument, das Blüte und Verwelken des Highlife dokumentiert, zugleich Kutis Entwicklung hörbar macht. Zwischen Bonfo, einer der ersten Singles mit Koola Lobitos, und der Liveaufnahme Ororuka liegen wohl kaum mehr als drei Jahre – und dennoch Welten. Wo Bonfo noch nach ein wenig biederem Calypso-Tanzorchester klingt, besitzt Ororuka bereits wildere Bläser, einen volleren Sound gepaart mit einem längst nicht so gesitteten Jam-Charakter. Ebenso zeigen sich Unterschiede zwischen der jazzigen Ausrichtung, mit welcher Kuti 1963 ursprünglich nach Nigeria zurückkehrte, und der munteren Gefälligkeit des von ihm aufgegriffenen Highlife. So steht Amaechi’s Blues für die anfängliche Ambition und Onifere No. 2 mit seinen charmanten Bläsern für den Zeitgeist. Beide circa 1963 aufgenommenen Stücke wirken noch meilenweit von dem entfernt, was später Kutis Kunst werden sollte. Der am Anfang stehende Mittzwanziger verrät jedoch bereits sein Talent für Arrangements, auch wenn man ihm zugleich noch anmerkt, dass er auf der Suche ist. Abiara etwa ist durch und durch lateinamerikanisch geprägt, My Baby Don’t Love Me dagegen orientiert sich stark am Soul. Die Sammlung zeigt auch, dass Kuti anfangs eher selten auf English, sondern hauptsächlich in seiner Muttersprache Yoruba sang. Dies sollte sich mit dem Afrobeat schlagartig ändern. Bei aller Betonung auf das, was sich schon bald ändern würde, muss trotzdem darauf hingewiesen werden, dass Fela Kuti auch Mitte der Sechziger bereits einen faszinierenden Stil besaß. Michael E. Veal nennt es einen „busy sound“ mit „blaring horns, aggressive jazz solos und dense arrangements“ und betont, dass ihn dies bereits von anderen Proponenten des Highlife unterschied. All dies findet sich bei Tracks wie Araba’s Delight oder Alagbara. Speziell die schrillen Bläser gewinnt man auf dieser Zusammenstellung rasch lieb. Wenn man sich einen Live-Track wie Waka Waka anhört, ihn mit der ebenfalls vorhandenen Studioaufnahme vergleicht, sticht hervor, dass Kutis ohnehin bestens aufgelegten Koola Lobitos die Intensität live durch eine gewisse Unaufgeräumtheit noch zu steigern wussten. So wie sich Sound und Band im Laufe weniger Jahre veränderten, so hat fraglos auch Kuti selbst einen Wandel durchlaufen. Vom an Jazz-Größen orientierten Trompetenspiel bei Great Kids über den souveränen, altmodischen Bandleader bei It’s Highlife Time bis hin zu neue Zeiten bereits stärker reflektierenden, anarchischeren Stücken wie Se E Tun De.

Für wen ist dieses Box-Set nun bestimmt? Vor allem für jene, die ein wenig Fantasie besitzen, um all die Veränderungen der Sechziger vor dem geistigen Auge ablaufen zu lassen. Binnen weniger Jahre wurde aus Nigerias demokratischem Auftakt ein Versinken in Militärputschen und Bürgerkriegen, der kontrollierte Charme der Tradition mündete in einem hektischen Schrei einer experimentierfreudigen Moderne. Alle Umwälzungen treten bei genauerem Hinhören zu Tage. Manch Umbrüche begreift man erst durch ein wenig Kenntnis des postkolonialen Nigerias, andere gesellschaftliche Veränderungen haben auch im Europa und den USA zu dieser Zeit stattgefunden, sind dadurch sicher leichter fassbar. Highlife-Jazz and Afro-Soul (1963-1969) ist wie schon betont viel mehr als lediglich eine Beschreibung des Werdegangs der Afrobeat-Legende. Selbstverständlich wird allerdings auch Fela Ransome Kuti mit diesem Box-Set in seiner gesamten Entwicklung noch greifbarer. Dass all die Singles, das einzige Album dieser Jahre sowie Liveaufnahmen und andere Stücke nun überhaupt vorliegen, ist ein echter Kraftakt. Erst zahlreiche Sammler, die ihre raren, gut erhaltenen Vinyl-Platten zur Verfügung gestellt haben, ermöglichten diese Compilation. Denn die Mastertapes selbst sind allesamt längst zerstört. Nicht zuletzt darum überrascht die Qualität des Sounds, die all jenen Sammlerstücken in zweifelsohne vielen, vielen Stunden herausgekitzelt wurde. Auch angesichts all dieser Mühe sollte man diese Sammlung wie einen Goldschatz hüten. Sie belegt einmal mehr, dass die Beschäftigung mit fremdem Klängen neben allem Hörvergnügen auch kulturelle und historische Erkenntnisse bringt. Das Schicksal Nigerias in den Sechzigerjahren war mir noch nie so präsent wie durch das Begreifen dieses Box-Sets. Diese Zeitreise hat mich ganz und gar gepackt. Ich hoffe doch, manch Lesern geht es ähnlich!

FELA-koola_lobitos

Highlife Jazz and Afro-Soul (1963-1969) ist am 08.04.2016 auf Knitting Factory Records erschienen.

Links:

Offizielle Webseite

Über die Musik: Highlife! (Reportage über Highlife in Ghana auf FM4)

Highlife: Ghanas Nationalmusik erlebt ein Revival (Beitrag auf SRF)

SomeVapourTrails

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