Zu unaufgeregt für Berlin-Neukölln – Tricky

Die für die richtig coolen Klänge verantwortliche Co-Bloggerin hat mich dieser Tage auf die neue Scheibe von Tricky hingewiesen. Der werte Musiker weilt seit letztem Jahr in Berlin-Neukölln, das längst zu einem Mekka für Abenteuerlustige aus aller Welt geworden ist. Auch deshalb habe ich in das Album Skilled Mechanics reingehört, um zu sehen, was die Gegend aus Herrn Tricky gemacht hat. In einem lesenswerten Interview mit dem [030] Magazin, bei dem er auf seine Eindrücke von Berlin angesprochen wurde, outete er sich als Neuankömmling, der sich noch darüber wundert, dass an dem einen Tag ein alter Fernseher auf der Straße steht, am nächsten Tag an eben dieser Stelle eine Couch zu finden ist. Tricky scheint Nord-Neukölln mit großen Augen und Interesse zu bestaunen. Bereits abgebrühte Kiezbewohner erkennt man dagegen daran, dass Sperrmüll auf der Straße – sofern nicht monetär verwertbar – eher mit Desinteresse begegnet wird. Ob zerschlissene Matratze, desolates Regal oder defekte Waschmaschine, es existiert nichts, was nicht auf dem Gehweg entsorgt wird. Mitunter noch mit dem großmütigen Vermerk „zu verschenken“ ausgestattet. Doch ich schweife ab. Berlin mag sich in Skilled Mechanics (noch] nicht wiederfinden, es unterstreicht jedoch, dass Tricky nicht zum alten Eisen gehört, sein Umzug nach Neukölln keinen verzweifelten Schrei nach Hipness bedeutet.

Der Reiz des Albums besteht vor allem darin, dass der geschätzte Adrian Thaws ohne Umschweife auf den Punkt kommt, sich die Länge der Tracks bei knapp unter drei Minuten einpendelt. Tricky holt für jedes Stück einen Gast oder einen musikalischen Partner an Bord. Fünf Songs hat er zusammen mit DJ Milo produziert, zwei Nummern sind In Kollaboration mit seinem Drummer Luke Harris entstanden. Und dann wären da noch Gäste wie beispielsweise eine chinesische Rapperin namens Ivy. Daraus resultiert ein stilistisch bunter Mix. Der Opener I’m Not Going pendelt zwischen tickendem Rhythmus und dem empfindungsschwer gehauchten, verführerisch gesäuselten Gesang der Dänin Oh Land. Ebenfalls hervorragend fällt Don’t Go aus. Es ist ein sehr gedämpfter Track, fast eine Art beschwörerisches Wiegenlied, dessen minimalistische bis gackernde Electronica von eindringlich flüsterndem Sprechgesang konterkariert wird. Diesem entschleunigten Stück folgt Beijing To Berlin mit besagter Ivy. Das Rap-Duett gerät gewöhnungsbedürftig, wobei Ivy als fernöstliche Missy Elliott eine gute Figur macht. Diving Away präsentiert sich als Trip-Hop-Ballade der Extraklasse. Das Highlight des Albums ist aber fraglos Boy, dessen Zeilen „At 12 I met my dad, his name was Roy/ He forget my name, he call me boy“ biografisch gefärbt sind. Dramatische hervorgepustete Synthies und unrunde Beats bilden das Fundament. Trickys Rap wechselt dabei zwischen rotziger Erzählweise und eindringlichem Wispern. Rap beruft sich allzu gerne auf street credibility, selten aber so überzeugend wie hier. Der plüschig-loungige Soul von How’s Your Life setzt nochmals einen neuen Akzent. Auch zum Ende hin geht der Platte nicht der Saft aus. Das sinistre Necessary kommt im Vortrag flüsternd, im Sound fiepend daher. Vermutlich liegt darin eine der Qualitäten dieses Werks, dass nämlich eine sachte Unruhe für ganz große Intensität und Gänsehaut sorgt, dass Tricky eben nie die großen Töne spuckt.

Den Sound von Neukölln hat die Trip-Hop-Legende mit Skilled Mechanics keinesfalls eingefangen. Tricky, der sein Werk als Urban Soul verstanden haben will, agiert dazu über weite Strecken zu unaufgeregt, zu aufgeräumt. Fast möchte man seinen Aufenthalt als Missverständnis interpretieren. Hierher kommt mittlerweile vor allem, wer sich selbst finden will. Neukölln erwächst zum Sehnsuchtsort für die, die Konformität im großen, hippen Chaos anstreben. In solch Getümmel scheint Tricky tatsächlich nur die Rolle des Betrachters zu bleiben. Auf gewisse Weise ist ihm diese Position nicht fremd. Denn auch sein musikalisches Schaffen blickt von außen auf Business und Szene, freilich mit der Gelassenheit und Weisheit eines Typen, der sich und anderen nicht mehr viel beweisen muss oder sogar möchte. Aus eben jener inneren Ruhe erwächst – unabhängig von der Umgebung – manchmal große künstlerische Kraft. Skilled Mechanics kann das eine oder andere Lied davon singen!

skilledmechanics

Skilled Mechanics ist am 22.01.2016 auf False Idols erschienen.

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