Grease der Trash-Kultur – Kyle Craft

Lautstarker Glam-Rock aus der Honky-Tonk-Bar? Southern Rock in den Kulissen von The Rocky Horror Picture Show? Meat Loaf meets Dylan? Um dem Album, das ich dieses Mal vorstellen möchte, stilistisch gerecht zu werden, muss man zu eher schrägen Vergleiche greifen. Die außergewöhnliche Platte Dolls of Highland wendet sich nämlich den goldenen Zeiten der ersten Hälfte der Siebziger zu, wühlt sich quer durch die Plattensammlungen dieser Zeit. Dennoch läuft der US-Singer-Songwriter Kyle Craft keinesfalls Gefahr, als Nachahmer betrachtet zu werden. Zu originell sind Songwriting und Vortrag. Beginnen wir gleich mit letzerem. Crafts Tenor fällt ohrenbetäubend inbrünstig aus. Offenbart sich als Mixtur aus einem sich die Seele aus dem Leib schreiender Crooner, Rockabilly-Musical mit einer Persona vom Schlage eines Meat Loaf – und natürlich Dylanscher Ausdrucksexzentrik. All das zu wuppen, dabei nicht zur Karikatur zu verkommen, verdient endlosen Respekt. Erst jene Ausstrahlung erlaubt es dem Songwriting, den Streifzug durch die wilden Siebziger anzutreten.

Es gibt Alben, bei denen bereits die ersten Takte größte Sympathie wecken. Dem Opener Eye of a Hurricane gelingt genau dies. Taucht dabei in die Schwüle der Südstaatenprovinz ein, besingt ein verführerisches Mädchen, das den ihr völlig verfallenen Protagonisten ins Verderben lockt. Die Zeilen „Her mother was a demon but her daddy was the devil/ She fed scraps to her six-headed hound at the table“ beschreiben einen einem Trash-Movie dieser Zeit entfleuchten Charakter. Ein Ragtime-Piano trifft auf kraftvolle Glam-Rock-Attitüde, werwolfhaftes Heulen und die Dylansche Phrasierung des Wortes Hurricane inbegriffen. Der Track geht nahtlos in die nächste Nummer Balmorhea über, das man vielleicht am besten als Verschnitt aus der Rythmussektion von Creedence Clearwater Revival, der Mundharmonika des allgegenwärtigen Dylan und einem deftig-folkigen Croonertum beschreiben kann. Noch wilder wird die Chose bei Berlin, das seinen Namen von der Tänzerin einer „dark burlesque show“ bezieht. Der Glam-Rock-Optik wird dabei die Hemdsärmeligkeit des frühen Meat Loaf beigemengt. Nach solch furiosem Auftakt geht es nicht minder überzeugend weiter. Lady of the Ark stellt der kantig gespielten akustischen Gitarre eine himmlische Süße in Form eines Glockenstabs oder Schellenrings zur Seite. Man stelle sich Meat Loaf im Team mit Phil Spector vor, wenn man von diesem Song ungefähre Ahnung haben möchte. Praktisch bei jedem Lied hat Craft irgendein Aha im Köcher. Beim Country-Rock von Gloom Girl stolpert man unwillkürlich über Bläser, Future Midcity Massacre kommt wieder mit Rockabilly-Charme daher. Black Mary dagegen hat Piano-Man-Anwandlungen, es wäre gar nicht so verwegen, einen kurzen Gedanken an Elton John aus der Zeit von Honky Château zu verschwenden. All die Vergleiche mit den Größen der Musikgeschichte fangen allerdings nur einen Teil der Wahrheit ein. In vielen Momenten ähnelt das Album einem Musical, gerät zum Grease der Trash-Kultur, bei dem unschuldige Jungs Punk-Rock-Girls, Jackknife-Queens und morbiden Frauengestalten auf den Leim gehen. Nirgendwo auf der Platte wird dies so deutlich wie bei Jane Beat the Reaper. Wenn man Dolls of Highland derart begreift, dämmert bald die Frage, warum es so lange gedauert hat, bis endlich jemand mit Idee und kongenialer Realisierung um die Ecke gekommen ist. Sogar das abschließende Three Candles fügt sich ins Bild, obwohl Craft hier für einen Moment die Spleens beiseite lässt und einen balladesken Ausklang beschert. „So what’s there to hope/ And who’s there to please/ And who’s there to love/ On long nights like these“ deutet Erkenntnis an. „You sweet southern belle/ But all that you had/ To give me was hell“ rechnet mit einer promiskuitivien Dorfschönheit ab. Es ist ein großer Aufbruch in der Tradition eines Springsteen oder Dylan. Eine Flucht aus den Untiefen und Abgründen des Südens, ein bittersüßer Abgesang auf das Laster Liebe. Diese Läuterung vollendet das Album auf grandiose Art und Weise.

Vergegenwärtigen wir uns zum Abschluss nochmals all die Faszinationen von Dolls of Highland. Da wäre zunächst Kyle Crafts kräftige, ja imposante Stimme, die wie für eine Zeitreise in die Siebziger gemacht scheint. Dass er dieses Stilgemisch zu einem stimmigen, aufregenden Ganzen vereint, ist die nächste Heldentat. Und als genüge dies nicht bereits, wird auch noch die verruchte Jugendkultur dieser Zeit gewürdigt. So gleicht das Werk einem Boy-meets-Girl-B-Movie, dem ein Richard O’Brien bizarre Elemente hinzugefügt haben könnte. Wer sich auf diese Prämisse einlassen möchte, wird an dieser Platte ganz viel Freude haben. Und fraglos eines der erinnerungswürdigsten Alben des Jahres 2016 erleben!

dollsofhighland

Dolls of Highland ist am 29.04.2016 auf Sub Pop erschienen.

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