Der Anfang im Ende – Laura Gibson

Nicht jede Platte, die Beziehungsenden und Aufbrüche beschreibt, verfügt wirklich über besondere emanzipatorische Kraft. Empire Builder jedoch besitzt diese! Das von einem Neuanfang erzählende Album der US-Singer-Songwriterin Laura Gibson ist ohne Zweifel bemerkenswert. Denn auch wenn es allein in diesem Jahr hunderte Platten geben wird, die thematisch ähnlich angelegt sind, können es zugleich nie genug sein. Weil Frauen viele Jahrhunderte nachholen müssen, in denen sie in Literatur und Musik kaum eine Stimme hatten. Weil Frauen erst in den letzten 50 Jahren allmählich ein selbstbestimmtes Leben führen konnten. Von Singer-Songwriterinnen ersonnene Alben, die von Abschieden und Neuorientierung berichten,  haben stets ihre Berechtigung. Sehr gute Werke umso mehr!

Empire Builder besticht mit folkigem, von urbanem Flair erfülltem Pop. Gibsons makellos helle, angenehm fragile Stimme besorgt den Rest. Schon der Opener The Cause versprüht Streicher-Chic, erinnert an den Sixties-Charme des East Village, ein wummernder Bass und eine aus dem Hintergrund jaulende E-Gitarre kontrastieren die Chose. Es schließt ein Liebeskapitel und wendet sich neuen Dingen zu. Natürlich ist die Neuorientierung nichts, was mit einem Fingerschnippen funktioniert. Das wird etwa beim Song Damn Sure deutlich,  wenn die Vorstellung „Now I’m lost in the belly of a cold museum/ Staring at the beaks on the bird-face men/ Now you’re sitting in the kitchen with someone else/ Stacking up peels of a clementine“ Bedauern und Befreiung in sich vereint. Gibson will ihr Album durchaus teils autobiografisch verstanden wissen, hat sie doch auch vieles – Familie, Freundeskreis und Beziehung – hinter sich gelassen, als sie 2014 vom beschaulichen Portland in Oregon zum Studium nach New York zog. Der pfiffig-charmante Sound sollte freilich nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Neuanfang in der Metropole keinesfalls leicht war. Auch weil im März 2015 eine Gasexplosion ihr Wohnhaus zerstörte. Zwei Menschen kamen dabei ums Leben, Gibsons entging der Katastrophe unverletzt, verlor jedoch alles Hab und Gut. Dies mag dazu beigetragen haben, dass der Neubeginn nachdenklich tönt, sich nie zu einer Huldigung des Big Apple hinreißen lässt. Meiner Einschätzung nach dreht sich das Album nämlich weniger ums Ankommen, vielmehr steht der Aufbruch im Mittelpunkt. Nicht umsonst bezieht sich der Albumtitel auf einen Fernreisezug, mit welchem Gibson quer durchs Land gereist ist. Eine Zugreise lässt Distanz erfahrbarer werden. Jeder zurückgelegte Kilometer wird mit vorbeistreifender Landschaft illustriert, brennt sich so ins Gedächtnis ein. Der mit Impressionen von ihrer Reise gespickte Clip zum folkig-balladesken Titeltrack Empire Builder kann ein Lied davon singen. Der Refrain „We are not alone/ And we are more alone than we’ve ever been/ So hurry up and lose me/ Hurry up and find me again“ verrät, dass ihr Aufbruch keine Flucht vor den Scherben eines Beziehungsendes sein soll, eher einen Abschied samt offenem Ausgang darstellt. Versöhnlich und nostalgisch mutet das überraschende quirlige Country-Stück Two Kids an. So klingt einer der Momente, in dem Vergangenheit und Zukunft miteinander im Einklang scheinen, die Gegenwart leicht wird. Doch was wäre ein Neustart ohne Höhen und Tiefen? Die karge Gitarrenballade Louis mit den Zeilen „Now I’m staring at the Hudson/ I am humming to the passing trains/ And I no longer miss the silence/ But I miss your eyelids flickering“ sinniert wieder dahin, ringt mit sich. Es ist fraglos eine große Stärke der Platte, dass sie nicht tapfer oder gar trotzig sein möchte. Dass sie stattdessen mit Unbehagen und Fragezeichen versehen ist. Ein Aufbruch definiert sich schließlich nicht nur darüber, was man mitnimmt, sondern aus durch das was, was man zurücklässt. Gerade weil hier nicht mit Scheuklappen in eine verheißungsvolle Zukunft geschaut wird, gewinnt Empire Builder an Größe und Authentizität. Als Resultat steht dann ein üppig anschwellender, schonungslos überwindender Abgesang wie das überragende Caldera zu Buche. Gibson überwindet jeden Anflug von Verklärung des Gestern, wagt sich an die Ernüchterung. Und scheint befreit.

Der Anfang im Ende ist das tragende Motiv von Empire Builder. Dabei lässt Laura Gibson keineswegs die toughe, allen Widrigkeiten trotzende, von unendlichem Optimismus beseelte Frau heraushängen. Sie gaukelt nie Stärke oder bedingungslose Zielstrebigkeit vor. Sie nimmt den Aufbruch auch nie zum Anlass für Selbstmitleid oder Verbitterung. Empire Builder ist ein Album ohne Charakterschwächen, das nach vorn schreitet, dafür aber keinen Applaus einfordert. Und auch immer wieder mal über die Schulter zurück blickt. Dadurch wird es so echt und erfahrbar – und richtig gut!

empirebuilder_cover

Empire Builder ist am 01.04.2016 auf City Slang erschienen.

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