Schlaglicht 53: Marissa Nadler

Meine Wertschätzung gegenüber der US-Singer-Songwriterin Marissa Nadler hat schon über 10 Jahre auf dem Buckel und wurde in der Vergangenheit immer wieder auf diesem Blog deutlich. Bereits mit ihrem feinen Debüt Ballads of Living and Dying (2004) hat sie sich als Vertreterin des New Weird America zu erkennen gegeben. Nicht zufällig, denn Nadler ist im an eigentümlicher Folklore reichen New England aufgewachsen, das vom nördlichen Teil des Appalachen-Gebirges durchzogen wird. Schon zu Beginn ihres Wirkens tönte ihr Folk völlig aus der Zeit gefallen, geradezu archaisch und geheimnisumrankt. Mit dem zweiten Album The Saga of Mayflower May aus dem Jahr 2005 wurde der eigene Stil dann weiter verfestigt. Ihre Lieder wirkten wie obskure Schwarz-Weiß-Bilder aus dem 19. Jahrhundert, deren abgebildeten Personen längst vergessen und begraben und sämtliche Häuser, Orte und Landschaften nicht mehr wiederzuerkennen sind. Eine Verwunschenheit durchzog ihre von akustischer Gitarre und weltfremdem, entrücktem Gesang dominierten Platten. Genau diese Aura und diesen Sound hat sie über die Jahre weiter kultiviert, in Nuancen erweitert. Spätestens mit Little Hells von 2009 wurden auch Schlagzeug und Synthies fester Bestandteil der Instrumentierung. Stilistisch öffnete sie sich zugleich immer stärker hin zu Dream-Folk mit ab und an countryhaften Anklängen. Ihre wirklich großartige EP The Sister hatte ich 2012 so charakterisiert: „Emotionale Pein verliert an Bedrückung, wenn sie in den Mantel der Unwirklichkeit gehüllt wird. Wenn Seelenqualen mit Spinnweben behangen durch den Äther schallen, vorgetragen mit dem Zauber einer Circe, dann lässt sich allerlei Abgründiges bestens ertragen. Der Dream-Folk der US-Singer-Songwriterin Marissa Nadler scheint einem Albtraum entsprungen und dennoch fühlt der Hörer keinen Kloß im Halse. Nadlers Lieder sind ein faszinierender Spuk, geistern durch pittoreske wie spartanische Kulissen.“

Auch in den letzten Jahren war sie keineswegs untätig. 2014 erschien mit July eine Platte, die ich als Kontrapunkt zur Glamour-Patina einer Lana Del Rey beschrieb. Sie bereise ein Amerika geplatzter Illusionen und zerbrochener Träume, verwende dabei keine hippen Instragram-Filter, so notierte ich damals. Nun steht in diesem Monat die Veröffentlichung ihres neuen Werks Strangers an. Und so sehr ich an meiner Einschätzung von July auch festhalte, hat sich seitdem einiges getan. Eine Lana Del Rey  hat längst selbst auf famose Weise einen Abgesang auf das ikoneske Amerika angestimmt. Marissa Nadler wiederum hat das divenhafte, dramatisch getragene Schwelgen für sich entdeckt. Ich möchte damit keinesfalls behaupten, dass Nadler der werten Lana Del Rey einfach nacheifert. Vermutlich ist die Zeit einfach reif für eine Mehrung solcher Klänge. Das Stück All the Colors of the Dark hätte vor allem vom Gesang her auch auf Honeymoon stattfinden können, aber auch die eingesetzten Streicher geben dem Song eine wehmütige Schwüle. Dass sich Strangers von Nadlers bisherigem Schaffen doch stark unterscheidet, unterstreicht einmal mehr der Refrain von Janie in Love. Wer ganz begierig auf Del Reys nächsten Streich wartet, wird mit diesen beiden Liedern mehr als nur Lückenbüßer finden. Solch räkelnden Pop hat man von Nadler – wie eingangs beschrieben – bislang noch nicht gehört. Der dritte bereits veröffentlichte Track des neuen Werks setzt den Trend fort. Bei Katie I Know schimmert beim Gesang zwar immer wieder die geheimnisvolle, sirenenhafte Helle vergangener Alben durch, von den dichten, sagenumwobenen Wäldern der Appalachen-Folklore ist freilich nichts mehr übrig. Hier wird sich eher umgeben von karger Vegetation an einem Pool geräkelt, während die Sonne vom Himmel brennt.

Ob man Marissa Nadler nun eine Wandlung oder aber nur Weiterentwicklung attestiert, bleibt den Hörern selbst überlassen. Ich für meinen Teil bin von den neuen Songs sehr angetan. Strangers ist eine Platte, die man so wohl nicht hat kommen sehen. Die eine für Nadlersche Verhältnisse überraschende, fraglos von Del Rey losgetretene Zeitgeistigkeit ausstrahlt. Gegen solch einen Zeitgeist scheint freilich nichts einzuwenden, zumal er bei Nadler eine unangeahnte Ausstrahlung zutage fördert! Man höre, man staune.

strangers_nadler

Strangers erscheint am 20.05.2016 auf Bella Union.

Links:

Offizielle Webseite

Marissa Nadler auf Facebook

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