Ein junges Gesicht auf altersweisen Schultern – Kevin Morby

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Photo Credit: Dusdin Condren

Natürlich mögen manch Gesichtszüge ansprechender sein als andere, dennoch könnte ich nicht behaupten, dass ich viel auf Äußerlichkeiten gebe. Und trotzdem will ich meine heutigen Überlegungen zu Kevin Morby und seinem formidablen Album Singing Saw mit einem Blick ins Gesicht dieses Singer-Songwriters beginnen. Morby verfügt über ein nicht unsympathisches Dutzendgesicht. In der vollen, von weichen Zügen dominierten Miene des Endzwanzigers hat das Leben kaum Spuren gegraben. Sein Blick will weder Ironie noch Tiefgang verströmen, weder die Weltabgewandtheit eines Kasper Hauser noch die Leichtigkeit eines Sonnyboys vermitteln. Während vielen Musikern ihr Schaffen an der Visage abzulesen ist, würde man sich bei Herrn Morby wohl eher nicht festlegen können. Ohne ihm zu nahetreten zu wollen, man sieht diesem nicht extrem charakterköpfigen Gesicht eher nicht an, dass Singing Saw die Singer-Songwriter-Platte des Jahres 2016 ist!

Was sehnen wir doch einen neuen Dylan herbei, zumindest aber einen Singer-Songwriter, der unseren Blick auf die Welt verändert! Wir gestehen vielen Liedermachern zu, dass sie in der Tradition eines Dylan stehen. Dass es nicht zu mehr reicht, liegt aber vielleicht eher an unserer Wahrnehmung, nicht am Talent vermeintlicher Epigonen. Auf Morby haftet der Fluch der späten Geburt, das Leben in einer Zeit, die sich zwar stets und immer aufregt, zugleich jedoch zu bequem zur Revolution ist. Dabei verfügt ein Song wie I Have Been To The Mountain über alle Kraft, die ein Lied nur haben kann. Der Titel referenziert auf eine Rede, die Martin Luther King am Tage vor seiner Ermordung gehalten hat. Der Inhalt des Songs nimmt Bezug auf den Tod Eric Garners, eines der unzähligen afroamerikanischen Opfer von Polizeigewalt. Dieser wütende Americana-Rock mit gospelhaftem Ernst könnte wirkmächtiger nicht ausfallen. Die Zeilen „That man lived in this town/ Til that pig took him down/ And have you heard the sound/ Of a man stop breathing, pleading?“ äußern einen Zorn, der an Dylans Hurricane erinnert. Singing Saw ist keineswegs politisch, schon gar nicht definiert es sich über Wut, I Have Been To The Mountain aber spuckt allen Frust über eine amerikanische Realität aus. Es ist kein Zufall, dass dieser Ausbruch von vergrübelten Songs umrahmt wird. Cut Me Down beispielsweise ist eine Folkballade, bei der auch die der Platte ihren Titel verleihende Singende Säge Verwendung findet. Morbys Stimme steckt voll versonnener, geschmeidiger Schönheit, strotzt vor müheloser Aufrichtigkeit. Der Titeltrack Singing Saw erinnert mich an die in der Natur nach Erkenntnis strebende New-Age-Ästhetik, wie wir sie früher im Jahr vom famosen Damien Jurado schon gehört gehört haben. Barockes Americana wird hier mit bluesiger Gitarre, gerade sektenhaften Chorälen und weltflüchtiger Spacigkeit angereichert. Wohligen Folk-Pop hat Drunk And On A Star zu bieten, der Refrain „Have you heard my guitar singing/ As it rises from the earth/ And the company it’s bringing/ Is beautiful and nothing worse“ wird dabei von Streichern umschmeichelt. Dieses Stück ist in seiner introspektiven Seligkeit das wohl beste Gegenstück zum vorher erwähnten I Have Been To The Mountain. Großartige Singer-Songwriter erkennt man immer auch daran, dass sie mehr als nur einen Trick in petto haben. Morby ist facettenreich, ohne dass die Kohärenz der Platte in irgendeiner Weise leidet. Der Garage-Folk von Dorothy setzt einen weiteren bezaubernden Akzent. Den Song umgibt eine Sentimentalität, die er sich selbst nicht zu erklären vermag. Daraus resultiert der Drang, sich in die Freuden eines schönen Abends in einer Bar zu flüchten. In den Verheißungen des Moments Sorgen und Zweifel zu vergessen. Auch dieses Lied führt mir die Qualitäten Morbys vor Augen. Gutes Songwriting braucht nicht immer weltbewegende Themen, um emotional bestricken zu können. Oft reicht eben auch eine in einer einzigen Strophe skizzierte Szenerie, um den Hörer völlig einzunehmen. Das von einer schönen Pianomelodie getragene Lied Ferris Wheel beginnt mit den Zeilen „Riding on that ferris wheel/ A chair up in the sky/ Riding on that ferris wheel/ Well I lose my mind sometimes“ und weckt zumindest bei mir den Wunsch, in einem Riesenrad tagträumend über Stadt und Land zu blicken. Das in schleppendem Rhythmus gehaltene, von engelsgleichem Echo durchwirkte Destroyer entpuppt sich dagegen als Trauermarsch. Dominiert von der verwunderten Frage, wo Liebste, Schwester, Mutter denn geblieben sind. Kevin Morbys hervortretende Schwermut veredelt das Album stets, damit steht er zugleich eher in der Tradition eines Jason Molina als des vorher erwähnten Dylan. Das countryhafte Water bringt Singing Saw schließlich zu einem tollen Ende. Mit sympathischer, phlegmatischer Unerschütterlichkeit wird über Lebensperspektiven und Vergänglichkeit philosophiert.

Einmal noch muss ich vor der Instrumentierung dieser Platte den Hut ziehen. Gerade ein Piano ist bei Americana-Klängen keineswegs alltäglich. Zusammen mit dem Produzenten Sam Cohen ist Morby ein vielfältiger Sound geglückt. Mal tönt er psychedelisch, mal ist es bestes Country-Geschrammel, mal gerät er zu ärgerlichem Protest-Folk, mal offeriert er entrückte Balladen mit Streichern und Bläsern voll unaufdringlicher Schönheit. Alles zusammen ergibt ein echtes Meisterwerk überwiegend subtiler Momente. Und eventuell lässt sich all das, was Singing Saw auszeichnet, doch irgenwie im Gesicht Kevin Morbys festpinnen. Vielleicht ist die vermeintliche Eigenschaftslosigkeit auch einer gewissen Zurückhaltung geschuldet. Möglicherweise ist der Verzicht auf mimische Posen Spiegel einer Musik, die all die Ideen und Gedanken ohne dramatische Aufbereitung umsetzt, nur bei I Have Been To The Mountain aus der Haut fährt. Wahrscheinlich ist Morby ein sanftmütig Grübelnder, mit dem Sein stets mehr als mit dem Schein beschäftigt. Ein junges Gesicht auf altersweisen Schultern. Hand aufs Herz, wer wünscht es sich nicht?!

singingsaw_cover

Singing Saw ist am 15.04.2016 auf Dead Oceans erschienen.

Links:

Offizielle Webseite

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