Natur ist kein harmloser Erlebnispark – Dana Falconberry & Medicine Bow

Der Natur und den Elementen ganz nah zu sein, das haben wir längst verlernt. Und damit meine ich nicht nur Stadtmenschen. Auch auf dem Land findet sich mehr Kulturlandschaft als ursprüngliche Natur. Die Macht, die Natur über Menschen hat, ist uns oft nicht länger bewusst. Berge, Täler, Wiesen und Wälder kennen wir zwar aus Dokus im TV, aber selbst in den prächtigen Bildern geht etwas verloren. Ich bin eigentlich nicht übertrieben mystisch aufgelegt, doch meine ich, dass ein Erleben von Natur in der Abgeschiedenheit eine große spirituelle Erfahrung darstellt. Baum und Tier, Gipfel und Himmel beginnen zu erzählen. Viele Singer-Songwriter folgen dem Trend, unserer hochtechnisierten Welt zu entsagen und sich zurück zur Natur zu orientieren. Was mir dabei manchmal zu kurz kommt, ist die Schilderung der Natur. Manch Singer-Songwriter kommen zwar aus der Wildnis, wirken jedoch adrett und geläutert, so ganz ohne Kratzer oder gar verdreckte Klamotten. Bei hipsterigen Vertretern ist man oft sogar geneigt zu glauben, dass der Bart vorm Gang in den Wald viel länger war als hinterher. Allerdings ist Natur kein harmloser Erlebnispark. Vielmehr bedeutet sie eine existentielle Erfahrung. Wie diese aussehen kann, vermag das Album From The Forest Came The Fire auszumalen. Dana Falconberry & Medicine Bow imponieren mit einem überaus poetischen, anschaulichen und besonders lebendigen Chamber-Folk mit Dream-Pop-Elementen.

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Photo Credit: Jorge Sanhueza-Lyon / Dana Falconberry

Dana Falconberry ist eine Singer-Songwriterin, wie man sie sich nicht besser basteln könnte. Mit einem über Alltagssprachlichkeit hinausgehenden Wortschatz artikuliert sie eindringliche Bilder und Gedanken. In ihren Liedern lauert immer ein Wachstum durch Erkenntnis. Musikalisch heckt sie gern grazil tänzelnde Melodien aus, die von ihrer Band lebhaft ausgestaltet werden. Dieser manchmal poppige Americana-Sound bietet viel mehr als nur eine Klampfe am Lagerfeuer. Schon die ersten Zeilen „Then thought I heard my name called from high through heavy rain./ And as I woke the river spilled, but when you spoke my heart was filled./ All that we now hold shall too go.“ verdeutlichen einen heute eher unmodernen Determinismus. Den Opener Snail Shells ereilt ein Ruf, der in einer Vorstellung von Vergänglichkeit mündet. Selbstfindung und Loslassen werden sehr befreiend dargestellt. Den pittoresken Sound mischen Percussion und Drums ordentlich auf, verleihen ihm so eine stets leichtfüßige Dynamik. Bei Cormorant tapst zu Beginn ein Banjo um Falconberrys gleich Quellwasser reinen Gesang, ehe Mann und Maus zu den Instrumenten greifen und zum Americana-Orchester erwachsen. Wobei Mann hier nur bedingt richtig ist, denn die Band besteht neben Falconberry aus drei Frauen und zwei Männern. Eine mehrheitlich von Frauen getragene Truppe ist beim Folk nicht unbedingt alltäglich. Dolomite bildet mit seinen fast sieben Minuten ein Herzstück des Albums, entzückt mit geheimnisträchtigem Romantizismus. Wenn im Traum eine Verwandlung zum Vogel stattfindet („When for a breath I did pause, my fingers turned to claws, oh how brand new I was./ Out my back wings did sprout, opened up my mouth to shout, but what a song came out!“ ) und die Zeilen „Then from the sky, down from the sky came a great wind, it swept me. And who am I, oh who am I not to take this lift if it will let me?“ das Aufsteigen in himmliche Höhen beschreiben, fällt das Erwachen sehr schwer, bleibt sogar die Sehnsucht nach einem möwenhaften Gleiten über die Weite zurück. Selbst Synthies fügen sich nahtlos in diese großartig ausstaffierte Szenerie ein! Cora Cora ist noch so eine epische Geschichte über Sehnsucht. Es zeichnet zunächst das Bild einer Frau, die der Veränderung harrt. In einer gewissen Tristesse („Winter has perched to quiet and quell, quick as the night it fell./ If there is life beneath the snow, it has not made itself known./ If there’s a sound here for to hear, it has missed my ears.“ ) gefangen scheint. Eine Krähe lockt sie in die Wildnis, wo abermals Befreiung und Erkenntnis lauern. Falconberrys Figuren transzendieren vielfach, die Lyrics skizzieren nicht einfach nur einen Zustand des Unglücks, sie beschreiben eine innere Veränderung. Das spiegelt sich auch in der Musik wider. Anfängliche Getragenheit wandelt sich rasch zu einem inspirierten Indie-Pop-Sound. Gänzlich anders realistiert ist dagegen Oxheart, das in elegantem Dream-Pop scheppert. Auch Powerlines tanzt aus der Reihe, diesmal jedoch textlich. Spielt es sich doch an einem Schauplatz ab, der vom Menschen geprägt ist. Hier gerät eine Hochspannungsleitung am Rande der Stadt zum Ausgangspunkt für eine intensive Erfahrung. „Oh the buzz, oh the hum, oh the sound as the power pushed through to town./ There with our shoulders sloped, we stood as silhouettes to the city below.“ beschert ein weiteres Bild, das wie von selbst vor dem inneren Auge Gestalt annimmt. Das Pulsieren des Starkstroms dringt aus dem Hintergrund ans Ohr, während die Musik vordergründig andächtige Romantik kultiviert. Mit dem finalen Alamogordo klingt das Album überraschend makaber aus. Alamogordo ist eine Kleinstadt in New Mexico, in jenem Teil es des US-Bundesstaats sogar, in dem Atomwaffen getest wurden. Und darauf spielen die Zeilen „Oh Alamogordo, I saw the brightest light, when from the forest came a fire, brazen and erudite.“ wohl an. Der Song entfernt sich vom Folk, wird von marschierenden Drums getragen, bewegt sich hin zu düsterem Synthie-Pop.

From The Forest Came The Fire ist keine herkömmliches Aussteigerplatte, die mal flugs in den Wald spaziert und ein lebensweises Liedchen pfeifend wiederkehrt. Eher arbeitet es eine Schicksalhaftigkeit heraus, die die menschliche Natur in die Zivilisationsferne treibt. Monologe mit dem Selbst gehen dabei in Dialoge mit der umgebenden Landschaft über. Berge und Täler, Flüsse und Wald sind stets mehr als lediglich Kulisse im Kampf um Seelenfrieden. Dana Falconberry und ihre kongeniale Band Medicine Bow arrangieren die Lieder auch wirklich großartig. Neben dem Grundgerüst aus Schlagzeug, Bass und Gitarre sorgen ein Cello und ein Banjo für kammermusikalischen Flair. Und als wäre das nicht bereits genug, schimmert öfter die elektronische Komponente durch, geben Synthies der Chose moderne Bodenhaftung. All die aufgezeigten Qualitäten machen diese Platte zu einem Muss, sowohl für Naturversteher als auch für Fans orginellen Folks. Man glaube mir, das Album ist eine Entdeckung wert!

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From The Forest Came The Fire ist am 22.04.2016 auf BB*ISLAND erschienen.

Links:

Offizielle Webseite

Dana Falconberry & Medicine Bow auf Facebook

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