Einem schweifenden Blick hinterherflatternd – Helgi Jonsson

Melancholische Luftschlösser, Pianofantasien aus dem Elfenbeinturm, in diesen Sphären bewegt sich die EP Vængjatak des Isländers Helgi Jonsson. Über Jonsson haben wir in der Vergangenheit gerne und oft geschrieben, sein letztes Album Big Spring hat jedoch mittlerweile auch schon 5 Jahre auf dem Buckel. Der werte Herr war in der Zwischenzeit freilich keineswegs untätig, etwa als Begleiter Tina Dicos aktiv. Doch tut es fraglos gut, endlich wieder Jonsson in Reinkultur zu vernehmen. Zumal diese EP Überraschungen bereit hält! Der Track What Now? weckt mit jedem Hördurchlauf mehr Assoziationen mit den Radiohead der frühen 2000er. Es ist ein irrlichternder, introspektiv kreisender Song, der immer gleich einem Flipperautomat die Frage „What Now?“ hervorblubbert, während Jonsson dazwischen in zunächst getragener, mit Fortdauer dann eindringlicher Manier ein brüchiges, elegantes Lamento anstimmt. Dem steht das konventioneller gestrickte, wunderbar sacht gesungenes Slow gegenüber, das von vorsichtigen Aufbrüchen und hoffnungsvollen Schritten kündet, ein mantrahaftes „Let’s go“ auf den Lippen trägt. Mögen sich die beiden Lieder auch in ihrer Stimmung unterscheiden, beide eint ein sehr edles, dominates Piano, das Akkorde vielfach wiederholt. Der daraus resultierenden Minimalismus fällt wunderbar kontemplativ aus. This Solicitude gefällt als gediegene Singer-Songwriter-Ballade voll erhebender Emotionalität. Bei Hundred Miles sorgen quakende Backgroundvocals für ein Aufhorchen. Beim zweiten Hinhören sticht vor allem Jonssons Gesang hervor. So bedächtig er oft klingt, so schön entfaltet er sich gerade in hohen Passagen. Der Isländer verfügt über keine Ausnahmestimme, weiß diese aber perfekt in Szene zu setzen.

Echtes Island-Flair hat speziell der abschließende Titeltrack Vængjatak zu bieten. Die isländische Musikszene, allen voran Sigur Rós, hat nicht umsonst Jahrzehnte investiert, die eigene Sprache international salonfähig zu machen. Und natürlich passt das fast gletscherklare Piano wunderbar zu dieser Sprache. Streicher und Bläser verpassen der luftigen Atmosphäre ein paar Sonnenklekse. Viel zu schnell endet so eine andächtige, ganz im Gedanken versunkene EP, die vollends in einer Stimmung aufgeht. Dabei Musik von allem unnötigen Tamtam befreit, auf eine puristische Schönheit zurückfällt. Die Lieder von Vængjatak hat Helgi Jonsson an einem Klavier sitzend geschrieben. Dieses Klavier steht vor einer riesigen Fensterfront, die einen Blick auf Berge und Meer erlaubt. Selbst wenn man um diesen Umstand nicht wüsste, man könnte sich die Szenerie genau so ausmalen. Die EP klingt schlicht danach, dass allerlei Gedanken einem schweifenden Blick hinterherflattern!

Vængjatak_cover

Vængjatak ist am 13.05.2016 auf Finest Gramophone erschienen.

Konzerttermine:

24.09.2016 Düsseldorf – Christuskirche
25.09.2016 Frankfurt – Mousonturm
26.09.2016 Berlin – Studio im Admiralspalast

Links:

Offizielle Webseite

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