Made in Germany, ha! – Klaus Johann Grobe

Deutschland, deine Künstler! Backen wir uns doch einen! Die Zutaten sind rasch zur Hand. Man nehme ein bisschen vom Charme deutscher Chansons der Sechziger und Siebziger, denke dabei an eine Hildegard Knef oder einen Manfred Krug, und füge das Easy Listening eines James Last hinzu. Man geize nur ja nicht mit krautigen Elementen, denn bekanntlich ist es das Genre, das Deutschland zur Musikgeschichte der letzten Dekaden beigesteuert hat. Auch auf NDW-Textlichkeit darf unter keinen Umständen verzichtet werden. Ein wenig Andreas Dorau ist ohnehin nicht verkehrt. Nicht vergessen, die Chose dann mit einer ordentlichen Portion PeterLicht zu würzen! Wenn man all dies kräftig verquirlt, erhält man Klaus Johann Grobe. All die Ingredienzien schreien förmlich nach Musikvergnügen made in Germany. Und tatsächlich ist das Album Spagat der Liebe purer Genuss! Doch einen Haken hat die Geschichte. Das Duo, das hinter dem für eine Band reichlich skurrilen Namen steckt, stammt aus der Schweiz!

Schauen wir uns doch im Schnelldurchlauf einige Lieder dieser Platte an. Gleich zu Beginn vermag Ein guter Tag einfach nur zu begeistern. Die Zeilen „Komm lass uns bald nach draußen gehen, siehst du denn nicht, die Sonne scheint, der Tag ist lang, wir beide nur, da können wir doch einfach sein. Nein, nein, nein, nein, nein, nein, schau mir ins Gesicht, ich hab doch auch nicht genug gehabt von dir.“ entwerfen mit wenigen Worten ein Ringen ums Idyll. Soll die Innigkeit einer neuen Liebe in den eigenen vier Wänden ausgekostet oder vielmehr stolz mit der Umgebung geteilt werden? Musikalisch wird das von einem funky Krautrock mit psychedelischen Untertönen getragen. Ohne Frage großartig! Wo sind wabbert spacig und hypnotisch, während der Refrain „Wo sind wir dann, sind wir wo, sind wir dann, sind wir dann, sind wir wo, sind wir wo, sind wir dann?“ sich einen Knoten ins Hirn singt. PeterLicht in den frühen Siebziger im Tonstudio Conny Planks, von solchem Kaliber ist dieser Track. Herrlich fällt auch die Disco-Schwüle von Rosen des Abschieds aus. Nicht minder unwiderstehlich die schräge Orgel und der ins Ohr trippelnde Bass der Nummer Pure Fantasie, die im gesanglich Vortrag so wirkt, als hätte Linus Volkmanns Super-Lupo zum Mikro gegriffen. Heut Abend nur besticht als auf dilettantisch getrimmtes Chanson, das sich in Richtung Karikatur lallt. Bei Geschichten aus erster Hand ist man endgültig geneigt, den Namen Kraftwerk in einem Atemzug mit den kuriosesten Verfechtern der Neuen Deutschen Welle zu nennen. Doch wäre diese Beschreibung eher unzureichend, denn in das zunehmend trashiger werdende Stück  verirrt sich auch mindestens ein schmieriger Disco-Gigolo. Nostalgische, trockene Lyrics wie „Wir sind durch die Gegend gelaufen, im großen Stil. Ja, ohne Wenn und Aber, das war unser Deal. Ja, man konnte es sich leisten, richtig cool zu sein, denn die wirklich guten Leute waren nicht dabei.“ imponieren bei Ohne mich, das dank wie aus einem Hobbykeller der Republik erschallendem Easy Listening gefällt. Apropos Easy Listening, ich müsste mich schon sehr irren, wenn sich die Herren Sevi Landolt und Dani Bachmann bei Liebe am Strand nicht die eine oder andere Inspiration bei James Last geholt haben. Liebe am Strand ist wie der Soundtrack zu einem soften Sexfilmchen der Siebziger, das unbedingt gedreht hätte werden müssen. Man könnte Spagat der Liebe generell für einen Riesenjux halten, etwa wenn beim finalen Gedicht die chansonesque Atmosphäre durch ungelenken Gesang und unbeholfene Texte konterkariert wird. Aber die charmante Chose tönt mindestens so sehr nach wehmütiger Hommage wie nach Groteske. Ob Ausgeburt des Trashs, subversive Party oder atemberaubende Vision, nichts ist diesem Album fremd. Und wirkt in seinen absurden Zügen nah am Zeitgeist jener Tage.

Die eigentlich Ironie an diesem mit einem Wow korrekt charakterisierten Album habe ich bereits angedeutet. Spagat der Liebe ist von zwei Schweizern ersonnen. Eventuell erlaubt eben jener unverkrampfte Blick von außen, die Aufarbeitung deutscher Musikhistorie seit den späten Sechzigern. Klaus Johann Grobe gelingt, was in der Theorie zwar famos scheint, in der Umsetzung eigentlich ganz und völlig zum Scheitern verurteilt sein müsste. Umso höher ist der Erfolg einzustufen. Ein Stachel jedoch verbleibt im Fleisch deutscher Musikfans. Warum müssen erst Schweizer antanzen, um das hiesige Wirken der letzten Jahrzehnte ansprechend zu würdigen? Made in Germany, das war einmal und ist nicht mehr!

spagatderliebe

Spagat der Liebe ist am 06.05.2016 auf Cargo Records erschienen.

Links:

Offizielle Webseite

Klaus Johann Grobe auf Facebook

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